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Kerzen für Sandra und Julia: „Candle Lighting“ erinnert an gestorbene Kinder

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Gedenkstätte am Steinweg: Hier starben vor 20 Jahren bei einem Autounfall die Jugendlichen Timo, Tim und Sandra (rechtes Bild). Julia (linkes Bild) starb an den Folgen eines Hirnschlags. © Ulrike Pflüger-Scherb/Privat

Beim „Candle Lighting“ am Sonntag wird an gestorbene Kinder und Jugendliche gedacht. Eltern der Kasseler Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“ berichten über ihre Trauer.

Kassel – Sie haben sich durch die tiefe Trauer um ihre verstorbenen Töchter kennengelernt. Bei der Selbsthilfegruppe der „Verwaisten Eltern“ in Kassel. Ina Küster aus Staufenberg verlor ihre 16-jährige Tochter Sandra vor knapp 20 Jahren bei einem Verkehrsunfall am Kasseler Steinweg. Das Leben von Thomas Meyers Tochter Julia endete vor sechs Jahren. Die 32-Jährige starb völlig unerwartet an einem Hirnschlag bei einer Wanderung in Österreich.

Ina Küster und Thomas Meyer werden am morgigen Sonntag, 11. Dezember, wieder eine Kerze für Sandra und Julia anzünden. An jedem zweiten Sonntag im Dezember findet nämlich weltweit das „Candle Lighting“ statt. An diesem Tag werden für verstorbene Söhne, Töchter, Brüder und Schwestern brennende Kerzen in die Fenster gestellt. Die Kasseler Selbsthilfegruppe trifft sich zu einem Gottesdienst in der St. Andreas-Kirche.

Kassel: Eltern von 115 verstorbenen Kindern in den vergangenen Jahren in Selbsthilfegruppe dabei

Viele Jahre haben Ina Küster und Erwin Bernhardt gemeinsam diese Gruppe geleitet, kürzlich haben sie die Leitung an Thomas Meyer weitergegeben. Da der Tod von Sandra jetzt knapp 20 Jahre her ist, sei der richtige Zeitpunkt gewesen, an dem man den „Staffelstab“ weiterreichen sollte, sagt Ina Küster. „Wir Älteren sind dann sehr weit entfernt von frisch betroffenen Eltern. Wir haben uns weiter entwickelt, uns wieder mehr in den Fluss des Lebens begeben. Wir haben unsere Trauer an- und mitgenommen in unser neues Leben.“

Sandra Weinhold
Die 16-jährige Sandra Weinhold starb an 22. Dezember 2002 bei dem Autounfall am Steinweg in Kassel. © Privat

In die Selbsthilfegruppe seien in den vergangenen 20 Jahren die Eltern von 115 verstorbenen Kindern gekommen, sagt Ina Küster. Es gebe Eltern, deren Kinder bereits seit über 30 Jahren tot sind, und Eltern, die ihr Kind erst vor Kurzem verloren haben. Durch einen Unfall, eine schwere Krankheit, aber auch durch einen plötzlichen Tod wie bei Julia Meyer. In den ersten Tagen und Wochen nach Julias Tod sei es so gewesen, als ob sich seine Frau, sein Sohn und er in einem Tunnel bewegten, sagt Thomas Meyer. „Man kommt von heute auf morgen in eine andere Welt.“ Er und seine Frau hätten in der Selbsthilfegruppe die Erfahrung gemacht, dass es auch andere Menschen gibt, denen es genauso schlecht geht wie ihnen.

Selbsthilfegruppe für Eltern vestrobener Kinder in Kassel: „Kinder werden wieder lebendig“

Wenn Eltern neu in die Gruppe kommen, dann haben sie die Gelegenheit, zu erzählen, was ihrem Kind passiert ist und wie ihr Kind gewesen ist. Und diese Gelegenheit bekämen sie immer wieder. „In dieser Gruppe ist niemand genervt“, sagt Ina Küster. „Die Kinder werden in der Gruppe wieder lebendig. Sie sind dort in der Mitte.“

Das sei der große Unterschied zum Rest der Gesellschaft. Sowohl Ina Küster als auch Thomas Meyer haben die Erfahrung gemacht, dass ihr Umfeld nach einer gewissen Zeit mit Unverständnis auf ihre Trauer reagiert hat. Beide haben Sprüche gehört wie „Jetzt muss es auch mal wieder gut sein.“

Julia Meyer
Julia Meyer starb an den Folgen eines Hirnschlags am 27. Juli 2016 bei einen Wanderurlaub in Österreich. © Privat

Nach Julias Tod hätten er und seine Frau erfahren, was wirkliche Freunde sind, sagt Thomas Meyer. „Der Bekanntenkreis hat sich auf das Wesentliche konzentriert.“ „Trauernde Eltern werden nach kurzer Zeit gemieden. Das Trauern der Eltern halten nur wenige Menschen aus“, sagt Ina Küster.

Und sie hat die Erfahrung machen müssen, dass es Menschen gibt, die ein verstorbenes Kind mit einem toten Hund vergleichen. Leute hätten schon zu ihr gesagt, dass sie ihre Trauer nachempfinden könnten, weil ihr Hund ebenfalls gestorben sei. Und der sei ja schließlich auch ein Familienmitglied gewesen. Ähnliches mussten sich auch Thomas Meyer und seine Frau Petra anhören.

Gedenkgottesdienst, Sonntag, 11. Dezember, 17 Uhr in der Kirche St. Andreas, Ochshäuser Str. 40, Kassel.

Die Selbsthilfegruppe für Verwaiste Eltern trifft sich jeden dritten Mittwoch im Monat, 19.30 Uhr, bei Kiss, Treppenstraße 4. Das nächste Treffen findet am 21. Dezember statt.

Ina Küster verlor ihre Tochter bei einem Verkehrsunfall

Ina Küster verlor ihre Tochter bei einem Unfall.
Ina Küster verlor ihre Tochter bei einem Unfall. © Privat

Wenn ihr vor knapp 20 Jahren jemand gesagt hätte, dass es ihr irgendwann auch einmal wieder gut gehen wird und sie Lebensglück empfinden kann, dann hätte sie das nicht geglaubt, sagt Ina Küster. Damals verlor die heute 57-jährige Frau ihre 16-jährige Tochter Sandra bei einem Verkehrsunfall am Steinweg in Kassel (siehe Hintergrund).

Dass Ina Küster gelernt hat, mit dem Verlust ihrer Tochter zu leben, habe auch mit der Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern“ zu tun, sagt die Lehrerin. „Es gibt aber keinen Tag, an dem ich nicht an Sandra denke. Denn die Zeit heilt nicht alle Wunden. Aber man lernt, mit den Wunden zu leben.“

Zudem finde sie viel Rückhalt in ihrer Familie, sagt Ina Küster. Allerdings habe sie seit Sandras Tod extreme Trennungsangst. Sie frage sich immer nach einem Abschied, ob ihr Mann, mit dem sie in zweiter Ehe verheiratet ist, ihre vier Söhne, die Geschwister und Eltern auch wirklich wiederkommen.

Zudem habe sich ihr Leben nach dem Tod ihrer Tochter, zu der sie eine enge Beziehung hatte, sehr verändert. Im Gegensatz zu früher besuche sie eigentlich keine öffentlichen Veranstaltungen mehr, sondern halte sich in erster Linie im Familienkreis auf. Silvesterpartys gibt es für Ina Küster seit 20 Jahren nicht mehr, sie nimmt auch nicht mehr an Veranstaltungen von Vereinen teil.

Ina Küster, die in Staufenberg lebt, fährt auch nicht mehr nach Kassel. „Kassel ist für mich immer verbunden mit Sandras Tod.“ Dort gibt es zu viele Trigger. Undenkbar, dass sie dort den Weihnachtsmarkt besuchen könnte. Nur noch einmal im Jahr fährt sie in die Stadt, an die Stele im Steinweg, an der Sandra gestorben ist. Das wird wieder am 22. Dezember der Fall sein.

Drei junge Menschen starben bei Unfall am Steinweg in Kassel

Drei junge Menschen verloren am 22. Dezember 2002 bei dem folgenschweren Unfall am Steinweg in Kassel ihr Leben. Sandra (16), Tim (16) und Timo (18) sowie eine 17-jährige Freundin, die überlebte, waren nach dem Besuch der Disco „Almrausch“ in Kassel in das Auto eines damals 20-Jährigen gestiegen, der sie mit nach Hause nehmen sollte. Das war ein tödlicher Fehler, denn der Fahrer war stark alkoholisiert.

Der Fahrer, der den schweren Unfall überlebte, wurde im Jahr 2005 in zweiter Instanz vor dem Kasseler Landgericht wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen, fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung durch Trunkenheit sowie Freiheitsberaubung mit Todesfolge in drei Fällen sowie Freiheitsberaubung mit Gesundheitsschädigung zu einer dreijährigen Jugendstrafe verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er mit zwei Promille und knapp 100 km/h gegen den Baum am Steinweg gerast war und die jugendlichen Insassen offensichtlich gegen deren Willen in seinem Auto festgehalten hatte.

Thomas Meyers Tochter erlitt einen Hirnschlag

Thomas Meyer „Verwaiste Eltern“
Thomas Meyer vom Verein „Verwaiste Eltern“ © Privat

Die Vorweihnachtszeit ist für Eltern, die ein Kind verloren haben, nur schwer zu ertragen. Ganz besonders schlimm ist diese Zeit für Petra und Thomas Meyer aus Neuental (Schwalm-Eder-Kreis). Ihre Tochter Julia, die im Juli 2016 bei einem Wanderurlaub bei Innsbruck an den Folgen eines Hirnschlags im Alter von 32 Jahren gestorben ist, war ein „absoluter Weihnachtsfreak“, erzählt Thomas Meyer. „Sie wusste im November schon, was es Weihnachten zu essen gibt.“

Der Tod ihrer Tochter kam für die Meyers aus heiterem Himmel. Die 32-Jährige war im Juli 2016 mit ihrem Freund bei einem Wanderurlaub in der Nähe von Innsbruck, als sie den Hirnschlag erlitt. Obwohl sie in einer Gruppe mit erfahrenen Leuten unterwegs gewesen ist und der Rettungshubschrauber schnell vor Ort war und die beste Versorgung ermöglicht worden sei, habe es für Julia keine Rettung mehr gegeben, erzählt Meyer.

Er und seine Frau sowie der jüngere Sohn eilten sofort nach Tirol. „Mittwoch ist es passiert, am Freitag wurden die Geräte bei Julia abgestellt“, sagt der 63-jährige Elektroplaner.

„Wir werden nie wieder nach Innsbruck reisen und können nie wieder mit Freunden an den Gardasee fahren, weil wir dann an Innsbruck vorbeikommen“, steht für Thomas Meyer fest. Bis heute könne er auch nicht die CD hören, die seine Tochter, die Bassistin und teilweise Sängerin in einer Band war, aufgenommen hat. Er könne sich auch bis heute keine Fotoalben von Julia anschauen.

Thomas Meyer kann allerdings voller Stolz über Julia erzählen, die die Musik, Kultur, Sprache und Medien studiert hat. Julia lebte mit ihrem Freund, den sie noch 2016 heiraten wollte, in Köln und arbeitete für ein Non-Profit-Unternehmen in der Medienbranche. Allerdings nur vier Tage in der Woche. Freizeit sei Julia wichtig gewesen.

Julia kletterte leidenschaftlich gerne und war Pressereferentin im Deutschen Alpenverein, Sektion Köln. Und sie hat in ihren jungen Jahren viel von der Welt kennengelernt. Sie war in England, Schottland und hat Englischkurse in Kirgisistan gegeben.

„Julia lebte auf der Überholspur. Sie hat in so kurzer Zeit so viel gemacht, da brauchen andere Menschen 40 Jahre für oder länger.“ (use)

In einer anderen Selbsthilfegruppe in Kassel finden sich Menschen mit unkontrollierbaren Ängsten zusammen.

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