Regeln für mehr Fairness

Tafelkunden bemängeln Umgang an Karlshafener Ausgabestelle 

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Aufgaben klar verteilt: Zwei der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Tafel in Bad Karlshafen sortieren das Obst und Gemüse in die Regale. Im Anschluss können Bedürftige Lebensmittel kaufen. Wer zuerst dran kommt, entscheidet das Los. 

Bad Karlshafen. Eine Gruppe von 20 Tafelkunden aus Bad Karlshafen hat sich beschwert: Mangelnde Hygiene und unfreundliche Mitarbeiter seien das Problem.

Jetzt hat sich das Diakonische Werk Region Kassel zu den Vorwürfen geäußert. 

Zweimal in der Woche besuchen rund 60 Menschen die Tafel in Bad Karlshafen. Es handelt sich um Sozialhilfeempfänger, die auf die Essensausgabe angewiesen sind. 

Brigitte Rücker aus Boffzen setzt sich für rund 20 Bedürftige ein. Stellvertretend für die Gruppe – unter ihnen Rentner, Flüchtlinge und Langzeitkranke – übt sie scharfe Kritik an der Essensausgabe bei der Tafel.

Brigitte Rücker.

Laut Rücker ist der Umgangston der Mitarbeiter unfreundlich und die Atmosphäre kühl. „Hier in Bad Karlshafen herrscht eine einzige Cliquen-Wirtschaft. Die Mitarbeiter stecken sich das beste Essen zum Teil selbst ein“, sagt Rücker. Ihr Ärger sei riesig. Die bedürftigen Menschen bekämen ihren sozialen Status ständig zu spüren. Entwürdigende Worte seien bei der Ausgabe an der Tagesordnung. Außerdem werde ab und zu verschimmeltes Essen verteilt. „Die Leute haben so viel Schlimmes in ihrem Leben durchgemacht. Muss man da noch weiter verletzen?“, fragt sich die freiwillige Helferin.

Pfarrer Gerd Bechtel, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Region Kassel, das Träger der Tafel in Bad Karlshafen ist, nimmt die Vorwürfe sehr ernst: „Die Tafelkunden sollen freundlich, respektvoll und wertschätzend behandelt werden. Das ist uns ganz wichtig.“ Bei der Tafel in Bad Karlshafen gebe es allerdings eine Besonderheit, erklärt Bechtel. „Hier engagieren sich Menschen, die selbst zu den Bedürftigen nach den Tafelmaßstäben zählen.“ Deshalb gibt es klare Regeln, um die Ausgabe an die Helfer gerecht zu organisieren. Dies habe bereits in der Vergangenheit gelegentlich zu Problemen geführt. „Wir haben uns wegen Regelverstößen auch schon von ehrenamtlichen Mitarbeitern getrennt“, sagt Bechtel.

Das Konfliktpotenzial sei gerade in Bad Karlshafen vergleichsweise hoch. „Wenn sowohl vor als auch hinter dem Verkaufsstand Bedürftige stehen, kann gegenseitiger Neid entstehen. Das wollen wir natürlich vermeiden“, sagt Gabriele Kühneweg, Koordinatorin der Ausgabestelle im Ort. In Bad Karlshafen entscheidet das Los über die Reihenfolge bei der Essensausgabe. Dies sei eine Strategie, um fair zu bleiben.

„Auch die Tafelkunden, die gleichzeitig ehrenamtliche Mitarbeiter sind, müssen ein Los ziehen“, sagt Bechtel. „Es ist ja toll, dass sich gerade die Menschen engagieren, die wissen wie sich Armut anfühlt, aber gerade in diesem Fall müssen wir auf Ungerechtigkeiten noch mehr achten.“ Als Hauptamtliche ist Kühneweg zwar regelmäßig, aber nicht ständig vor Ort. Streitgespräche zwischen Helfern und Kunden könne sie daher nicht jedes Mal moderieren. Umso wichtiger sei es, Konflikten vorzubeugen. Deshalb wollen Bechtel und sein Team nun noch genauer auf die Einhaltung der Regeln in Sachen Fairness achten.

Das Veterinäramt sieht keine Beanstandung

Laut Brigitte Rücker ist nicht nur die Freundlichkeit der Mitarbeiter, sondern auch die Hygiene bei der Tafel in Bad Karlshafen mangelhaft. „Der Umgangston ist zwar das Hauptproblem, aber ich habe auch schon häufiger erlebt, dass Essen herausgegeben wurde, das nicht mehr genießbar war“, sagt sie. 

Diese Vorwürfe kann das Veterinär- und Verbraucherschutzamt nicht bestätigen. „Das Amt kontrolliert bei seinen regelmäßigen Prüfungen, ob die Lebensmittel angemessen gelagert und gekühlt werden“, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn. „In Bad Karlshafen werden alle vorschriftsmäßigen Hygienebestimmungen eingehalten.“ Alle ehrenamtliche Mitarbeiter der Bad Karlshafener Tafel haben vom Gesundheitsamt eine Belehrung nach dem Infektionsschutzgesetz erhalten. 

Diese ist in Bezug auf jeglichen Umgang mit Lebensmitteln notwendig. Erst vor einem halben Jahr hat das Veterinär- und Verbraucherschutzamt die Ausgabestelle in Bad Karlshafen besucht und für gut befunden. Auch Pfarrer Gerd Bechtel betont, dass bei der Tafel in Bad Karlshafen genau auf die Einhaltung der Hygienevorschriften geachtet wird: „Bei uns arbeitet jeder Mitarbeiter, der Lebensmittel in die Hand nimmt, mit Handschuhen.“ Sollte doch mal Schimmel am Essen entdeckt werden, dürfen die Kunden das Produkt abgeben und sich etwas Neues nehmen.

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