Dorfkrug-Wirt Wilfried Klinge übergibt nach mehr als 50 Jahren sein Geschäft

Abschied vom Kreujer

Bereit für den Ruhestand: Die Wirtsleute Anneli und Wilfried Klinge, für unser Foto ausnahmsweise vor der Theke postiert, übergeben ihre Gastwirtschaft Zum Dorfkrug in Vernawahlshausen an neue Pächter. Foto: Nolte

Vernawahlshausen. Es war ein Tag Ende Januar 1959, der das Leben von Wilfried Klinge aus Vernawahlshausen schlagartig veränderte. Es war der Tag, an dem sein Vater Willi unerwartet starb. Plötzlich stand der damals 20-Jährige in der Verantwortung - für die Mutter, die kleine Schwester und für die elterliche Gastwirtschaft Zum Dorfkrug. Heute ist wieder so ein Tag der Veränderungen für den inzwischen 71-Jährigen - er übergibt nach mehr als 50 Jahren als Wirt sein Geschäft.

Wenn am heutigen Mittwoch das Geschlossen-Schild am Dorfkrug prangt, ist das schon außergewöhnlich, denn normalerweise ist donnerstags Ruhetag. Aber Wilfried Klinge und Ehefrau Anneli machen gemeinsam mit den neuen Pächtern Rosi und Jürgen Nickel Inventur. Bereits am Silvestertag geht’s unter der Regie der Nickels weiter.

Als Zimmerleute im Jahr 1681 die Worte „Altes Krughaus“ in den Torbalken eines neu zu errichtenden Fachwerkhauses in der heutigen Vernawahlshäuser Kirchstraße stemmten, wäre wohl niemandem in den Sinn gekommen, dass an dieser damals schon traditionsreichen Stelle noch mehr als 300 Jahre später eine Gastwirtschaft stehen würde. In diesem alten Gebälk ist Wilfried Klinge aufgewachsen und er hat es mehr verändert als die Generationen von Wirten vor ihm.

Immer was gebaut

Das erste Bauprojekt nahm der gelernte Zimmermann 1957 noch mit seinem Vater in Angriff. Der komplette Dachstuhl und das Dachgeschoss wurden erneuert und verändert. Weiter ging es 1965: Da musste das alte Haupthaus aus Fachwerk weichen und es entstand unter dem neuen Dachstuhl ein Massivbau. „In den folgenden zehn Jahren haben wir eigentlich immer was gebaut“, so Wilfried Klinge. Die letzte richtig große Maßnahme war 1977 der Umbau der bis dahin noch genutzten Stallungen zur Kegelbahn sowie der Abriss der Scheune, an deren Stelle ein zusätzlicher Gastraum errichtet wurde.

Neben den Räumlichkeiten hat sich auch das Kneipengeschäft stark verändert. Bis in die 1970er Jahre dominierte der Ausschank von Getränken. „Zu essen gab es nur einmal in der Woche, freitags war immer Kotelett-Tag“, berichtet Anneli Klinge, die 1967 in die Gastwirtschaft einheiratete. Ehemann Wilfried ergänzt: „Damals war die Kneipe viel voller, das kann man mit heute nicht mehr vergleichen. Es gab ja keine Jugendräume und Diskos, auch die Jugendlichen kamen her, meist zum Fernsehen oder Kartenspielen.“

Diese Zeiten sind aber längst vorbei. Es etablierte sich seither ein anderer Trend: Statt zu Hause wollten immer mehr Leute in der Gastwirtschaft feiern - Hochzeiten, Geburtstage und andere Jubiläen. Das entwickelte sich zum Hauptgeschäft und ist es bis heute geblieben.

Geschäft in guten Händen

Nun gehen Anneli und Wilfried Klinge in den verdienten Ruhestand. Sie wissen ihr Geschäft bei den Nickels in guten Händen, wie sie betonen. Die Übernahme in der Familie hat nicht geklappt. Beide Söhne stehen erfolgreich im Leben - aber eben in anderen Berufen.

Ab dem morgigen Silvestertag ziehen die Ex-Wirte dann ganz in ihr im Jahr 2000 gemeinsam mit Sohn Stefan gebautes Haus in der Oedelsheimer Straße.

Für die Vernawahlshäuser werden sie aber immer „Kreujer“ (platt für Krüger) und „Kreujersche“ (dessen Frau) bleiben.

Von Jörg Nolte

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