Das Ferkeltaxi kehrt heim

Nach 18 Jahren muss der Schienenbus aus Bad Karlshafen den Platz räumen

Der 56 Jahre alte DDR-Schienenbus wird auf einem Tieflader gefahren.
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So schnell fuhr er lange nicht mehr: Mit einem Tieflader wurde der 56 Jahre alte DDR-Schienenbus am Montag zurück nach Sachsen-Anhalt gefahren (Schnappschuss auf der B 80 bei Gottstreu). Nur zehn Kilometer entfernt von seinem neuen Standort wurde er früher im Bahnbetriebswerk Stendal gewartet. Sogar ein Bahnmitarbeiter, der ihn früher gewartet hat, gehört zu den neuen Fans in Güsen.

Erneut vor dem Verschrotten gerettet wurde der fast 60 Jahre alte Schienenbus, der 18 Jahre lang vor der Marie-Durand-Gesamtschule in Bad Karlshafen stand.

Bad Karlshafen - Etwas aufgeregt verfolgen am Montagmorgen in Bad Karlshafen die aus Sachsen-Anhalt angereisten Daniel Groener und David Strößner, wie der Kranführer und sein Kollege versuchen, die Trossen des Krans so an den Halteösen zu montieren, dass der alte Schienenbus keinen Schaden nimmt. Aufatmen dann, als sich die Ketten und Gurte spannen und der Wagen sich nach langem Stillstand vom Boden erhebt.

Premiere: Kurz vor dem Abtransport des Schienenbusses nahm Ex-Schulleiter Karl-Erwin Franz (hier mit Gesamtschul-Hausmeister Thomas Mathies) zum Abschied erstmals im Führerstand Platz. Die Wände erinnern an die frühere Außenlackierung. Das Fahrzeug wechselte mehrmals die Farben.

Mehr als 18 Jahre stand der ehemalige DDR-Schienenbus vom Typ VB 2.08 auf dem Schulhof der Marie-Durand-Gesamtschule in Bad Karlshafen und seit dem Umbau und dem Einzug der Grundschule nun auf deren Schulhof. Als Grund für den Abbau gibt es mehrere Versionen: Zum einen hätten sich immer wieder Schüler an dem Fahrzeug gestoßen, zum anderen gebe es Platzprobleme. Allerdings: Angebaut werden soll auf der Rückseite der Gesamtschule. Und auf den beiden Schulhöfen sollen die dort behelfsmäßig aufgestellten Container schon bald wieder verschwinden und so Luft schaffen.

Um 8.33 Uhr hebt der Autokran den Wagen vom Sockel, um 8.40 Uhr setzt er ihn auf dem Lkw-Anhänger ab und er wird dort aufwändig verzurrt für die 280-Kilometer-Fahrt nach Güsen nahe der Elbe.

Inspizieren eine gut gefettete und damit gut erhaltene Kupplung: Bahnhofsfördervereins-Vorsitzender Daniel Groener (rechts) und sein Stellvertreter David Strößner.

Mit Bedauern, aber auch einem Glücksgefühl beobachtet der frühere Gesamtschulleiter Karl-Erwin Franz das Verladen. Denn die Pflege des Wagens hatte zuletzt nachgelassen, er wurde nicht mehr für den Schulbetrieb benötigt und wäre wohl bald verschrottet worden. Das könne nun verhindert werden. Franz hatte einst gemeinsam mit dem Förderverein der Gesamtschule und dem Lehrer und Eisenbahnexperten Ulrich Fröberg nach dem Schienenbus gesucht. Als Erinnerung an die alte Carlsbahn, deren Bahnhof vor rund 50 Jahren dem Schulneubau weichen musste. Weil die hier zuletzt fahrenden roten Schienenbusse der Bundesbahn knapp und teuer geworden waren, wurden sie bei einem ähnlich aussehenden früheren DDR-Typ auf der Insel Usedom fündig, den sie im Jahr 2001 für 7000 Mark erstanden. Bei der Ankunft am 22. Mai 2002 kurz nach 11 Uhr in Bad Karlshafen waren die Schüler aus dem Häuschen, an Unterricht nicht mehr zu denken.

Farbe des Schienenbusses verändert

Damals wurde der Wagen mit Brechstangen, Winde und Muskelkraft vom Straßenroller auf das einbetonierte Schienenstück geschoben. Weil er zwischendurch schon mal auf ein höheres Podest umgezogen war, musste der Wagen jetzt mit einem Kran verladen werden. Gewechselt hatte er auch die Farbe. Ursprünglich rot lackiert mit weißem Dach (daher die Spitznamen Ferkeltaxi und Sandmann-Zug), war der Schienenbus Anfang der 90er-Jahre in die damals aktuellen DB-Farben türkis und lichtgrau umgearbeitet worden. Die Bad Karlshafener übertünchten das dann wieder mit roter Farbe. Die Sitzbänke wurden zwischendurch einmal ausgebaut und landeten dann versehentlich auf dem Müll.

Die neuen Besitzer vom Förderverein Bürgerbahnhof Güsen wollen die 40 Sitzplätze nun nachfertigen lassen, denn der Schienenbus soll wieder fahren. „Wir hoffen, dass er zur 850-Jahr-Feier der Stadt Genthin im nächsten Jahr fertig ist“, sagt Vorsitzender Daniel Groener. Er ist zuversichtlich, dass der Wagen dann mit Lok auf der 4,5 Kilometer-Nebenstrecke nach Genthin wieder fahren kann.

Einige Fans winken, als das Ferkeltaxi um 10.40 Uhr in Bad Karlshafen losfährt. Um 18.30 Uhr an diesem Tag wird es wieder auf einem echten Bahngleis stehen – und schon etwas strahlen.

Zuletzt auf Usedom im Einsatz

Der Schienenbus mit der Nummer 971 665-5 wurde 1964 vom Volkseigenen Betrieb Waggonbau in Bautzen als Beiwagen für die Leichtverbrennungstriebwagen-Baureihe VT 2.09 der Deutschen Reichsbahn gebaut. 1992 wurde der Wagen in die Baureihenbezeichnung 971 der DB übernommen (die Triebwagen waren BR 771). Zum Steuerwagen umgebaut fuhr er bis 1995 für die DR, wurde dann an die Usedomer Bäderbahn (UBB) verkauft, wo er zusammen mit dem Triebwagen 771.065 eingesetzt war. 2002 kam er nach Bad Karlshafen. Obwohl dieser DDR-Typ nie auf der alten Carlsbahn fuhr (sondern die Schienenbusse VT 98), diente er als Erinnerung an den Bahnhof, der bis nach 1970 an Stelle der Gesamtschule stand, sowie als Teestube, Pausen- und Betreuungsraum.

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