Trendwende in Niedersachsen

Zahl der jugendlichen Komasäufer nimmt ab

Landkreis Göttingen. Die Krankenhäuser in der Region berichten Erfreuliches: Immer weniger Kinder und Jugendliche im Landkreis Göttingen betrinken sich so schwer, dass sie mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus müssen. Damit bestätigen die Kliniken die Krankenkasse DAK, die in Niedersachsen von einer Trendwende beim Trinken spricht.

Offensichtlich zeige es Wirkung, dass die Jugendlichen mit Präventionsprojekten verstärkt über die Gefahren des Komasaufens aufgeklärt werden, so die Krankenkasse. „Akute Alkoholintoxikationen mit stationärer Einweisungsnotwendigkeit sind nach unseren Zahlen in den vergangenen Jahren leicht rückläufig“, berichtet Prof. Dr. Volker Kliem, Leitender Arzt der Inneren Abteilungen im Krankenhaus Münden und im Nephrologischen Zentrum Niedersachsen.

Laut Prof. Kliem werden pro Jahr etwa 20 Jugendliche in Hann. Münden mit einer Alkoholvergiftung stationär behandelt. Wie viele Rausch-Patienten die Uni-Klinik Göttingen aufnimmt, wollte sie nicht nennen. Doch auch sie spricht von einem Rückgang: 2014 seien es weniger junge Menschen gewesen, die nach exzessivem Alkoholkonsum in der Notaufnahme landeten, erklärt Prof. Dr. Sabine Blaschke, Ärztliche Leiterin der Universitätsmedizin Göttingen.

In den Krankenhäusern im Altkreis seien die Jugendlichen im Schnitt 19 Jahre alt gewesen, die wegen einer Alkoholvergiftung versorgt werden mussten. Der jüngste Rausch-Trinker war dabei 14 und der älteste 24 Jahre alt.

„2012 und 2013 waren es mehr männliche als weibliche Patienten, 2014 war es jedoch nahezu ausgeglichen“, informiert Prof. Kliem. In der Uni-Klinik Göttingen waren es 2014 doppelt so viele Jungen wie Mädchen, die zwischen 16 und 30 Jahre alt waren, berichtet Prof. Blaschke. Jüngere Komasäufer kämen in die Göttinger Kinderklinik.

Nach Angaben des Statistischen Landesamtes wurden 2013 in Niedersachsen insgesamt 2296 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 20 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung in einem Krankenhaus behandelt. Wirft man einen Blick zurück, auf die Statistik von 2003, zeigt sich ein Anstieg der jugendlichen Rausch-Trinker von rund 66 Prozent innerhalb von zehn Jahren: 2003 waren es noch 1383 betrunkene Kids.

„Einer der Gründe, warum Jugendliche Alkohol trinken, ist schlicht und ergreifend: Sie werden erwachsen und nehmen erwachsene Verhaltensweisen an“, erklärt Aline Rheinfurth, Diplom-Pädagogin bei der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention des Diakonieverbands Göttingen.

Ihrer Erfahrung zufolge wird von jungen Menschen viel Alkohol getrunken, um einen Rausch zu erleben, um ihren Status in der Clique zu heben, um etwas Besonderes zu erleben. Zu viel würden sie trinken, weil sie noch nicht gelernt hätten, dass mehr nicht unbedingt besser sei, dass Alkohol vorsichtig konsumiert werden müsse. „Die wenigsten Jugendlichen trinken zu viel, weil sie Probleme haben, sondern weil es ihnen Spaß macht“, sagt die Diplom-Pädagogin.

Teenager befinden sich in einer altersentsprechenden Phase von Risikoverhalten, wozu auch heftiger Alkoholkonsum gehört, meint Rheinfurth. Sie merkt aber auch an: „Normalerweise werden die meisten Jugendlichen trotz ihres zeitweise hochriskanten Konsums nicht abhängig“. Durch veränderte Schwerpunkte im Lebensalltag würden Heranwachsende auch wieder weniger Alkohol trinken.

„Jedes Wochenende Party bis zum Umfallen ist dann nicht mehr angesagt, weil der gemütliche Abend mit Freund oder Freundin nach anstrengender Arbeitswoche dann Vorrang hat“, so die Expertin.

Kindern und Jugendlichen, die nach exzessivem Alkoholgenuss im örtlichen Krankenhaus landen, wird von den dortigen Ärzten der Besuch der Jugendsprechstunde der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention empfohlen.

„Trotzdem gab es in der Vergangenheit nur wenige Nutzer“, sagt Rheinfurth. Und wenn, dann kamen sie auf Anraten beziehungsweise Druck von Eltern oder Betreuern. Also genau so wenig wie Erwachsene mit Alkoholproblemen aus eigener Einsicht, sondern weil ihr Verhalten Schwierigkeiten gemacht hat und andere auf die Auseinandersetzung oder Verhaltensänderung drängen - seien es die Eltern oder der Arzt. (fis)

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