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Wenn Frauen ihre Männer schlagen: Kasseler Experte berichtet über verborgenes Problem

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Von: Bastian Ludwig

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Knapp 20 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt sind Männer: Unser Symbolbild zeigt einen Mann in einer Caritas-Schutzwohnung in Nürnberg.
Knapp 20 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt sind Männer: Unser Symbolbild zeigt einen Mann in einer Caritas-Schutzwohnung in Nürnberg. © dpa

Wer von häuslicher Gewalt hört, denkt meist an Frauen, die von ihren Männern geschlagen, gedemütigt und unterdrückt werden. Frauen sind auch tatsächlich die Hauptopfergruppe bei häuslicher Gewalt. In jedem fünften Fall sind aber die Männer die Opfer. Ein Kasseler Experte berichtet über das Phänomen.

Kassel - Häusliche Gewalt gegen Frauen ist ein großes gesellschaftliches Problem. Jede vierte Frau zwischen 16 und 85 Jahren wurde in ihrem Leben von ihrem Lebensgefährten oder Ex-Lebensgefährten misshandelt. Dagegen findet Gewalt gegen Männer in der Partnerschaft deutlich seltener statt. Aber sie ist auch keine absolute Ausnahme und zudem deutlich zu wenig beleuchtet, wie Stefan Sigel, Fachreferent für Männerarbeit bei der Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) in Kassel findet.

Anlass für das Gespräch war die erste Fachtagung Männergewaltschutz in Hessen, die von der EKKW mitveranstaltet wurde.

Herr Sigel, ist Gewalt gegen Männer in Partnerschaft und Ehe wirklich ein relevantes Problem?

Auf jeden Fall. Laut Kriminalstatistik 2021 sind bei der Partnerschaftsgewalt 20 Prozent der Opfer männlich. Wobei diese Zahl nicht die Zahl der gestellten Anzeigen repräsentiert, sondern die Ergebnisse polizeilich ermittelter Fälle. Es ist unbestritten, dass die Mehrzahl der Opfer Frauen sind und die Mehrzahl der Täter Männer. Insofern ist die Forderung nach weiteren Frauenhausplätzen nur allzu berechtigt. Nichtsdestotrotz muss man sich auch um die 20 Prozent der männlichen Opfer kümmern. Man darf das nicht gegeneinander ausspielen.

Hören Sie häufig den Vorwurf, dass Sie sich um die falsche Gruppe kümmern?

Ich höre immer wieder, dass zunächst genug für die 80 Prozent der weiblichen Opfer getan werden muss, bevor man sich den Männern widmet. Wobei es bei Polizei und Justiz ein ernsthaftes Bemühen gibt, die männlichen Opfer von häuslicher Gewalt in den Fokus zu nehmen und für diese Hilfsangebote zu schaffen. Beim hessischen Sozialministerium gibt es aber nur eine Abteilung für Gewalt gegen Frauen.

Von welchen Formen von Gewalt sind Männer besonders oft in Ehe und Partnerschaft betroffen?

Mit Ausnahme von Stalking und Nötigung sowie Vergewaltigungen, bei denen Männer ganz überwiegend die Täter sind, sind sie von allen anderen Gewaltformen ebenso betroffen wie Frauen. Ich hatte vermutet, dass sie eher häufiger Opfer leichter Körperverletzungen werden. Aber das stimmt nicht. Auch bei Totschlag, Mord und schwerer Körperverletzung in Ehe und Partnerschaft sind in 20 Prozent der Fälle die Männer Opfer.

Wie ist es mit der Dunkelziffer?

Diese ist sowohl bei weiblichen wie männlichen Opfern hoch. Frauen zeigen oftmals ihre Männer nicht an, weil sie Angst vor ihnen haben. Männer hingegen schämen sich, wenn sie von ihren Frauen geschlagen werden. Leider gibt es noch keine wissenschaftlich fundierten Dunkelfelduntersuchungen. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen macht derzeit eine Untersuchung zur Partnerschaftsgewalt, bei der auch die Männer als Opfer in den Blick genommen werden. Zudem arbeitet das Bundeskriminalamt an einer größeren Studie zu Gewalt in Partnerschaften gegen Frauen und Männer. Es macht keinen Sinn, nur eine Gruppe anzuschauen.

Welche Rolle spielt psychische Gewalt?

Insbesondere die Kontrollgewalt spielt hier eine Rolle. Es gibt Frauen, die ihre Männer kontrollieren wollen. Wenn die Machtverhältnisse in einer Beziehung völlig verschoben sind – egal in welche Richtung – ist dies ein Problem. Allerdings fehlen auch hier noch gesicherte wissenschaftliche Untersuchungen.

Worauf begründen Sie dann Ihre Aussagen?

Es gibt etliche dokumentierte und juristisch aufgearbeitete Fälle. Eine Familienrichterin hat kürzlich bei der Tagung zum Thema über diese berichtet. Es gibt nicht nur ein Terrorregime der Männer, sondern auch eines der Frauen. Da dürfen Männer die Wohnung nicht verlassen, Türen werden abgesperrt. Es gibt Ohrfeigen, wenn der Müll nicht rausgebracht wird. Auch mir persönlich ist ein Fall bekannt, bei dem ein Mann immer wieder von seiner Frau geschlagen wurde. Diese Frau würde niemals ihre Kinder schlagen, aber wenn es Streit gab, wurde sie ihrem Mann gegenüber handgreiflich. Die Familienrichterin hat bei der Tagung übrigens gesagt, dass für sie die negativen Auswirkungen auf die Kinder wichtig sind, egal ob Mütter oder Väter die Täter sind.

Hat sich der Ihnen bekannte Mann gewehrt?

Nein. Für ihn ist Gewalt keine Perspektive. Es gibt aber auch Männer, die sich schwächer fühlen, obwohl sie es vielleicht gar nicht sind. Viele betroffene Männer suchen sich oft viel zu spät Hilfe, weil dies mit Scham behaftet ist. Das traditionelle Männerbild des starken Mannes wirkt noch immer. In dem mir bekannten Fall hat der Mann lange gebraucht, bis er sich von der Frau trennen konnte.

Wird Männern geglaubt, wenn sie Opfer ihrer Frauen werden?

Wenn die Polizei gerufen wird, hat sie es oft schwer, die Lage zu beurteilen und festzustellen, wer der Aggressor war. Oft wird der Mann dann der Wohnung verwiesen. Auch weil die Beamten oft Hemmungen haben, die Kinder beim Mann zu lassen.

Wie kann sich eine Beziehung so toxisch entwickeln?

Das ist eine interessante Frage. Oft beginnt es mit großer Liebe und Harmonie. Irgendwann kommt der Punkt, wo es sich langsam verändert.

Was fordern Sie konkret?

Drei Sachen sind nötig. Zunächst ein Ausbau des Männergewalttelefons. Das steht zwar bundesweit bereits zur Verfügung, wird aber bislang nur von Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen finanziert. Dabei kommen aus Hessen überdurchschnittlich viele Anrufe. Zudem fehlen spezialisierte Beratungsstellen. Als dritter Baustein sind Männerschutzwohnungen wichtig, die es in verschiedenen Bundesländern bereits gibt. Die meisten hat Nordrhein-Westfalen. Diese sind gut ausgelastet. Wir brauchen nichts Vergleichbares zu den Frauenhäusern – dafür sind es nicht genug Fälle. Aber Männer müssen die Chance haben, aus der gemeinsamen Wohnung rauszukommen und sich sortieren zu können.

Warum engagieren Sie sich?

Mir geht es darum, Sachen ans Licht zu bringen, die im Dunkeln liegen. Dort hinzuschauen, wo noch keiner hinguckt, ist auch Aufgabe der Kirche. (Bastian Ludwig)

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