Nach 18 Jahren Pause wieder Zughalte

Ein Blick zurück: Bahnhof Liebenau war vier Jahre lang Endstation

Über 70 Jahre her: Bahnhofsvorsteher Döller mit seiner Familie

Liebenau. Das Empfangsgebäude des Bahnhofs Liebenau hat sich - zumindest baulich - seit der Erstellung im Jahr 1848 kaum verändert. Der rote Ziegelsteinbau steht unter Denkmalschutz und befindet sich seit einigen Jahren in Privatbesitz.

Die Situation des Schienenverkehrs auf dem Streckenabschnitt Hümme/Haueda der 1849 in Betrieb genommenen Friedrich-Wilhelm-Nordbahn hat sich hingegen häufiger verändert. Willi Möller, Vorsitzender des Heimatvereins Liebenau und sein Vereinskollege Franz Köhler, ein ehemaliger Eisenbahner, haben die Geschichte des Liebenauer Bahnhofs 1998 für eine Ausstellung aufgearbeitet.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es neben zwei Stellwerken noch einen Schrankenposten, eine Fahrkartenausgabe, eine Güterabfertigung mit eigener Rangierlok und eine Bahnmeisterei“, so Köhler. Der Güterverkehr war bis in die 1970er Jahre von großer Bedeutung und die Bahn größter Arbeitgeber in Liebenau. Über die Schienen trafen Kunstdünger für die beiden Kornhäuser, Holz für die Fensterfabrik und Behälter mit Bimsbausteinen ein, die für Baustellen in der Warburger Börde bestimmt waren.

Beton: Eine große Fußgängerbrücke hat den Überweg ersetzt und lässt das einstige Empfangsgebäude klein erscheinen. Fotos: Vossen

Die Weiterführung der Strecke nach Warburg erfolgte im Juli 1853 nach Fertigstellung des Viadukts über die Diemel. „Der Versand von Gütern bestand in der Erntezeit vor allem aus Getreide und bedingt durch das Kalkwerk in Haueda aus Düngekalk von dem an manchen Tagen bis zu zehn Wagen verladen wurden“, sagen die Heimatforscher.

„In den 1960er Jahren waren die Personenzüge rappelvoll“, sagt Köhler. Die 70er brachten Veränderungen mit sich. Der alte Bahnübergang mit Schranke wurde durch eine neue Fußgängerbrücke aus Spannbeton ersetzt. Nur wenige Jahre später kam das Aus für den Liebenauer Bahnhof. Als Folge der Umwandlung in ein regionales Eilzugsystem wurde der Halt von Personenzügen im Mai 1978 eingestellt. Fortan fuhren die Züge an Liebenau nur noch vorbei.

1996 fand eine Wiederbelebung des stillgelegten Bahnhofs statt. Der Nordhessische Verkehrs-Verbund (NVV) bezog Liebenau in seine Haltepunkte ein. Die Regio-Tram bietet heute die Anbindung nach Kassel.

Bahnhof Liebenau: Impressionen von gestern und heute

Fauchend: Dampfzug vor einem Haltesignal im Bahnhof Liebenau © HNA
So sah der Bahnhof Liebenau früher aus. © HNA
Treffpunkt: Der Bahnhofsvorplatz in Liebenau war früher belebter als heute. Das Bild entstand vermutlich zwischen 1910 und 1930. © HNA
Imposant: Der Bahnhof Liebenau mit seinem wichtigsten Personal vermutlich um 1900. Gut sind die vielen Bauten und die Bahnsteigabsperrung zu erkennen. © HNA
Ein Blick auf den Bahnhof Liebenau, wie er früher möglich war. © HNA
Bahnhofsvorsteher Döller mit seiner Familie vor etwa 70 Jahren. © HNA
Der Bahnhof Liebenau heute. © HNA/Vossen
Nicht mehr viel Betrieb: Güterschuppen und Kornspeicher. © HNA/Vossen
Beton: Eine große Fußgängerbrücke hat den Überweg ersetzt und lässt das einstige Empfangsgebäude klein erscheinen. © HNA/Vossen
Der Bahnhof Liebenau heute. © HNA/Vossen

In der Chronik der Stadt Liebenau ist zu lesen, dass sich nach dem Bau des Bahnhofs das bisher geschlossene Oval des Stadtbildes auflöste (ab 1880). Auch, dass die Menschen sich nur mühsam an das neue Verkehrsmittel Eisenbahn gewöhnten. Vor allem, wenn es um die Schutzbestimmungen ging. Es gab Beschwerden über das Bahnhof- und Streckenpersonal, das über die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen wachte. Die Liebenauer hatten wenig Verständnis dafür, dass sie den Bahndamm nicht mit Schafen und Ziegen beweiden oder die Gleise als Fußweg benutzen durften.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Liebenau zum Grenzort zwischen der englischen und der amerikanischen Besatzungszone. Da für den Wechsel von einer Zone in die andere Passagierscheine oder ein Einreisevisum vorliegen mussten, wurde Liebenau zur wichtigen Kontrollstation.  Norbert Strauch beschreibt in einer Publikation des Heimatvereins die Situation. Die Amerikaner hätten ihre Kontrollfunktion sehr ernst genommen und alle Reisenden „gefilzt“. Dabei seien sie bei den „Hamsterern“ oder Schwarzmarkthändlern fündig geworden und hätten von Lebensmitteln bis zu Ferngläsern und Volksempfängern alles konfisziert.

Den beschlagnahmten Alkohol mussten die Bahnhofsbeschäftigten vorkosten, bevor er durch die Kehlen der Amerikaner floss. Diese hatten Angst vor Vergiftung. Die Liebenauer Bahnbeschäftigten sollen sich dem aber ohne Murren gefügt haben, so Strauch. (ziv)

Von Ingrid Vossen

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