Bald Klettern an alten Klostermauern

Zehntscheune in Helmarshausen wird zur Kindertagesstätte

Blick von oben in ein Treppenhaus. Auf der Treppe steht der Pfarrer und blickt nach unten.
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Helmarshausen neue Kita in der umgebauten Zehntscheune, hier der Eingangsbereich mit Treppe und Leitungsbüro (Mitte oben).

In eine 273 Jahre alte Scheune in Helmarshausen zieht ein Kindergarten ein - und eine Überraschung für Kinder und Jugendliche.

Helmarshausen - Kaum wiederzuerkennen ist das Innere der Zehntscheune auf dem Klostergelände in Helmarshausen. Ende dieses Monats wird dort eine neue Gruppe der benachbarten Kindertagesstätte einziehen, um die Raumnot zu beheben. Um diesen großen Bau nutzen zu können, wurden neue Wände und Decken eingebaut, ohne den historischen Bestand des Gebäudes gravierend zu beeinträchtigen, das vor über 250 Jahren aus Resten der eingestürzten Abteikirche erbaut wurde. Außer der Kita zieht auch ein Raum für Jugendliche ein, in dem eine der Mauern zu einer 4,50 Meter hohen Kletterwand für alle Altersstufen wird.

Der vielseitig nutzbare Gruppenraum liegt im Erdgeschoss der umgebauten Zehntscheune. Der historische Boden darunter durfte nicht angetastet werden. Die Möbel treffen nach und nach ein.

Wenn demnächst Besucher die Mauersteine der neuen Kindertagesstättenerweiterung in Helmarshausen berühren, haben das vor Jahrhunderten sicher auch schon einmal berühmte Goldschmiede und Buchmaler getan. Denn der neue Kindergarten der Kirchengemeinde zieht in die umgebaute Zehntscheune ein, die 1749 aus Steinen der 1604 teilweise eingestürzten Klosterkirche gebaut wurde, (ebenso wie große Teile der Hafenmauer in Karlshafen.)

Das Gebäude hat sich im Innern komplett verändert. Wo früher Material, Geräte und Flohmarktartikel gelagert waren, öffnet nun ein modernes Mehrzweckgebäude seine Türen. Die Kirchengemeinde Helmarshausen und die Stadt Bad Karlshafen hätten bei dem 1,2-Millionen-Euro-Projekt sehr gut zusammengearbeitet, schildert Pfarrer Daniel Fricke. Die Stadt beteiligt sich laut Bürgermeister Marcus Dittrich mit 200.000 Euro an dem Umbau, der nur möglich wurde, weil es 90 Prozent Zuschüsse vom Bund und Land für soziale Integration gab. Es wurde auch nur begonnen, weil das Dach bereits 2013 für 300.000 Euro erneuert worden war.

Geschichte hinter Mönchsfiguren: In der Zehntscheune erlaubte die Denkmalpflege sogar Mauerdurchbrüche.

Etwa zwei Dutzend Freiwillige leisteten bei Aufräum- und Abbrucharbeiten sowie bei der Dämmung und beim Fußbodenverlegen 600 Stunden Eigenleistung. Der Umbau war eine technische und planerische Herausforderung, weil die Denkmalpflege zwar Mauerdurchbrüche für neue Fenster erlaubte, dafür aber der Erdboden nicht angetastet werden durfte. Die Scheune überbaut nämlich einen Teil der Krypta der abgebrochenen Klosterkirche. So wurden Teile der neuen Zwischendecken nicht auf Stützen gestellt, sondern am Dachstuhl aufgehängt. Für Licht im Obergeschoss sorgen bis zu fünf Meter lange, innen gespiegelte Lichtrohre, die im Dach nur kleine Öffnungen benötigen. Auch die Verlegung von Kanal- und Gasanschluss war komplex.

Bald Kletterparadies: Am bergseitigen Giebel entsteht eine Boulderwand, der Boden wird gepolstert.

Im Erdgeschoss links befindet ich jetzt der große Gruppenraum mit angrenzender Küche, Waschraum, Schlafraum und Kreativwerkstatt. In der rechten Hälfte findet sich das Foyer mit Treppe, darüber das Leitungsbüro, ein Sozialraum und ein Personal-WC. Das restliche Viertel wird zum Indoor-Freizeitraum mit riesiger, über zwei Stockwerke reichender Kletterwand, wo auch schon Kleinkinder sich austoben können, unabhängig vom Kita-Betrieb. Dieser Bereich soll im März/April fertig werden.

Vor dem Umbau: Der Eingangsbereich der Scheune mit Garageneinbau.

Die derzeit in der Kapelle untergebrachte Notgruppe soll Ende Januar einziehen. Eine Einweihungsfeier steht wegen Corona noch nicht fest. „Aber es wäre schön, wenn es sie dieses Jahr gäbe, denn die Kita besteht jetzt 50 Jahre“, meint die Leiterin Ute Fischer. (Thomas Thiele)

Kirchturm stürzte ein

Die 997 gegründete Reichsabtei Helmarshausen war im Mittelalter eines der Zentren der Buchmalerei und Goldschmiedekunst. Hier entstand auch das Evangeliar Heinrichs des Löwen, einst teuerstes Buch der Welt. Die Klosterkirche wurde 1011 geweiht und im folgenden Jahrhundert erweitert, als nach dem Kauf der Gebeine des Heiligen Modoald (Erzbischof in Trier) Pilger kamen und Geld brachten. Nach Aufgabe des Klosters 1538 stürzte der Turm 1604 ein, aus Steinen der verfallenden Kirche wurde die Zehnscheune gebaut. 1848 richtete die Stadt Helmarshausen im Hauptgebäude eine Schule ein. 1972 folgten Gemeindezentrum und Kindergarten.

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