„Notabitur wäre Freifahrtschein“

Abiturient aus Hofgeismar berichtet über Prüfungen unter Corona-Bedingungen

„Wir haben von Corona auch profitiert“: Henry Croll, Schülersprecher der Albert-Schweitzer-Schule, sagt, dass die Schüler wegen Corona beispielsweise weniger Hausaufgaben machen mussten.
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„Wir haben von Corona auch profitiert“: Henry Croll, Schülersprecher der Albert-Schweitzer-Schule, sagt, dass die Schüler wegen Corona beispielsweise weniger Hausaufgaben machen mussten.

Das Abitur ist in vollem Gange. Doch wegen Corona blicken auch die Abiturienten an der Albert-Schweitzer-Schule in Hofgeismar mit gemischten Gefühlen auf ihren Schulabschluss.

Hofgeismar – Wir haben mit Henry Croll aus Calden gesprochen. Er ist Schülersprecher und hat in seinen Leistungskursen Politik- und Wirtschaft (PoWi) sowie Englisch bereits Klausuren geschrieben. Am kommenden Dienstag, 04.05.2021, muss der 20-Jährige noch in Mathematik ran.

Die Aufgaben fand er bislang fair. „In PoWi gab es drei Vorschläge und da war nichts dabei, was man nicht bearbeiten konnte“, sagt er. Auch die Themen der beiden Vorschläge in Englisch seien im Unterricht drangekommen.

Flut an Verordnungen verunsicherte Abiturienten

Gibt es also nichts zu kritisieren am diesjährigen Abi? „Doch“, sagt Croll. So habe das Kultusministerium nicht rechtzeitig über die Regeln für die Prüfungen informiert. „Es gab eine Flut an Verordnungen. Da fiel es schwer zu filtern, was wichtig ist“, kritisiert der Schulsprecher.

Insgesamt ist Croll jedoch zufrieden, dass es kein Notabitur ohne Prüfungen gibt. „Das wäre ein Freifahrtschein. Dann hieße es am Ende: Oh, Sie sind aus dem 2021er-Jahrgang. Dann haben Sie ja nur ein Durchschnittsabitur.“ Ihm ist wichtig, dass das Abitur vergleichbar bleibt mit dem voriger Jahrgänge. Die Prüfungen um eine halbe Stunde zu verlängern, hält Croll hingegen für gerecht. „Das ist ein guter Kompromiss.“

Abschlussklasse freute sich, zur Schule gehen zu dürfen

Die Kursphase dieser Jahrgangsstufe Q4 endete bereits am 1. April. Seit Ende der Sommerferien durften die Schüler regulär in den Unterricht. „Als 2021er-Abschlussjahrgang hatten wir es ziemlich gut“, findet Henry Croll. Die unteren Klassen hätten es schwerer. „Wir haben immerhin noch die soziale Interaktion im Klassenraum gehabt“, sagt Croll. „Man kann sich das nicht vorstellen, aber die Leute freuen sich, zur Schule gehen zu dürfen.“

Der Präsenzunterricht habe jedoch nicht nur Vorteile gehabt, gesteht Croll. „Das Lüften im Winter war unangenehm.“ Seit Neuestem gebe es CO2-Messgeräte, wodurch nur noch bei Bedarf gelüftet werden müsse.

Austausch oft nur über Chatprogramme

Private Treffen, etwa zum gemeinsamen Lernen fürs Abi, seien aufgrund der geltenden Regeln nur sehr beschränkt möglich. „Vor privaten Treffen testen wir uns. So können wir zumindest zu zweit etwas draußen unternehmen“, berichtet Croll. Ein „netter Ausgleich“ sei es, sich übers Internet über Chatprogramme wie Discord oder Teamspeak zu unterhalten. „Aber man hat da keine Person vor sich. Die körperliche Nähe fehlt.“

Dennoch sagt Croll: „Wir haben von der Coronakrise auch profitiert.“ So habe es „definitiv weniger Aufgaben im Vergleich zur Q1/2“ gegeben. Gleichzeitig besorgt ihn, dass andere Schüler unter Corona leiden.

Schüler mit schlechter Internetverbindung fühlen sich ungerecht behandelt

Manche könnten wegen schlechter Internetverbindungen nicht an Videokonferenzen teilnehmen. Auch könnten nicht alle Eltern ihren Kindern einen PC oder ein Tablet kaufen. „Diese Schüler fühlen sich ungerecht behandelt“, sagt Croll.

„Wir fühlen uns um unsere Jugend betrogen“, klagt Croll im Hinblick darauf, dass die üblichen Abitur-Bräuche ausfallen müssen. „So dürfen wir etwa keinen Abiball feiern.“ Auch auf Abschlussfahrten und Abipartys mussten sie verzichten. Ganz wollen sich die Schüler ihre Freude über die bestandene Schulzeit aber nicht nehmen lassen. Es gibt Abipullis, -jogginghosen und ein Jahrgangsbuch.

„Wir hatten viel Zeit zum Nachdenken“

Und wie soll es nach dem Abi weitergehen? „Ne Weltreise wird schwierig“, scherzt Croll. Doch Corona sei auch eine Selbstfindungsphase. „Dadurch, dass wir sehr oft für uns alleine gewesen sind, hatten wir viel Zeit zum Nachdenken“, sagt Croll. Er wisse dadurch jetzt, wo er ab dem Herbst studieren möchte.

Erst einmal stehen aber noch die mündlichen Prüfungen an – dort gibt es keine zentralen landesweiten Termine –, und am 8. Juli nehmen die Schüler ihre Zeugnisse entgegen. (Paul Bröker)

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