Weihnachten 1942 in Stalingrad: Von Münden in den Kessel

Die Hochzeit: August Zollmann und Martha, am 25. Dezember 1940. Repros: Privat

Der Mündener Thomas Dehnhardt hat kürzlich den Boden in seinem Haus aufgeräumt. Er hat dabei alte Feldpostbriefe gefunden, die sein Onkel August Zollmann aus dem Kessel von Stalingrad geschrieben hat. Im Winter 1942/43 an seine Frau Martha.

Martha, genannt Martchen, meine Tante, war ein wildes Kind. Als Zwölf-jährige sprang sie schon mal von der Werrabrücke in den Fluss und wurde in buchstäblich letzter Sekunde am Wehr zappelnd wieder herausgefischt. Sie war eines von fünf Kindern des Musikalienhändlers Friedrich Borkowski (später Arbeiter bei C.F. Schröder), der in 1920er-Jahren sein kleines Geschäft in der unteren Langen Straße betrieb.

Durch die Weltwirtschaftskrise gingen die Geschäfte immer schlechter. Die älteste Tochter Leni schickte man als Haushaltshilfe nach Hamburg. Martha, fünf Jahre jünger, kam zur Familie des Holzimporteurs Haussier nach Berlin. Dort erlebte das junge Mädchen die gesellschaftlichen und politischen Turbulenzen der Metropole Ende der 20er-Jahre hautnah.

Später, zurück in Münden, ging sie gern tanzen. Bergschlösschen und Hotel Andreesberg waren die angesagtesten Lokale. Bei Männern, wie sie einmal aus der Schule plauderte, war sie wählerisch: „Man muss ihnen beim Tanzen in den Nacken riechen, nur wenn sie gut riechen, sind sie sauber und kommen in Frage“, war ihre Devise. Irgendwann im Jahre 1939 fiel die Wahl auf den jungen Soldaten August Zollmann, geboren am 23. Juli 1917 in Hadamar, Kreis Limburg (Hessen).

Als Kfz-Schlosser wurde er zum 29. Pionier-Bataillon in Münden einberufen und wurde bald Unteroffizier. Die Verlobung fand laut Gravur des noch existierenden Verlobungsringes am 13. August 1939 statt. Als Hochzeitstag wählte man den 1. Weihnachtsfeiertag des Jahres 1940.

Martha nannte ihren ,Männi’ Heinz, weil sie den Vornamen August nicht mochte. August Zollmann kam zunächst in Frankreich, später im Osten zum Einsatz. Im Oktober 1942 lag seine Kompanie tief in Russland und er erhielt einen dreiwöchigen Heimaturlaub. Beide wünschten sich ein Baby.

Tag des Abschieds

Der Tag des Abschiednehmens war gekommen. Man stelle sich den Bahnhof in Münden vor, voll von Menschen, Soldaten, Frauen, Kindern, qualmenden, zischenden Lokomotiven. Inmitten Martha und ,Heinz’ - eng umschlungen. Es war das letzte Mal, dass sie sich in den Armen lagen, in die Augen sahen.

Karte aus Leipzig

Am 25. Oktober 1942 verließ August, genannt Heinz, Münden mit dem Zug Richtung Osten zu seiner Kompanie. Liebevoll gerüstet mit Wurstbroten, Kuchen, Butter und Obst von der Liebsten, seinem ,Purzelmäuschen’.

Noch war er guter Dinge. Sein erstes Schreiben an Frau Martha Zollmann, Hann. Münden, Schröderstraße 9, war eine Karte aus Leipzig.

Von Thomas Dehnhardt

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