Wohnen und Arbeiten auf dem Land

Summer of Pioneers in Homberg: Kreative Köpfe aus ganz Deutschland sind im Schwalm-Eder-Kreis angekommen 

Am Anfang dachte er, das niedrige Fachwerkhaus wolle ihn töten: Tobias Reitz aus Darmstadt ist mit seiner Familie in die ehemalige Tourist-Information am Homberger Marktplatz gezogen.
+
Am Anfang dachte er, das niedrige Fachwerkhaus wolle ihn töten: Tobias Reitz aus Darmstadt ist mit seiner Familie in die ehemalige Tourist-Information am Homberger Marktplatz gezogen.

Seit vier Wochen beleben und überdenken 20 kreative Menschen aus ganz Deutschland die Kreisstadt: Sie wohnen mit dem Projekt Summer of Pioneers für ein halbes Jahr zur Probe auf dem Lande. Ein Experiment.

Homberg - Bevor sie kamen, hat der Homberger Bauhof sein gesamtes Leistungsspektrum gezeigt: Hat leer stehende Wohnungen mitten in der Stadt renoviert, gestrichen, wohnlich gemacht. Die 20 Pioniere, die da im Mai für ein halbes Jahr in Homberg anreisten, sollten es gemütlich haben.

Die Mühe wird wertgeschätzt: „Die Mitarbeiter vom Betriebshof haben schwer geschuftet“, sagt Tobias Reitz: „Und egal was wir brauchten, es wurden Lösungen gefunden. Selbst der fehlende Briefkasten war nach einer Stunde da.“ Dieser Briefkasten hängt nun an seinem neuen Zuhause: Tobias Reitz hat zusammen mit seiner Frau Anna und den zwei und fünf Jahre alten Jungs ein Fachwerkhaus am Marktplatz bezogen.

„Am Anfang habe ich geglaubt, das Haus will mich töten“, sagt der Darmstädter und lacht: Der Schreibtischstuhl macht sich auf dem schiefen Boden oft selbstständig und der 34-Jährige holte sich an den niedrigen Türstürzen Schürfwunden und Beulen. Mittlerweile weiß er nun, wo er gut hinschauen muss: Sowohl im neuen Haus als auch in der neuen Stadt.

Summer of Pioneers in Homberg: Die Stadt wird entdeckt

Tobias Reitz ist selbstständig, betreibt zusammen mit seiner Frau Anna das Unternehmen „Ein Quäntchen und Glück“, eine Mischung aus Unternehmensberatung und Agentur. Und die beschäftigt sich genau mit der Frage, die auch das Projekt Sommer der Pioniere antreibt: Wie sieht das neue Arbeiten aus? Wie das Leben, Wohnen, Geldverdienen nach Corona? Und wie vor allem auf dem Lande?

„Das Projekt tritt den Beweis an, dass man heute von überall arbeiten kann“, sagt der Darmstädter. Der Sommer in Homberg sei ein fest verankerter Experimentierraum: „Wir haben bis November Zeit, die Stadt und ihre Möglichkeiten zu entdecken.“

Gerade haben sie damit angefangen. Es brauchte Zeit, bis die Familie ankam, sich die Jungs an den Kindergarten gewöhnten, der Alltag in die Gänge kam. Beim Start war die Familie aber nicht allein: „Wir sind mit einer Schicksalsgemeinschaft angekommen, die aus vielen tollen Leuten besteht“, sagt Reitz.

Summer of Pioneers in Homberg: Teil einer besonderen Gemeinschaft

Eine Gemeinschaft, die der 34-Jährige gerade nach der coronabedingten Isolation der vergangenen Monate sehr zu schätzen weiß. Und die sich nicht nur in der Stadt zeigt, sondern auch im Gemeinschaftsarbeitsraum am Marktplatz, in der Gemeinschaftsküche, im verwilderten Gemeinschaftsgarten am Schlossberg, den die Pioniere wieder zum Blühen bringen.

War von Homberg und dem Projekt begeistert: Rike Wittich aus Freiburg war durch einen Homeoffice-Tausch kurz Teil der Gemeinschaft der Pioniere.

Gerne ein Teil dieser Gemeinschaft wäre Rike Wittich aus Freiburg gewesen. Die 49-jährige Kommunikationstrainerin war rein zufällig über eine Homeoffice-Tauschbörse für eine Woche mit dabei. Die Begegnung mit den Pionieren sei inspirierend gewesen: „Das sind alles Menschen, die Lust haben, etwas auf die Beine zu stellen, sich mit der Stadt und ihren Themen auseinanderzusetzen.“

Was nimmt sie mit nach Freiburg? Den Wunsch, selbst aufs Land ziehen zu wollen, um Ruhe und Entschleunigung zu finden. Und die Erfahrung, dass solche Projekte auch Einblicke in neue Welten sind.
(Claudia Brandau)

Probewohnen auf dem Lande

Die Stadt Homberg hat den Teilnehmern vergünstigt leer stehende Wohnungen in der Innenstadt samt Internetzugang zur Verfügung gestellt und sie mithilfe des EinLadens, des Ausstellungsraums für Gebrauchtmöbel, eingerichtet. Auch das Gemeinschaftsbüro am Marktplatz ist auf diese Weise entstanden. Viel Arbeit im Vorfeld – aber sie hat es ermöglicht, dass die Neuankömmlinge sofort ihr neues Leben und ihre Arbeit aufnehmen konnten. (bra)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.