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Besonderer Geburtstag: Kassels älteste Einwohnerin wird 109 Jahre alt

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Von: Sabine Oschmann

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Sie ist Kassels älteste Einwohnerin: Lieselotte Hemmerling feiert heute ihren 109. Geburtstag.

Kassel – „Ach ja, bitte, nicht wieder mein ganzes Leben erzählen, das stand ja schon alles in der Zeitung“, stimmt Lieselotte Hemmerling erleichtert zu – nach der herzlichen und fröhlichen Begrüßung im Café des Stiftsheims in Bad Wilhelmshöhe. Es würde auch nicht recht passen zu der munteren, regen und aktiven Frau, die heute ihren 109. Geburtstag begeht.

Mit diesem hohen Alter ist sie eine Ausnahmeerscheinung. Sich mit einer 109 Jahre alten Dame zum Kaffee und „Schnuddeln“, wie sie es selbst sagt, zu verabreden, erlebt man nicht alle Tage. Es ist eine besondere, beeindruckende Begegnung. Die Jubilarin selbst nimmt sich und ihren außergewöhnlichen Geburtstag mit Gelassenheit und ist einfach guter Dinge.

Lieselotte Hemmerling feiert heute ihren 109. Geburtstag.
Lieselotte Hemmerling aus Kassel feiert heute ihren 109. Geburtstag. © Sabine Oschmann

Älteste Frau aus Kassel ist „dankbar für den neuen Tag“

„Ich schaue lieber nach vorn als zurück“, sagt sie. „Wenn ich morgens aufwache, tut es meistens überall weh, aber ich bin dankbar für den neuen Tag und freue mich schon auf den nächsten.“ Lieselotte Hemmerling hat stets was vor, Höhepunkte sind die regelmäßigen Besuche der beiden Söhne Joachim und Wolfgang und anderer Verwandter.

Die zugewandte und gebildete Frau aus Kassel ist aufmerksame Gesprächspartnerin, erzählt interessant und hört ihrem Gegenüber genau und aufmerksam zu. Das musste sie wohl können, oder vielleicht auch lernen, als Mutter von insgesamt fünf Kindern und Pfarrersfrau. Die mit ihrem zweiten Ehemann Johannes Hemmerling in den 1960er-Jahren im Eichwald in Bettenhausen die Jakobusgemeinde aufbaute, außerdem 20 Jahre lang die evangelische Bildungsstätte in der Pestalozzistraße leitete.

Lieselotte Hemmerling mit 18 Jahren. Archi
Lieselotte Hemmerling mit 18 Jahren. © Sabine Oschmann

Kassels älteste Frau lebt seit 22 Jahren im Stiftsheim in Bad Wilhelmshöhe

Seit 22 Jahren lebt Lieselotte Hemmerling nun im Stiftsheim in Bad Wilhelmshöhe – seit einem Jahr erst auf der Pflegestation. Bis dahin lebte sie nahezu selbstständig im Betreuten Wohnen. Das war der Frau, der Selbstständigkeit ein hohes Gut ist, wichtig. Man schätzt sie, auch, weil sie sich, ganz Pfarrersfrau, in all den Jahren rührig um die Belange ihrer Mitbewohner kümmerte.

Positives über sich zu hören, ist der Jubilarin aber eher unangenehm, also wechselt sie das Thema, nimmt die Hand von Sohn Joachim, schaut ihn liebevoll an und sagt: „Dass ich nun im Haus hier und von euch, meiner großen Familie, so liebevoll und persönlich versorgt leben darf, dafür bin ich dankbar.“ Dann sagt sie: „Übrigens habe ich jetzt die vierte Heimleitung, drei habe ich überlebt“. Als sie das erzählt, muss sie selbst lachen über ihre Worte.

Hemmerling aus Kassel ist dankbar für gutes Gedächtnis

Lieselotte Hemmerling war ihr Leben lang aktiv, aufgeschlossen für Neues, brachte sich in Kurse und Angebote und die Gottesdienste im Stiftsheim ein, war interessiert und informiert. Ihr Resümee lautet: „Auf den Kopf kommt es an, ja wirklich, mein gutes Gedächtnis, dafür bin ich unendlich dankbar, das ist das schönste Geschenk.“

Rege, munter ist die 109 Jahre alte Dame, wach und klar schaut und hört sie aufmerksam zu, interessiert sich für Menschen und Ereignisse, nimmt Anteil und verfügt über eine ordentliche Portion Humor. Es scheint, als schöpfe die Jubilarin verborgene spezielle Kräfte aus ihrem langen und erfüllten Leben für ihr hohes Alter jetzt.

Kasselerin hat enge Bindung zur Religion

Lieselotte Hemmerling, geborene Gundlach, wuchs in Bettenhausen auf, wo die Eltern eine Schneiderei hatten. Sie lernte Buchhändlerin, entdeckte ihre Liebe zur Literatur.

Ihr erster Mann, auch ein Pfarrer, fiel im Zweiten Weltkrieg. Lesen, später die vielen Reisen mit ihrem zweiten Mann in die biblischen Länder prägten ihr Leben. „Lesen kann ich ja leider schon lange nicht mehr, aber ich höre Nachrichten, Musik, Hörbücher“, erzählt Liselotte Hemmerling, die seit Jahren fast nichts mehr sieht. „Ich hatte alle 753 Hörbücher aus einem speziellen Verlag für Blinde. Jetzt haben sie keine mehr für mich, weil ich alle kenne“, erzählt die Jubilarin, halb enttäuscht, halb amüsiert. Eine ihrer Stärken ist Anpassungsfähigkeit. „Ich nehme die Beschwerden des Alters an und auch die Hilfsmittel dafür, dann mache ich das Beste daraus“, erklärt sie. „Ich bin wohl ein positiver Mensch.“

Sie blickt dann doch noch mal zurück: „Letztes Jahr war ich sehr krank, es stand auf der Kippe, da sah ich ein, dass ich das Betreute Wohnen hier aufgeben und in die Pflegestation umziehen muss.“ Ein schwerer Schritt für die auf ihre Selbstbestimmung bedachte Frau. „Es war ganz allein meine Entscheidung“, ist ihr wichtig zu sagen.

Hemmerling möchte weiterhin selbstständig sein

Nun ist der 109-Jährigen auch dieser Wechsel gelungen. „Inzwischen habe ich mich in der neuen Umgebung eingelebt“, erzählt sie. „Man muss den Anschluss behalten, immer weiter versuchen, noch etwas selber zu machen, das versuche ich auch hier weiter“, sagt sie zuversichtlich.

So beobachtet es auch Wohnbereichsleiter David Rühl. „Frau Hemmerling ist eine sehr starke Frau, die nicht aufgibt. Sie meistert die Beeinträchtigungen, lebt aber gut damit, und sie ist sehr dankbar für alles, sagt er.

Für alles heißt bei der Seniorin für alles. Dazu zählen auch Alltäglichkeiten wie Obst und die mundgerechten Stückchen „Ahle Worscht“, die die alte Dame so liebt und die ihr Sohn Joachim zubereitet. „Es sind jetzt die kleinen Wünsche, die sie hat, die man doch so leicht und gut erfüllen kann“, sagt er dann leise. (Sabine Oschmann)

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