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Coworking mit Schweinen und Hühnern: Dieses Büro ist echt tierisch

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Von: Matthias Lohr

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Einst betrieb David Roth den legendären Mode-Blog „Dandy’s Diary“. Nun hat der Nordhesse in Berlin einen Coworking-Space mit Schweinen und Hühnern eröffnet.

Berlin – David Roth ahnte schon am ersten Tag, dass es sich gelohnt haben könnte, in Berlin-Mitte einen Coworking-Space mit Tieren eingerichtet zu haben. Am Wochenende eröffnete der aus Grebenstein stammende Künstler in der Prenzlauer Allee ein Gemeinschaftsbüro, in dem Kreative zwischen zwei Schweinen, einer Ziege und sechs Hühnern arbeiten können. Einer der ersten Besucher, so erzählt es Roth, war ein „Berliner Hipster Boy“, der sich wunderte, dass eines der Schweine wie ein Dackel aussehe. Der Großstadtmensch hatte vergessen, wie Schweine aussehen.

Die Geschäftsidee, die wie ein Witz klingt, ist ernst gemeint – und vielleicht auch nötig, wie die Reaktion des Besuchers zeigt. Laut Roth haben viele urbane Menschen den Bezug zur Natur verloren. Das sei bedenklich: „Die Natur stellt die Basis dar: Sie grounded uns.“ Für 100 Euro pro Woche können Berliner in Roths Gemeinschaftsidee in der P7 Gallery mit dem etwas sperrigen Namen „coworking in connection with nature“ nicht nur ihren Laptop aufklappen, sondern auch Ausmisten und Füttern. Die Verbindung mit der Natur soll erden.

Diese Arbeit in der Gemeinschaft sei bereichernd, versichert der 38-Jährige, der in der Pandemie einen weiteren Trend ausgemacht hat. Großstädter sehnen sich nach dem Leben auf dem Land: „Wir drehen das um und holen das Landleben auf radikalste Weise in die Stadt.“

Das Landleben erobert Berlin-Mitte: David Roth hat in der Prenzlauer Allee das Gemeinschaftsbüro „coworking in connection with nature“ eröffnet.
Das Landleben erobert Berlin-Mitte: David Roth hat in der Prenzlauer Allee das Gemeinschaftsbüro „coworking in connection with nature“ eröffnet. © Gadi Sahar

Coworking unter Schweinen: Nicht die erste Idee des Künstlers

Es ist nicht die erste ungewöhnliche Idee, mit der der ehemalige Schüler der Kasseler Max-Eyth-Schule für Furore sorgt. Mit seinem in Schöneberg bei Hofgeismar und in Kassel aufgewachsenen Schulfreund Carl Jakob Haupt machte der Modejournalist den Blog „Dandy’s Diary“ zur virtuellen Stilikone. Dort wurde nicht nur über Modetrends geschrieben, sondern auch über Kunst, Politik und Konsum. Roth und Haupt legten sich mit der Modekette H&M an, weil sie deren Produktionsverhältnisse in Indien anprangerten. Zudem organisierte das Duo auf der Berliner Fashion Week und auch 2017 auf der documenta schillernde Partys, von denen prominente Gäste noch heute schwärmen.

Als Haupt 2019 mit nur 34 Jahren an Magenkrebs starb, trauerten Stars wie Bill Kaulitz (Tokio Hotel) und Wilson Gonzales Ochsenknecht um den kreativen Kopf, den der Boulevard in Nachrufen „Party-König“ nannte, der für viele aber ein guter Freund war.

Kunstausstellung in Kassel: David Roth stellt Toilettengeräusche aus

Sein bester Kumpel David Roth verkündete bald das Ende des „Dandy Diary“-Blogs. Seither pendelt er als Künstler mit seiner Freundin zwischen Berlin, der französischen Atlantikküste und Grebenstein, wo seine Eltern leben – das Künstlerpaar Georg Roth und Karin Bohrmann-Roth.

Im Juni präsentierte er in einer temporären Galerie in Kassels Vorderem Westen eine Soundinstallation mit Toilettengeräuschen aus dem Centre Pompidou und anderen weltbekannten Museen. Natürlich wurde auf der Vernissage laut gefeiert. Leise wird es um Roth also nicht.

Trotzdem hat er während der Pandemie auch bei sich einen Hang zur Natur festgestellt. Als er sechs Jahre alt war, bekam er ein vietnamesisches Hängebauchschwein geschenkt, das er „Nuckelchen“ nannte. Nun ging er auf einmal stundenlang im Grunewald spazieren.

Arbeit zwischen Schweinen und Hühnern hat „etwas Meditatives“

Auch Roth selbst hat schon ausgiebig in seinem Coworking-Space am Rechner gearbeitet. „Es hat etwas Meditatives, wenn die Stille einkehrt.“ Die sechs Hühner hat er von seiner Mutter aus Grebenstein. Auch die anderen Tiere kommen aus Nordhessen. Alle seien glücklich. Wenn den Tieren die Büro-Menschen auf die Nerven gehen, können sie im Garten chillen.

Roth glaubt sogar, dass das Arbeiten in seinem Coworking-Space produktiver macht. Die Hühner legten jedenfalls in den ersten Tagen sechs Eier. Am Morgen danach gab es für alle ein Bauernfrühstück. (Matthias Lohr)

Stiftung gegen Krebs

Mit seinem nordhessischen Schulfreund Carl Jakob Haupt betrieb David Roth den Mode-Blog „Dandy’s Diary“. Nach dem Krebstod von Haupt 2019 hat dessen Witwe Giannina Haupt die Carl-Jakob-Haupt-Organisation aufgebaut, die Krebspatienten sowie Angehörige unterstützen und auf die Krankheit aufmerksam machen will. So erscheint am 3. November eine Charity-Kollektion mit dem Jeans-Hersteller Levi’s. Der Verkaufserlös geht zu 100 Prozent an die Stiftung.

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