Neuer Arbeitskreis zu geplantem Logistikzentrum startet

Würgassen: Kritischer Blick auf mögliche Routen für Atommüll-Transporte

Das Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks in Würgassen an der Weser.
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Das Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks in Würgassen an der Weser: Hier plant der Bund ein Atommüll-Logistikzentrum. Dagegen gibt es im Dreiländereck Widerstand.

Über das geplante Atommüll-Logistikzentrum (LoK) in Würgassen wird seit Verkündung der Pläne im März 2020 kontrovers diskutiert – jetzt auch in einem neuen „Standortarbeitskreis“.

Würgassen - Mitglieder des Kreises kommen aus Politik, Verwaltungen und Bürgerinitiativen. In dessen erster Sitzung war ein Schwerpunkt die LKW-Verkehrsanbindung des Großprojekts im Dreiländereck, das die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) bis 2027 verwirklichen will.

Wer ist bei diesem Arbeitskreis dabei?

Geleitet wird der Arbeitskreis von Hubertus Grimm, dem Bürgermeister der Stadt Beverungen. Weitere Mitglieder sind die Bundestagsabgeordneten Esther Dilcher (Hessen), Johannes Schraps (Niedersachsen) und Christian Haase (Nordrhein-Westfalen), die Bürgermeister der direkt angrenzenden Städte – aus dem Kreisteil Hofgeismar Bad Karlshafen (Marcus Dittrich) und Trendelburg (Martin Lange) – sowie der Samtgemeinde Boffzen und des Fleckens Lauenförde, die Vorsitzenden der im Rat der Stadt Beverungen vertretenen Fraktionen und die Vorsitzenden der beiden Bürgerinitiativen gegen das Projekt, Dirk Wilhelm und Josef Jacobi.

Was will der Arbeitskreis erreichen?

Man verfolge zwei Ziele, teilt der Arbeitskreis mit: Zum einen möchten sich die Mitglieder abstimmen, gegenseitig informieren und gemeinsam für die Region agieren. Ein zweiter Baustein sei die Vermittlung von Information, um alle Beteiligten aktuell auf den gleichen Wissenstand zu bringen. Hierzu werde der Dialog mit der BGZ gesucht, auch weitere Experten sollen einbezogen werden.

Und um was ging es zum Auftakt konkret?

„Erstes wichtiges Thema war die Frage der verkehrlichen Anbindung“, heißt es vom Arbeitskreis. Die BGZ hab eine Verkehrsstudie in Auftrag gegeben, die sich mit dem Straßenverkehr in einem Radius von etwa 25 Kilometern um den geplanten Standort Würgassen auseinandergesetzt habe. Es geht also nicht um Bahntransporte, die laut BGZ den Großteil der Transporte ausmachen sollen, sondern um Lkw-Verkehr. Grundlage der Studie der Firma Nusec sei eine Verkehrszählung an wesentlichen Punkten an den auf Würgassen zulaufenden Straßen. Es wurden auch Gefahrstellen und Engpässe untersucht.

Kann man die Ergebnisse der Studie einsehen?

Ja. Auf bgz.de gibt es unter „Aktuelles“ eine Mitteilung der Projektplaner mit einem Link zu den vorläufigen Ergebnissen. Dabei geht es auf 15 Seiten unter anderem um voraussichtliche Zufahrtswege für Lkw-Transporte zum Atommüll-Logistikzentrum. Einer von fünf aufgeführten würde dabei von der A 7 (Ausfahrt Hann. Münden-Hedemünden) über die B80 durch den Bereich Reinhardshagen und Wesertal führen. Die B83 über Hofgeismar und Trendelburg wird zumindest in dieser Präsentation nicht als Zufahrtsweg aufgeführt. Vorläufiges Fazit der Studienersteller: „Alle fünf Zufahrtswege liegen auf dem Positivnetz für Gefahrguttransporte und sind für Lok-Lkw-Transporte geeignet“, Engstellen könnten beseitigt werden, bei den ohnehin hohen Verkehrswerten seien die maximal 20 täglich geplanten Lkw-Transporte (Montag bis Freitag, inklusive Leerfahrten) „zahlenmäßig nicht signifikant“.

Was sagt der Arbeitskreis zu Studie?

Den Mitgliedern wurden die vorläufigen Ergebnisse präsentiert. Ihr Fazit: „Der Standortarbeitskreis hat sich mit dem Vortrag kritisch auseinandergesetzt und sieht noch Mängel in der Bewertung.“ Aktuell vorhandene Schwachstellen der Streckenführungen seien mit dem Verweis auf derzeit lediglich geplante Straßenbauprojekte unberücksichtigt geblieben. In die Betrachtung mit einbezogen werden solle auf jeden Fall „die unfallträchtige Autobahnanschlussstelle Warburg“. Zudem verweist der Arbeitskreis auf ein Logistikgutachten, das Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegeben haben. Es solle Aufschluss darüber geben, ob ein zentrales Bereitstellungslager, wie in Würgassen geplant, überhaupt sinnvoll sei – oder ob eine direkte Anlieferung an das Endlager Schacht Konrad die bessere Alternative sei.

Um was ging es neben der Verkehrsanbindung noch?

Arbeitskreis und BGZ haben auch über das Thema Regionalplanung diskutiert. Wie mehrfach berichtet, widerspricht laut Rechtsauffassung der Bezirksregierung Detmold die Errichtung eines zentralen Bereitstellungslagers den Zielen der Regionalplanung und sei daher nicht genehmigungsfähig, zumal die BGZ die formale Halbjahresfrist versäumt habe. „Die BGZ ist hier anderer Rechtsauffassung und wird im Rahmen des Antragsverfahrens versuchen, die Genehmigung zu erlangen“, heißt es dazu vom Arbeitskreis. In der nächsten Sitzung wolle man sich mit geologischen Gutachten beschäftigen und sich informieren, wie sicher der Standort Würgassen in dieser Hinsicht sei. Auch darüber gibt es bereits seit Längerem kontroverse Diskussionen (HNA berichtete).

Und was sagt die BGZ zum Arbeitskreisauftakt?

BGZ-Geschäftsführer Dr. Ewold Seeba zog ein positives Fazit. „Ich begrüße sehr, dass wir eine Runde gefunden haben, in der wir miteinander sprechen können. Wir sind uns einig, dass dieser Gesprächskreis regelmäßig stattfinden soll“, wird er in einer eigenen Pressemitteilung der Planer zitiert. Der Austausch sei konstruktiv gewesen, auch wenn teils sehr unterschiedliche Positionen deutlich geworden seien. (Matthias Müller)

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