1. Startseite
  2. Lokales
  3. Hofgeismar

Ein Jahr Ahrtal-Katastrophe: Helfer aus dem Kreis Kassel erinnern sich

Erstellt:

Von: Daria Neu, Denise Dörries, Natascha Terjung

Kommentare

Das Technische Hilfswerk (hier der Ortsverband Wolfhagen) hatte im Ahrtal alle Hände voll zu tun. Auf dem Bild ist Claus Mahlmann mit einem speziellen Fahrzeug, einem Caterpillar CAT 926-M, zu sehen.
Das Technische Hilfswerk (hier der Ortsverband Wolfhagen) hatte im Ahrtal alle Hände voll zu tun. Auf dem Bild ist Claus Mahlmann mit einem speziellen Fahrzeug, einem Caterpillar CAT 926-M, zu sehen. © THW Wolfhagen

Was die Flutopfer im Ahrtal vor einem Jahr erlebt haben, ist unbegreiflich. Auch die Helfer aus dem Kreis Kassel arbeiten die Erlebnisse im Krisengebiet immer noch auf. Wir haben mit ihnen gesprochen.

Kreis Kassel – Als Marcel Wiegand vom Technischen Hilfswerk, Ortsverband Wolfhagen, am 14. Juli 2021 die erste Nachricht über die Überflutung im Ahrtal erhielt, hätte er nie gedacht, dass er wenige Tage später Erinnerungen mit nach Hause nehmen würde, die ihn fürs ganze Leben prägen werden. Doch genau so ist es gekommen.

„Das Ausmaß der Zerstörung war unvorstellbar“, sagt der Ortsbeauftragte rückblickend. Gemeinsam mit rund 15 Helfern trat er am 16. Juli seinen Weg ins Krisengebiet an und packte dort an, wo Hilfe gebraucht wurde.

Manpower für Aufräumarbeiten

„Ich konnte das Ganze erst mal noch gar nicht richtig greifen. Als wir dann vor Ort waren, war uns aber sehr schnell klar: So etwas hatten wir trotz unserer Jahrzehnte langen Erfahrung noch nie erlebt.“ Unmengen an Material und Manpower seien notwendig gewesen, um die Aufräum- und Abpumparbeiten stemmen zu können. „Die Infrastruktur war einfach nicht mehr vorhanden. Kein Telefonnetz – nichts. Teilweise war es sogar schwierig, sich per Funk zu verständigen“, erinnert sich Wiegand.

Insgesamt seien er und Teile seines Teams drei Mal rund um Bad Neuenahr-Ahrweiler im Einsatz gewesen. Brücken wieder herstellen, Abwasserbeipässe verlegen – die Aufgaben seien vielfältig gewesen. „Immer wieder habe ich gedacht: Wir sind hier in Deutschland, das ist unfassbar.“ Aus seiner Heimat habe er solche Katastrophenzustände schließlich nicht gekannt.

So etwas hatten wir trotz unserer Jahrzehnte langen Erfahrung noch nie erlebt.

Marcel Wiegand, THW-Ortsverband Wolfhagen

Noch immer arbeite das THW das Erlebte auf. Es sei zwar auf Großschadenslagen ausgelegt, aber diese Katastrophe habe das Team vor ungeahnte Herausforderungen gestellt. „Wir müssen jetzt schauen, was wir noch besser machen, wo wir schneller werden können.“ Denn eines stehe fest: „Ähnliche Ereignisse werden uns in kürzeren Abständen immer wieder begegnen – hoffentlich dann nicht in einem solchen Ausmaß“, sagt Wiegand und klingt nachdenklich.

Die Menschen haben alles verloren

Ähnliches erlebte auch Micha Kaufmann. „Das, was ich da gesehen habe, hat mich lange beschäftigt“, sagt der Buskraftfahrer. Mit seinen Kollegen der Liebenauer Firma Trömel half er in Dernau im Kreis Ahrweiler bei Aufräumarbeiten und transportierte auch Futter für Tiere ins Ahrtal. Dabei kam er mit Betroffenen ins Gespräch.

Kaufmann war aufgefallen, dass an einem Tag häufig Rettungswagen unterwegs waren. Er erkundigte sich nach dem Grund dafür bei einem ortsansässigen Feuerwehrmann. Der erzählte ihm, dass es dabei häufig um ältere Menschen ginge, die sich das Leben genommen hätten – weil sie einfach alles verloren hatten, meist das gerade erst abbezahlte Haus.

Auf so eine Katastrophe sei einfach niemand vorbereitet gewesen. Und anfangs habe es auch keine seelsorgerische Betreuung gegeben. „Ich wollte einfach nur dahin, um zu helfen, und habe gar nicht darüber nachgedacht, was auf mich zukommt“, sagt Kaufmann. Im August will er wieder ins Ahrtal fahren, um zu helfen. Unterstützung für die Menschen im Ahrtal wünscht er sich auch von der Regierung: „Ich bin enttäuscht vom Staat, da müsste mehr kommen. Familien leben teilweise immer noch in Tiny-Häusern.“

DRK und Feuerwehr packten mit an

Blickt Petra Bock, Kreisbereitschaftsleiterin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Kreisverband Hofgeismar, auf die Nachricht der Flutkatastrophe zurück, kommen Erinnerungen hoch. Sie sei erschüttert gewesen: „Ich habe einen Schreck bekommen und nicht mit einem solchen Ausmaß gerechnet.“

Ehrenamtliche Einsatzkräfte des DRK Hofgeismar waren bis Anfang Januar zur Hilfe im Ahrtal. Trotz der schlimmen Ausmaße der Flutkatastrophe ist Bock von den vielen Hilfskräften beeindruckt: „Bunt gemischte Mannschaften, die zusammen so viel leisten können, das ist sehr beeindruckend.“

Wenn Michael Langer von der Feuerwehr Wolfhagen heute Reportagen zur Flutkatastrophe im Ahrtal sieht, sind die Erinnerungen an das zerstörte Gebiet und das Leid der Menschen sofort wieder präsent. „Man kann das einfach nicht vergessen“, sagt er.

Mit einigen seiner Kollegen der Feuerwehr Wolfhagen-Mitte fuhr er im Oktober vergangenen Jahres in das Gebiet an der Ahr, um dort eine Spende von 220 000 Euro an die Feuerwehr Altenahr zu übergeben.

Langer besuchte mehrere Orte, sprach mit vielen Betroffenen. Die Geschichten von der Nacht, als das Hochwasser kam und das Leid der Menschen, die teilweise alles verloren haben, macht Langer noch heute betroffen. „Das ist jenseits aller Vorstellungskraft. Existenzen sind in unvorstellbaren Ausmaßen zerstört worden.“

Auch interessant

Kommentare