Anhaltende Debatte um Beweidungsaufträge

350 Schafen im Diemeltal droht das Ende als Hundefutter

Riskantes Gebiet: Die Eberschützer Klippen bergen nicht nur Absturzgefahren, sondern auch Bahngleise gleich daneben. Foto: Thiele

Seit 15 Jahren fressen 350 Schafe Büsche und Bäume im Diemeltal, im Auftrag des Regierungspräsidiums. Nun wurde der Auftrag nicht verlängert - den Schafen droht der Tod.

Sie sind ein vertrautes Bild auf den Kalkmagerrasenflächen im Diemeltal: Die zotteligen Heidschnucken-Schafe des Schäfers Ulrich Lotze (Niedermeiser), die im Auftrag des Regierungspräsidiums Kassel nachwachsende Büsche und Bäume wegfressen, um die geschützte Graslandschaft mit Orchideen und anderen seltenen Pflanzen zu erhalten. Doch das könnte bald vorbei sein: Sein Vertrag über die Beweidung wurde nicht verlängert, die 350 Tiere werden voraussichtlich zum Ende Oktober, spätestens 1. Januar in der Schlachterei enden.

Ulrich Lotze

Lotze sieht keine andere Möglichkeit, weil er mit den 30.000 Euro, die er jährlich bekommt, und einer auf das Sommerhalbjahr beschränkten Beweidung mit halbierter Herde nicht mehr über die Runden komme, wie er sagt. Bislang hatte er die Tiere auch im Winter draußen gelassen auf den ihm zugewiesenen 45 Hektar Naturschutzflächen an den Eberschützer Klippen, auf dem Dingel und anderen Magerrasenflächen beiderseits der Diemel. Das stieß nicht überall auf Verständnis, sondern brachte ihm auch Kritik unter anderem von Förstern, Jägern und Landwirten ein.

Die schwierigen Verhandlungen mit dem Schäfer fassen die Behörden damit zusammen, dass er die Vertragsbedingungen nicht erfüllt habe. Dazu gehört unter anderem die Art, wie Lotze die Tiere beaufsichtigt, seinen Schafpferch (Zaun) aufbaut und sichert und wie er die Tiere versorgt.

Ulrich Lotze kam als Seiteneinsteiger zur Schafzucht und ist überzeugt, dass seine alternativen Methoden (etwa das Nichtscheren der Schafe, weil das Fell von alleine abfalle) zwar ungewöhnlich, aber richtig und durch Gutachten abgesichert seien. Vielmehr, so ist er überzeugt, wolle man ihn durch ständige Beschwerden, Vorwürfe und Hindernisse aus dem Gebiet herausbekommen. Dabei geht es auch darum, warum seine Tiere immer wieder aus dem Pferch ausbrechen, gemeinsam mit Wildtieren Felder beschädigen und sogar auf die vorbeiführenden Bahngleise laufen.

Im Forstamt Reinhardshagen, wo die Beschwerden zusammengelaufen sind, ist man die Streitigkeiten aber einfach leid. Mit anderen Schäfern auf den angrenzenden Naturschutzflächen gebe es diese Probleme nicht.

Riskantes Gebiet: Die Eberschützer Klippen bergen nicht nur Absturzgefahren, sondern auch Bahngleise gleich daneben. Foto: Thiele

Schäfer Lotze hat nur noch geringe Hoffnung, dass sein Vertrag nochmal verlängert wird. Er ist erschüttert, weil seine 16-jährige Zuchtarbeit, mit der er die Tiere an die hiesigen Pflanzen gewöhnte und gegen Unbekömmlichkeiten abhärtete, damit komplett vernichtet wird. Es stecke sehr viel persönlicher Einsatz in der Herde, einschließlich seiner Stürze und Verletzungen an den steilen Hängen, erzählt er.

Die Nachfrage nach dem wildähnlichen Heidschnuckenfleisch ist in der Region nicht mehr so groß wie früher, auch geeignete Schlachter und Köche sind rar geworden. Wenn die 350 Tiere geschlachtet werden, dann wird man die Filets noch verwerten können, der Rest aber wird voraussichtlich zu Hundefutter verarbeitet. 

Das sagen die Behörden

Das Regierungspräsidium in Kassel will aus Rücksicht auf die Beteiligten keine näheren Details zu dem Vorgang veröffentlichen. Der Vertrag mit Schäfer Lotze werde „aufgrund sehr unterschiedlicher Auffassungen über die Erfüllung des Vertrages“ nicht mehr verlängert, sagte RP-Pressesprecher Michael Conrad auf Anfrage der HNA. Er könne aber bestätigen, dass die Naturschutzziele erreicht wurden und es an der Beweidung der geschützten Magerrasengebiete keine Kritik gebe. 

 Die mit der praktischen Umsetzung und den Kontakten betraute Forstverwaltung berichtet, dass es leider immer wieder Beschwerden über ausgebrochene Tiere gegeben habe und die Weidepraxis nicht dem entspreche, was vertraglich vereinbart sei. Zudem seien Gespräche mit dem Schäfer oft konflikthaltig. Wie Klemens Kahle vom Forstamt Reinhardshagen erläuterte, seien die vereinbarten Sätze für die Bezahlung der Weidedienstleistung üblich und entsprächen dem Aufwand. Man ist in beiden Behörden sicher, dass für das nächste Frühjahr ein anderer Schäfer gefunden werde. Man sei bereits in Gesprächen.  

In früheren Jahren hatte es beim Veterinäramt des Landkreises Kassel mehrfach Beschwerden wegen Lotzes Tierhaltung gegeben. Derzeit gebe es aber keine Einwände, sagte Kreispressesprecher Harald Kühlborn. Zusätzlich zu den Verträgen des RP für Naturschutzflächen gibt es im Diemeltal auch noch 105 Hektar extensivierte landwirtschaftliche Flächen, auf denen Schafe die Verbuschung bremsen. Hier sind zehn schafhaltende Betriebe Verpflichtungen im Zuge eines Landesprogramms eingegangen. Diese gelten auf Antrag und Bewilligung jeweils für fünf Jahre, aber ohne eigene Verträge.

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