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Schwarzfahren mit dem Dampfer war lebensgefährlich

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Von: Thomas Thiele

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Ein Mann steht vor der Dampfmaschine und dreht hochkonzentriert an einem Regler.
Hochkonzentriert: Maschinist Martin Bülow steuert unter Deck die 122 Jahre alte Dampfmaschine mit ihren zwei riesigen Zylindern. © Thomas Thiele

Für wenige Tage war der Elbe-Raddampfer „Kaiser Wilhelm“ auf die Weser zurückgekehrt. Für viele Mitfahrer eine Zeitreise.

Bad Karlshafen/Bodenfelde/Gieselwerder. Anni Schrick aus Bad Karlshafen ist aufgeregt. Sie schnuddelt lebhaft mit drei Frauen aus Helmarshausen und wartet mit vielen weiteren Menschen am Weserufer in Bad Karlshafen, um mit dem Dampfer „Kaiser Wilhelm“ zu fahren. Als Kind lernte sie vor vielen Jahren in der Weser „schwimmen und trinken“, bei lebensgefährlichen Begegnungen mit dem Dampfer.

Ein Mann steht vor einem Steuerrad und blickt nach vorne auf den Fluss.
Alles im Blick: Kapitän Jan Kruse ist seit seinem 5. Lebensjahr Mitglied im Betreiberverein des Dampfers. © Thomas Thiele

Die aktuelle Fahrt hat sie von ihrer Familie zum 90. Geburtstag geschenkt bekommen, der am nächsten Tag gefeiert wird. Sie erinnert sich an die 1930er bis 1950er Jahre, als sich die Jugend in der Sommerhitze am Fluss vergnügte, weil es ja noch keine Freibäder gab. Als 14- bis 17-Jährige war sie auch dabei, wenn die jungen Leute zum Dampfer schwammen und sich an Radkästen oder am Steuerruder festklammerten. Das war eine höchst gefährliche Sache. Ihr jüngerer Bruder Hermann Schmidt war einmal von dem Wirbel unter Wasser gezogen und fast von einem Schleppkahn überrollt worden. Er konnte sich gerade noch abstoßen und wurde von einem Besatzungsmitglied an Bord gezogen: „Sonst wäre es böse ausgegangen.“

Während die meisten Gäste auf der Fahrt stromauf Richtung Wahmbeck und Gewissenruh auf dem Oberdeck sitzen, schwitzt unter Deck der Maschinist Martin Bülow und regelt per Hand den Dampfstrom in die beiden Zylinder und damit die Geschwindigkeit, mit der sich die beiden Schaufelräder gleich daneben im Wasser drehen. „Halbe Fahrt voraus“ klingt die Stimme des Lotsen und Kapitäns Jan Kruse, der sich mit Marko Reich abwechselt, durch das Messing-Sprachrohr und der Maschinist setzt den Befehl um, denn was draußen passiert, kann er nicht sehen. Diesmal sind es am Ufer festgemachte Kähne und ein Wohnboot, das nicht zu sehr durchgeschaukelt werden soll. Erfreut über die kräftigen Wellen sind dagegen Kanufahrer, denen der Dampfer immer wieder begegnet.

Ein Mann steht unter Deck vor den Feuerungslöchern und hantiert mit einem langen Haken in der Glut.
Schweißtreibend, aber unentbehrlich: Heizer Volker Heilmann lässt das Feuer unter dem Kessel nicht ausgehen. © Thomas Thiele

Nebenan kontrolliert Heizer Volker Heilmann den Dampfdruck und den Wasserstand, schiebt die Glut in einem der beiden Feuerlöcher unter dem Dampfkessel nach hinten und schippt Steinkohlen nach. Oben steigt schwarzer Qualm aus dem Schornstein. Diesen mithilfe eines schweren Gegengewichts umzulegen, wenn sich das Schiff einem Fährseil oder einer Brücke nähert, gehört auch zu seinen Aufgaben. Der Fahnenmast vorne wird dagegen von den beiden Decksleuten bewacht. Eine Stunde dauert eine Schicht unter Deck, dann wechselt man an einen anderen Posten. Heilmann: „Das geht reihum. Wir machen das ja freiwillig und wollen uns nicht kaputtmachen.“

Der Dampfer fährt quer durchs Bild. In der Mitte sind die Radkästen und kräftige Wellen zu sehen.
Große Schaufelräder auf beiden Seiten treiben den Dampfer an. © Thomas Thiele

Mittschiffs hört man neben dem Gemurmel und Lachen der Menschen die Geräusche des Schiffs. Es ist ein stetiges, leicht variierendes Schnaufen, Zischen, Grummeln, Klappern, Klacken, Ticken, Schlagen. Hat das Schiff eine Seele? Erkennt der „Kaiser“ die frühere Heimat wieder? Volker Heilmann überlegt kurz: „Die Seele des Schiffs, das sind die Menschen, die es mit Leben erfüllen.“

Schmaler Raum beim Schaufelrad: In der Kombüse kocht ein eingespieltes Team das Essen.
Schmaler Raum beim Schaufelrad: In der Kombüse kocht ein eingespieltes Team das Essen. © Thomas Thiele

Während aus der engen Kombüse, wo auch Heilmanns Frau mitarbeitet, ebenfalls Wasserdampfschwaden hervorquellen und aus Riesentöpfen Nudeln und Wurstgulasch für das Mittagessen aufgetischt werden, genießen die Fahrgäste auf dem Mittel- und Oberdeck weiter die langsam vorbeiziehende Landschaft, dabei hin und wieder Rauch und Dampf im Gesicht. Vor einem kurzen Regenschauer flüchten die meisten nach unten, kommen dann aber wieder ans Licht.

Am Nachmittag wird an Bord Kuchen serviert. Viele Gruppen sind an Bord.
Am Nachmittag wird an Bord Kuchen serviert. Viele Gäste sind in Gruppen unterwegs, etliche aus den Orten direkt an der Weser. © Thomas Thiele

Auch der aus Gottstreu stammende Horst Kehler aus Heisebeck erinnert sich lebhaft an die wagemutigen Schwimmabenteuer seiner Jugendzeit. „Wenn wir die Dampfer pfeifen hörten, dann sind wir sofort zur Weser gelaufen. Eine Mitfahrt an Bord konnten sich unsere Eltern kaum leisten, also sind wir gratis mitgefahren“, erzählt er. Und auch, dass die Besatzung irgendwann Stacheldraht an den Kanten von Ruder und Beiboot anbrachte, um das gefährliche Schwarzfahren zu verhindern. Mitunter konnten die Schiffe, oft Frachtschiffe, wegen der Anhängsel am Ruder kaum noch steuern.

Abschied: Am Mittwoch startete der Kaiser Wilhelm zurück auf die Elbe. Ob und wann er wiederkommt, ist wegen des enormen Aufwandes unsicher.
Abschied: Am Mittwoch startete der Kaiser Wilhelm zurück auf die Elbe. Ob und wann er mal wieder auf die Weser kommt, ist wegen des enormen Aufwandes noch unsicher. © Thomas Thiele

Der „Kaiser Wilhelm“ dampft unbeirrt weiter stromauf. Bei niedrigem Wasserstand geht es langsamer voran, auch wenn das Schiff im Jahr 1900 eigens flach konstruiert wurde. Doch Kapitän Jan Kruse ist unbesorgt. Er kennt den Strom seit seiner Kindheit, sein Vater war der letzte Kapitän des Kaisers zu Oberweserzeiten und er selbst fuhr als Kapitän lange für die Oberweserdampfschifffahrt in Hameln, bevor er Architektur studierte und Berufsschullehrer wurde. Den heutigen Eignern in Lauenburg an der Elbe hilft er aus Begeisterung.

Junge Leute springen von einem Anlegeponton in den Fluss.
Junge Leute springen bei Bodenfelde neben dem Dampfer ins Wasser. © Thomas Thiele

Manches ändert sich nicht: Nach einem Begrüßungspfiff stürzt sich bei Bodenfelde eine Gruppe junger Männer in Badekleidung in den Fluss, um sich von den Wellen des Dampfers schaukeln zu lassen. Dafür gibts Beifall. Ahoi! (Thomas Thiele)

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