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Vellmarer hilft in der Ukraine: Emotional im Grenzbereich

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Von: Florian Hagemann

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Unterstützt die Ukrainer in Lwiw: Christian Gruber, der normalerweise in einem Kasseler Hotel arbeitet und in Vellmar wohnt.
Unterstützt die Ukrainer in Lwiw: Christian Gruber, der normalerweise in einem Kasseler Hotel arbeitet und in Vellmar wohnt. © Privat

Über Ostern hat sich Christian Gruber freigenommen, die vier Wochen zuvor hat er durchgehend gearbeitet. Der Vellmarer hilft in der Westukraine und berichtet von seinen Erlebnissen.

Kassel/Lwiw - Er ist emotional und physisch an seiner Kapazitätsgrenze angelangt, wie er am Karfreitag am Telefon sagt. Gruber ist 30 Jahre alt, wohnt eigentlich in Vellmar und ist in einem Kasseler Hotel tätig. Aber derzeit ist alles anders. Seit der Invasion der Russen in die Ukraine hilft er vor Ort: in Lwiw, Westukraine. Er hat sich einer Organisation angeschlossen, die sich Palianytsia nennt und die vor allem Lebensmittel und Medikamente verteilt.

Vor knapp vier Wochen haben wir Gruber und dessen Tätigkeit schon einmal vorgestellt. Seitdem hat sich viel getan. Die grausamen Bilder aus Butscha haben dazu beigetragen, dass Gruber entschieden hat, auf jeden Fall bis zum Kriegsende in der Ukraine zu bleiben – egal, wie lange es dauern wird. Sein Arbeitgeber ist einverstanden. Gruber meint, die deutsche Politik mache zu wenig, und auch aus der Zivilgesellschaft komme nicht genug Unterstützung. Er fühlt sich auch deshalb verpflichtet, für die Ukrainer da zu sein.

Er bekommt das Leid der Menschen hautnah mit. In Lwiw sind mittlerweile viele Geflüchtete aus den östlichen Gebieten untergekommen – auch Menschen aus Butscha. Gruber kommt mit jenen ins Gespräch, die dort gelebt haben, wo das Grauen stattgefunden hat. „Es ist eine Katastrophe für sie.“ Und Gruber stellt fest: „Die Bilder aus ihrer Ortschaft verändern die Perspektive der Menschen noch mehr.“ Die Frage, die sich auch Gruber stellt: Wie soll nach solchen Bildern und solchen Taten jemals das Zusammenleben der Ukrainer und Russen funktionieren – nach dem Krieg?

Die emotionale Belastung steigt auch für Gruber mit jedem Tag, den der Krieg andauert. Ansonsten hat sich zumindest in Lwiw wenig geändert. „Zuletzt hat es sogar etwas weniger Luftalarme gegeben, und die Hoffnung nach einem russischen Rückzug zumindest aus dem westlichen Teil der Ukraine ist vorhanden. Aber sicher sein kann man sich da natürlich nicht“, sagt Gruber. Nach Lwiw – so erzählt der 30-Jährige – kommen nun vermehrt auch jene Ukrainer, die zunächst nach Polen geflüchtet sind. „Die Ungeduld wächst. Die Menschen wollen wieder nach Hause, wollen Normalität“, berichtet Gruber. Aber die Weiterfahrt nach Osten ist noch zu gefährlich, die Normalität noch weit entfernt.

Gruber selbst will nächste Woche womöglich mit einem Hilfstransport nach Kiew fahren, in der Regel ist er aber in Lwiw administrativ für seine Organisation tätig – und das fast durchgehend. Er lebt nach wie vor in einem Raum eines IT-Unternehmens, in dem auch Mitarbeiter der Firma untergekommen sind, die aus anderen Teilen des Landes geflüchtet sind. Sonntags kocht er für sie – deutsche Küche.

Es gab schon Linseneintopf, es soll noch Käsespätzle geben, und einmal tischte er auch gefüllte Klöße auf. Das Problem: „Ich hatte kein Kartoffelmehl mehr und musste Weizenmehl nehmen. Aber es hat geschmeckt“, berichtet er. Improvisation ist alles in diesen Zeiten.

Aber: Die Versorgung in Lwiw an sich ist schon gewährleistet, berichtet Gruber. Trotzdem sind die Menschen dort weiter auf Spenden angewiesen. Grubers Organisation hat nun auch eine Kooperation mit der jüdischen Gemeinde in Kassel getroffen. Er hofft, dass nun mehr darauf aufmerksam werden und viele spenden. „Diese Spenden gehen eins zu eins an die Menschen hier“, verspricht er.

Von Florian Hagemann

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