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Heute feiern viele Ukrainer Weihnachten: Für sie wird es ein Fest mit vielen Tränen

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Von: Katja Rudolph

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Zwölf Speisen für die zwölf Apostel zum Fest: Liudmyla und Aleksander Bistriker zeigen die traditionellen ukrainischen Gerichte für den Heiligen Abend. Sie sind im März aus Kiew nach Kassel geflüchtet.
Zwölf Speisen für die zwölf Apostel zum Fest: Liudmyla und Aleksander Bistriker zeigen die traditionellen ukrainischen Gerichte für den Heiligen Abend. Sie sind im März aus Kiew nach Kassel geflüchtet. © KATJA RUDOLPH

Viele ukrainische Geflüchtete feiern heute Heiligabend. Liudmyla Bistriker ist eine von ihnen. Wir haben sie gebeten, uns von ihren Bräuchen und den Gefühlen in diesem Jahr zu erzählen.

Kassel – Während die meisten Menschen in Kassel den Weihnachtsbaum nun wieder vor die Tür stellen, geht für viele Geflüchtete aus der Ukraine Weihnachten erst los. Nach dem alten julianischen Kalender feiern orthodoxe Christen heute den Heiligen Abend mit Jesu Geburt.

Es ist ein Fest mit gemischten Gefühlen, sagt Liudmyla Bistriker. Auch wenn sie vom Symbol der Hoffnung spricht, das mit Jesu Geburt verbunden ist, kämpft die 61-Jährige mit den Tränen. Sie denkt an viele Freunde und Verwandte in der Ukraine, die heute unter härtesten Bedingungen das Fest begehen.

Auf den Tag genau vor zehn Monaten ist Liudmyla Bistriker mit ihrem Mann Aleksander und ihren Eltern aus Kiew geflüchtet vor dem russischen Angriffskrieg. „Wir waren das letzte Auto, kurz hinter uns wurde die letzte Brücke nach Westen gesprengt“, erzählt die Ukrainerin. Ihr Sohn Felix lebt mit seiner Frau bereits seit drei Jahren in Kassel. Er nahm Eltern und Großeltern in der Zwei-Zimmer-Wohnung in der Hasenhecke auf. Inzwischen haben die Bistrikers eine möblierte Wohnung in Ihringshausen gefunden.

Liudmyla Bistriker hat in Kiew an der nationalen Akademie der Wissenschaften Deutsch unterrichtet. In Kassel gibt sie nun im Rahmen eines Minijobs in der Baptistengemeinde „Kirche im Hof“ Deutschkurse für andere Geflüchtete. „Das sind meine schönsten Tage, für mich, für meine Seele“, sagt die 61-Jährige. Wenn ihre Schülerinnen und Schüler Fortschritte machen, sei es für sie das schönste Geschenk.

Große Sorgen macht sich Liudmyla Bistriker um ihre pflegebedürftigen Eltern, 85 und 87 Jahre alt, die sie im neuen Zuhause versorgt. Sie kommen mit dem Verlust der Heimat nur schwer zurecht. „Wo ist unser Kiew?“, frage ihre 85-jährige Mutter, die das Haus kaum noch verlassen könne, immer beim Blick aus dem Fenster. Vor den Feierlichkeiten mit der Familie zuhause am Abend wird Liudmyla Bistriker heute Mittag mit rund 40 Ukrainerinnen und Ukrainern aus den Deutschkursen gemeinsam eine Weihnachtsfeier in der Kirche im Hof an der Friedrich-Ebert-Straße gestalten. Über die Initiative zu diesem Fest sei man Gerti Schneider von der Gemeinde, die mit weiteren Ehrenamtlichen das freitägliche Sprachcafé für Geflüchtete organisiert, sehr dankbar.

„Alle streben danach, zusammen zu sein, auch wenn jeder ein bisschen Angst vor dem Tag hat“, sagt die Ukrainerin über den ersten Heiligabend während des Krieges. Das „Freue dich“ eines traditionellen ukrainischen Weihnachtslieds wird den meisten wohl nur mit bebender Stimme über die Lippen kommen: „Weil jeder versteht, es gibt keinen Anlass zur Freude“, sagt Bistriker. Aber gerade unter den schwierigen Umständen gebe die Gemeinschaft Halt.

Zusammen werden die Geflüchteten traditionelle Gerichte kochen und genießen: Allen voran Kutja, eine Süßspeise mit Getreide, Honig und Mohn, die in der Ukraine auch „Speise Gottes“ genannt wird, wie Liudmyla Bistriker erzählt. Für den Besuch der HNA hat sie einige Spezialitäten vorgekocht: „Darüber reden ist eine Sache, schmecken und sehen etwas anderes“, sagt sie und lädt zum Probieren ein. Auch Wareniki, gefüllte Teigtaschen mit Kartoffeln und Kohl, und Winegret, ein Gemüsesalat mit roter Bete, werden an Heiligabend aufgetischt, an dem ausschließlich fleischfrei gekocht wird. Erst am folgenden Weihnachtstag wird dann Fleisch in Hülle und Fülle serviert – jedenfalls unter normalen Bedingungen.

Viele Menschen, die in der Heimat geblieben seien, müssen heute ohne Licht und Strom, ohne fließend Wasser und mit wenigen Lebensmitteln feiern, weiß Liudmyla Bistriker. Eine Bekannte sei zum Fest in die Ukraine gefahren, berichtet die 61-Jährige. Sie liest eine Nachricht auf dem Handy vor: „Es donnert, wir schneiden Salate, doch die Feste sollen gefeiert werden“, schreibt die Freundin. Sich das nicht nehmen zu lassen, sagt die Ukrainerin mit Tränen in den Augen, sei auch eine Form von Widerstand. Bei aller Not und Verzweiflung wecke Weihnachten auch die Hoffnung auf Frieden. (Katja Rudolph)

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