1. Startseite
  2. Lokales
  3. Hofgeismar
  4. Bad Karlshafen

„Mein Sohn hatte Todesangst“ - Bewaffnete Soldaten versetzen Schule unter Schock

Erstellt:

Von: Natascha Terjung

Kommentare

Die Bundeswehr übt mitten in der Stadt, und die Polizei in Nordhessen weiß nichts davon. Deswegen rückte sie zum Einsatz an einer Schule aus. Lehrer und Schüler sind unter Schock.

Update vom Donnerstag, 15. Dezember, 18.12 Uhr: Auch drei Tage nach dem schockierenden Vorfall an der Marie-Durand-Schule und der Sieburgschule in Bad Karlshafen lässt die Bestürzung nicht nach. Am vergangenen Dienstag mussten sich Schüler und Lehrer knapp eine Stunde in der Schule einschließen, da sich bewaffnete und maskierte Personen in Tarnkleidung in der Nähe der Schule aufgehalten hatten. Dann stellte sich heraus, dass es sich dabei um eine unangemeldete Übung der Bundeswehr handelte.

Jetzt berichten Eltern, wie sie den Vorfall erlebten und auch die Bundeswehr meldet sich erneut zu Wort: „Unser Sohn hat gedacht, er sieht uns nicht mehr wieder“, erzählt Sonja Schüttemeyer aus Herstelle (Kreis Höxter). Als sie kurz nachdem die Polizei Entwarnung gegeben hatte, an der Marie-Durand-Schule ankam, sei ihr 11-jähriger Sohn völlig aufgelöst entgegengelaufen. „Mein Sohn hatte Todesangst.“

Nicht nur die Kinder, auch die Lehrer seien teilweise verängstigt gewesen: „Manchen war sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen“, beschreibt Schüttemeyer die Situation vor Ort. Sie selbst habe vom Amokalarm durch eine andere Mutter erfahren, mit der sie befreundet ist. „Sie wusste nicht, was sie machen sollte und was eigentlich genau los war.“ So sei es vielen anderen Eltern auch ergangen. Ganz abgesehen von der unfassbar großen Sorge, die sie um ihre Kinder hatten, ergänzt Sonja Schüttemeyer.

Eine Schule in Bad Karlshafen wurde unfreiwillig Teil einer Übung der Bundeswehr.
ks_vwdfb5c05c3b821a94028ba6793d3f931b6.jpg © Löschner, Markus

Bundeswehrübung in Schule im Kreis Kassel: „Verkettung vieler unglücklicher Umstände“

Viele Kinder hätten, während sie in der Schule ausharrten, ihren Eltern am Telefon oder per Whats-App davon erzählt, dass Amokalarm in der Schule sei und sie eingeschlossen in der Schule sitzen. Das habe natürlich für viel Verunsicherung gesorgt. Vor allem einige unsensible Kommentare in den sozialen Medien zu dem Vorfall verärgern Schüttemeyer daher sehr. „Man muss sich mal in die Lage der Kinder und Lehrer versetzen: Da kommt ein Anruf und es heißt, schließt euch in der Schule ein. Dass Soldaten in der Nähe unterwegs waren, wussten sie ja nicht.“

Ihr Sohn habe den ganzen Dienstag noch mit den Geschehnissen zu kämpfen gehabt und sei auch am Tag danach beim Schulpsychologen gewesen. „Insgesamt war alles eine Verkettung vieler unglücklicher Umstände“, sagt die Mutter aus Herstelle. Die Schule habe jedenfalls absolut richtig reagiert. Und auch wenn Sonja Schüttemeyer niemandem den Fehler zuschieben wolle, habe sie einen Wunsch an die Bundeswehr: „Wenn ein Soldat in voller Montur mal in die Schule kommen würde und sich entschuldigen würde und den Kindern erklären könnte, dass die Bundeswehr eigentlich da ist, um sie zu beschützen – das könnte bestimmt hilfreich sein.“

„Die Eltern waren sehr besorgt und haben sich gefragt, warum niemand von der Übung wusste“, sagt Alexandra Kusch, Vorsitzende des Elternbeirates der Marie-Durand-Schule. Ihre Kinder habe sie glücklicherweise drei Minuten bevor der Alarm losging von der Schule abgeholt. Während der Autofahrt habe sie einige der Soldaten gesehen und gedacht, dass bestimmt eine Übung stattfindet. Vom Amokalarm habe sie erst später über die klasseninterne Whats-App-Gruppe erfahren, wo sich viele besorgte und aufgelöste Eltern zu Wort gemeldet hatten.

Kreis Kassel: viele Flüchtlingskinder aus Syrien und der Ukraine in der Schule

Kusch gibt zu bedenken, dass in der Schule auch viele Flüchtlingskinder aus Syrien und der Ukraine waren, die Krieg miterlebt haben und durch den Amokalarm womöglich an schlimme Erlebnisse erinnert worden seien. Auch ihre zehnjährige Tochter habe der Vorfall sehr beschäftigt, obwohl sie nicht dabei gewesen war. „Sie hat mir gesagt, dass sie fast mitweinen musste, als ihre Freunde ihr vom Amokalarm erzählten.“ Ihre Tochter habe daher auch das schulpsychologische Angebot in Anspruch genommen. Was für Kusch jetzt bleibt, ist neben dem Schock vor allem Erleichterung: „Zum Glück war es nur eine Übung.“

„Wir bedauern die Umstände sehr. Viele bei uns sind auch Eltern, weshalb wir die Sorgen gut verstehen können“, sagt Hauptmann und Sprecher der Panzerbrigade 21 aus Augustdorf (Nordrhein-Westfalen) Martin Waltemathe gegenüber unserer Zeitung. Der Kommandeur des Versorgungsbataillons 7, Oberstleutnant Andreas Golks habe zudem gestern Morgen in einem Telefonat mit Bürgermeister Marcus Dittrich seine Gesprächsbereitschaft, auch gegenüber der Schulleitungen, signalisiert.

Dittrich habe der Bundeswehr seine Unterstützung für weitere Übungen in Bad Karlshafen zugesagt. Man wolle künftig die Kommunikation zu Abläufen der Übungen aber untereinander und auch mit den Ordnungsbehörden ausweiten. Zudem soll die Bevölkerung früher informiert werden. „Die Missverständnisse rund um die Orientierungsübung im Raum Bad Karlshafen bedaure ich insbesondere mit Blick auf die betroffenen Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte sehr“, sagt Golks.

„Kinder haben vor Angst geweint“: Bewaffnete Soldaten versetzen Schule unter Schock

Update vom Mittwoch, 14. Dezember, 21.05 Uhr: Bad Karlshafen – Die meisten Schüler der Marie-Durand-Schule standen am Dienstagnachmittag schon an der Bushaltestelle, als ein Terroralarm losging. Lehrer holten die Schüler auf Anweisung der Polizei wieder zurück in die Schule. Dort schlossen sie sich in den Klassenräumen ein und warteten. Das berichtet Schulleiter Driton Mazrekaj. „Wir haben einfach nur schnell reagiert und mit den Gedanken an einen Ernstfall gehandelt.“ Dass es sich nur um eine Übung der Bundeswehr handelte, wusste zu diesem Zeitpunkt niemand.

Der Anruf der Polizei kam gegen 13.20 Uhr. Es war die Rede von maskierten und bewaffneten Personen, die sich in der Nähe der Schule aufgehalten haben sollen. Da zu diesem Zeitpunkt der Vormittagsunterricht bereits vorbei gewesen war, befanden sich einige Lehrer und Schüler nicht mehr im Gebäude. „Wir mussten zunächst sicherstellen, dass genug Lehrkräfte zur Betreuung der Schüler da waren“, ergänzt Mazrekaj. Man habe sich am Kriseninterventionsplan orientiert, den mittlerweile jede Schule für so einen Ernstfall habe. Die Situation sorgte für Verunsicherung: „Wir mussten viele Kinder beruhigen, weil sie Angst hatten und geweint haben.“ Auch in einigen Gesichtern der Kollegen habe er die Angst gesehen.

Schulpsychologe kümmert sich um verängstigte Kinder

Nachdem die Polizei Entwarnung gegeben hatte, erreichten die Schule viele Anrufe verunsicherter und aufgebrachter Eltern, berichtet Mazrekaj. „Wir haben umgehend das Schulamt eingeschaltet und einen Schulpsychologen organisiert.“ Dieser war gestern in der Schule. Vor allem die jüngeren Schüler hätten das Angebot gerne angenommen. Zudem habe Schulleiter Driton Mazrekaj mit den Kollegen besprochen, dass sie in den ersten Stunden über den Vorfall sprechen sollten. „Man darf das nicht totschweigen. Die Kinder müssen auch über ihre Ängste reden dürfen“, sagt Mazrekaj. Die Umstände, die zu dem Fehlalarm geführt hatten, seien für ihn „eine Verkettung gedankenloser Handlungen.“ Noch am Dienstagabend habe er Gespräche mit dem Bürgermeister und der Bundeswehr gesucht – vor allem letzteres Gespräch war laut Mazrekaj nicht sonderlich zufriedenstellend.

Vom Fehlalarm betroffen war aber nicht nur die Marie-Durand-Schule, sondern auch die Sieburgschule direkt nebenan. Schulleiterin Astrid Kleine-Denk berichtet, dass sie gegen 13.30 Uhr von der benachbarten Schule informiert worden sei. „Wir haben einfach gehandelt. Das musste alles ganz schnell gehen.“ Man habe die Kinder von den Bushaltestellen in die Schule zurückgeholt und sie im Mehrzweckraum betreut.

Für Kinder an der Schule eine „verstörende Situation“

Es seien zum Glück noch viele Lehrer in der Schule gewesen, weshalb man umgehend alle Eltern telefonisch über die Sachlage informieren konnte. „Es gab zwar keine Panik, aber viele Kinder hatten schon Angst. Es war einfach eine verstörende Situation“, berichtet Kleine-Denke. Der Schulpsychologe stand auch den Kindern der Grundschule zur Verfügung, das sei laut Kleine-Denke auch gut angenommen worden. Auch die Eltern hätten insgesamt eine positive Rückmeldung zum Handeln der Schule gegeben.

Im Nachhinein war die Situation für die Schulleiterin „wie eine riesengroße Übung“. Jetzt gehe es darum, die Abläufe zu dokumentieren und noch zu verbessern.

Bürgermeister von Bad Karlshafen von Waffen überrascht: Bundeswehr wollte Informationen

„Wir hatten keine Anhaltspunkte, dass ein Orientierungsmarsch solche Folgen haben könnte“, sagte Bad Karlshafens Bürgermeister Marcus Dittrich. Ende November seien zwei Vertreter der Bundeswehr im Rathaus gewesen und hätten um Informationen zu Wanderwegen und den Zugang zur Krukenburg gebeten. Genaue Details zum Ablauf der Übung habe er nicht erfahren. „Mir war klar, dass die Soldaten in Bundeswehrkleidung unterwegs sein würden“, sagt Dittrich. Aber dass sie auch Waffen bei sich tragen würden, daran habe er nicht gedacht.

Die Stadtverwaltung habe darüber nachgedacht, die Öffentlichkeit über die Übung zu informieren. Da es sich laut Dittrich offenbar nur um einen unauffälligen Marsch handeln sollte, habe man das nicht getan. Zudem sei nicht klar gewesen, ob die Stadt darüber hätte informieren dürfen. „Wir sind jetzt sensibilisiert und bedauern sehr, was passiert ist“, sagt Dittrich. Er habe nach dem Vorfall mit dem Landeskommando Hessen sowie mit Polizei und Schulleitung gesprochen. Jetzt will Dittrich zusammen mit den Schulen überlegen, wie die Stadt in solchen Fällen besser unterstützen kann. Möglich wäre eine Anlaufstelle für Eltern im Bürgerbüro.

Orientierungsmarsch der Bundeswehr

27 Soldaten waren am Dienstag wegen einer Übung in Bad Karlshafen unterwegs, erklärt Hauptmann und Sprecher der Panzerbrigade 21 in Augustdorf, Martin Waltemathe. Dabei ging es um einen Orientierungsmarsch, bei dem die Soldaten ihre gesamte Ausrüstung bei sich tragen mussten. Die Stadt sei als Übungsort ausgewählt worden, da es für die Soldaten ein völlig unbekanntes Gebiet sei. Orientierungspunkte seien unter anderem die Krukenburg und der Hugenottenturm gewesen.

Für diese Gebäude habe man daher auch Schlüssel von der Stadtverwaltung erhalten. Die Soldaten gehören zur zweiten Kompanie des Versorgungsbataillons 7 in Augustdorf (Nordrhein-Westfalen), vorgesetzte Dienststelle ist die Panzerbrigade 21 in Augustdorf.

Bad Karlshafen: Bundeswehrübung schockiert Schulkinder

Erstmeldung: Bad Karlshafen - Große Angst vor bewaffneten Personen in Tarnkleidung herrschte am Dienstag in Bad Karlshafen im Kreis Kassel. Grund dafür war ein Versäumnis der Bundeswehr, ihre Übung offiziell anzukündigen. Bei der Polizei waren Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen, woraufhin die Beamten die Schule informierten.

Schüler und Lehrkräfte der Marie-Durand-Schule und der Sieburgschule harrten daraufhin fast eine Stunde lang eingeschlossen in der Schule aus. Da die Polizei die Hinweise zu den bewaffneten Personen in Tarnkleidung zunächst nicht habe einordnen können, sei man umgehend mit der Bundeswehr in Kontakt getreten, erklärt Polizeisprecher Matthias Mänz. Allerdings habe es zunächst keine offizielle Bestätigung einer Übung gegeben.

Große Angst hatte man in der Marie-Durand-Schule in Bad Karlshafen, weil bewaffnete Personen in der Stadt gesehen worden waren. Dass es sich um eine Bundeswehrübung handelte, war zunächst nicht klar.
Große Angst hatte man in der Marie-Durand-Schule in Bad Karlshafen, weil bewaffnete Personen in der Stadt gesehen worden waren. Dass es sich um eine Bundeswehrübung handelte, war zunächst nicht klar. © Markus Löschner

„Das war auch der Grund, warum es vor Ort zum Polizeieinsatz gekommen ist“, sagt Mänz. Da Schulen bei solchen Hinweisen höchste Priorität hätten, habe man diese sofort kontaktiert. Er ergänzt, dass die Polizei grundsätzlich über solche und ähnliche Vorhaben informiert werde. Am Dienstag sei dies aber nicht der Fall gewesen.

Bad Karlshafen: Schüler haben vor Angst geweint – Keine Info über Bundeswehr-Übung

„Für uns war das ein Ernstfall“, sagt Driton Mazrekaj, Schulleiter an der Marie-Durand-Schule. Er habe in viele Augen voller Angst geblickt, einige Schüler hätten geweint. Nach 45 Minuten sei dann endlich Entwarnung von der Polizei gekommen.

Hauptmann und Sprecher Panzerbrigade 21 in Augustdorf (Nordhrein-Westfalen) Martin Waltemathe bestätigt das Versäumnis auf Anfrage. Eigentlich müssten Behörden über eine Übung der Bundeswehr informiert werden. Dabei habe es aber „interne Abstimmungsprobleme“ gegeben, sagt Waltemathe.

Das heißt: Die Leitung der Übungstruppe, die für Anmeldungen beim Landeskommando zuständig ist, habe das versäumt. Allerdings habe Ende November ein Treffen im Bad Karlshafener Rathaus mit Bürgermeister Marcus Dittrich stattgefunden, wobei Informationen zum Ablauf der Übung mitgeteilt worden seien. Laut Waltemathe ersetze das „natürlich nicht den offiziellen Weg“.

Das Treffen im Rathaus bestätigt Bürgermeister Dittrich gegenüber unserer Zeitung. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass ein Orientierungsmarsch für eine solche Verunsicherung sorgen könnte.“ Dass die Soldaten auch mit Waffen unterwegs sein würden, sei ihm nicht bekannt gewesen.

Angekündigt und bekannt war eine andere Übung der Bundeswehr in Fritzlar.

Landeskommando informiert normalerweise Behörden

Will die Bundeswehr eine Übung abhalten, muss die Leitung der Übungsgruppe das beim zuständigen Landeskommando – im Fall von Bad Karlshafen das hessische in Wiesbaden – anmelden, erklärt Hauptmann Martin Waltemathe. Das Landeskommando informiere daraufhin die Landrats- und Ordnungsämter. Wie lange im Voraus etwas angemeldet werden müsse, hänge von der Art der Übung ab. Umfangreiche Übungen erforderten bis zu einem Jahr Vorlaufzeit. (Natascha Terjung)

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion