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61-Jähriger aus Kreis Kassel muss nicht in Psychiatrie

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Von: Peter Kilian

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Eine Frauenskulptur mit verbundenen Augen hält in der Hand eine Waage mit zwei Schalen.
Sinnbild der Gerechtigkeit: Die römische Göttin Justitia. © Peter Steffen/DPA

Ein Mann, dem vorgeworfen wurde, andere Personen bedroht und genötigt zu haben, konnte das Gericht als freier Mann verlassen.

Kreis Kassel – Es war keine einfache Abwägung, die die Große Strafkammer am Landgericht Kassel zu treffen hatte. Es ging darum, ob ein 61-Jähriger aus dem Landkreis Kassel in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen werden sollte oder nicht. Drei Verhandlungstage sollten dabei Klarheit über den Sachverhalt schaffen. Ende waren sich Staatsanwältin, Verteidiger und auch das Gericht einig, dass keine ausreichenden Gründe vorlagen, um solch ein Urteil zu fällen. Der Beschuldigte verlies das Gericht als freier Mann.

Psychische Erkrankung

Unstrittig war indes, dass der Angeklagte an einer psychischen Erkrankung leidet. Die hatte im Jahr 2021 dazu geführt, dass er seinen Nachbarn, den behandelnden Facharzt, seine Ex-Frau und auch die ehemalige Schwägerin in über 20 Fällen massiv bedrohte. Zum Teil soll das mit einem Messer geschehen sein, verbunden mit der Androhung, die betroffenen Personen abzustechen.

Medikamente abgesetzt

Das Gutachten eines Psychiaters, der als Sachverständiger geladen war, attestierte dem Beschuldigten eine Schizophrenie mit manischer Erkrankung, wobei die Schizophrenie wesentlich ausgeprägter sei. Man spreche in solchen Fällen von Schizomanie, führte der Sachverständige aus. Der Beschuldigte habe sich im Gespräch als nett und einfühlsam präsentiert. Die Erkrankung werde seit 1996 medikamentös behandelt. Sie habe sich jedoch deutlich verschlechtert, als der 61-Jährige eigenmächtig die Psychopharmaka absetzte.

Chip im Kopf vermutet

Dem Krankheitsbild entsprechend, so sagte der Psychiater, habe dies einen typischen Rückfall zur Folge gehabt, der zu den Attacken gegen die Opfer führte. Während dieser Phase nahm der 61-Jährige auch an, dass ihm ein Chip in den Kopf implantiert worden sei. Fremde Kräfte würden ihn steuern.

Zukunft unklar

Wichtig war dem Vorsitzenden Richter, ob der Gutachter eine Prognose abgeben könne, wie hoch die Wahrscheinlichkeit sei, dass der Beschuldigte in Zukunft eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle. Hier musste der Sachverständige passen. Derzeit könne dem Angeklagten zwar noch eine soziale Kompetenz bescheinigt werden, und es sei auch eine Hemmschwelle vorhanden, mit dem Messer zuzustechen. Wie sich das in der Zukunft weiter entwickele, könne nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Deutlich machte der Sachverständige allerdings, dass solch eine Gefahr erheblich zunehme, wenn die medikamentöse Behandlung abgesetzt werde. Eine ambulante Behandlung des Beschuldigten sei nach derzeitigem Stand gleichwohl vertretbar, schloss der Sachverständige.

An dieser Einschätzung orientierten sich die Staatsanwältin und der Verteidiger in ihren Plädoyers. Die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung, so sagte die Anklagevertreterin, sei an ganz enge Bedingungen geknüpft. Im vorliegenden Fall könne trotz der bestehenden Erkrankung nicht sicher gesagt werden, ob es zu weiteren Taten komme. Die Gefahrenprognose sei nicht eindeutig genug, um eine zwangsweise Unterbringung anzuordnen.

Fakten reichten nicht aus

Das sah der Rechtsanwalt des Angeklagten ebenso. Solch eine Verurteilung dürfe nicht auf Vermutungen fußen. Vor Gericht seien Fakten nötig, und die gebe es in diesem Fall nicht. Hinzu komme, dass viele Anklagepunkte nicht klar verifizierbar gewesen seien. Wohingegen der Sachverständige gesagt habe, dass bei dem Beschuldigten eine innere Hemmschwelle vorhanden sei, Gewalttaten zu verüben.

Somit hob das Schwurgericht die am 23. Februar von der Kammer angeordnete Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung auf. (Peter Kilian)

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