Stadtausgräber hat Standardwerk über Mittelalter im Weserbergland geschrieben

Spurensuche vor Ort: An der ungewöhnlich großen Dorfkirche Winnefeld erläuterte Hans-Georg Stephan die Forschungen. Aus unscheinbaren Befunden und Funden können die Forscher erstaunliche Schlüsse auf die frühere Lebenswelt ziehen. Fotos: Thiele

Der von Archäologen lange vernachlässigte Oberweserraum bescherte zuletzt aufsehenerregende Funde. Ein Experte hat jetzt ein Buch geschrieben, das das Mittelalter zwischen Zierenberg und Einbeck, Münden und Höxter umfassend und beeindruckend darstellt.

Winnefeld / Oberweser. „Das ist unglaublich. Es ist so umfassend, wie ich noch keines gesehen habe“, meint Roland Henne sichtlich beeindruckt. Der frühere Bürgermeister von Oberweser, der seit seiner Pensionierung ausgiebig vor allem Wüstungs- und Glashüttenstandorte in Solling und Reinhardswald erforscht, hat drei Wochen gebraucht, um das neue Buch „Der Solling im Mittelalter“ durchzulesen, das Professor Dr. Hans-Georg Stephan verfasst hat.

Und das nicht, weil es schwer zu lesen wäre, sondern wegen der Fülle des Materials, das der Entdecker und Ausgräber der mittelalterlichen Stadt Nienover in dem großformatigen Buch zusammengefasst hat, das beste Chancen hat, zur Bibel der Mittelalterforschung in der Oberweserregion zu werden.

Roland Henne: Mit selbstgebautem Suchstab fand er Brunnen und Scherben.

Stephan stellte das Buch jetzt in Winnefeld vor, als er einer Gruppe von Architekturstudenten der Universität Halle die bisherigen Ausgrabungen erläuterte. Die 28 jungen Leute befassen sich in einem Aufbaustudiengang Denkmalpflege mit mittelalterlichen Bauten und sammeln bei einer dreimonatigen Ausgrabungskampagne in Winnefeld und an der Wüstungskirche Schmeeßen beim Forellenhof praktische Erfahrungen, um zu erkennen, was Archäologie ist und wie sie funktioniert. Beste Beispiele für die Rolle der Archäologie kann ihnen Professor Dr. Stephan an der Oberweser en masse liefern, denn dort wird seit über zehn Jahren die erste Stadtgründung im Solling, Nienover, untersucht (siehe Hintergrund), die auch Beleg für die damalige Stadtflucht ist, als viele Menschen die Dörfer verließen und diese wüst fielen. 2007 wurden sogar Scherben aus der Karolingerzeit gefunden, was alles noch spannender macht.

Von Thomas Thiele

Spannende Zeitreise mit Anspruch

Die Ausgrabungen im Solling sind ein spannender Krimi und Stephans neues Buch hilft den Lesern, ihn zu verstehen. Denn es zeichnet ein Bild der gesamten Region beiderseits der Oberweser mit den wechselnden Einflüssen des Adels und den Wirkungen des Handels am Schnittpunkt wichtiger Verkehrswege in der Zeit zwischen 500 und 1500. Die Fülle des Materials ist auch ansatzweise kaum wiederzugeben. Stephan hat sich derart in die Materie eingearbeitet, dass er zu jedem denkbaren Detail etwas sagen kann, und das wissenschaftlich fundiert und trotzdem gut lesbar, was leider vielen Ortschroniken fehle, wie er voranstellt. Ausgehend von den neu ergrabenen Orten lässt Stephan die vergangene Lebenswelt auferstehen und der Leser versteht, warum sich unsere Region im Mittelalter so entwickelt hat. Er behandelt alte Verkehrswege, Wölbäcker, Wüstungen, Landwehren, Töpferorte, Burgen, Stadtstrukturen, romanische Kirchen, Klöster, Grundbesitz und Verflechtungen des Adels, Münzen, Mühlen, Brunnen, Skelettfunde. Der Leser erfährt, dass Gottsbüren einer der wichtigsten Töpferorte war, dass Nienover eine der ältesten Landwehren in Europa besitzt und warum der frühe Tod des letzten Erben vom Schöneberg (er lebt in der Hofgeismarer Stuteweckensage weiter) so folgenschwer für die Region war - Lesestoff für Wochen und Monate mit überraschenden Abbildungen, einschließlich Bodenradar. Überraschend intensiv geschildert wird auch die erstaunliche Entwicklung von Burg und Stadt Gieselwerder, alles führt dann zu den Ausgrabungen in Nienover mit ihren über 100 000 Funden. Einziges Manko, bedingt durch die Materialfülle: Sehr dünnes Papier und mitunter schwer lesbares, einspaltiges Textlayout. (tty)

Hans-Georg Stephan: Der Solling im Mittelalter - Archäologie, Landschaft, Geschichte im Weser- und Leinebergland, 600 Seiten, Großformat 23 x 32 cm, 225 Abb., fast 80 ganzseitige Bildtafeln, archaeotopos-Verlag Dormagen (für 30 Euro bei Klaus Bosse, Bodenfelde. Tel. 05572/7313, kbosse@gmx.de).

Schatzkiste für die Forscher

Die kaum 200 Jahre existierende Stadt Nienover wurde zwar zerstört und verlassen, aber nie überbaut, so dass weite Teile des Stadtgebietes noch archäologisch untersucht werden können. Eine erste, sehr erfolgreiche Grabungsphase seit 2003 konnte nicht fortgesetzt werden, weil das landeseigene Areal in private Hände verkauft wurde. Professor Dr. Hans-Georg Stephan hofft aber, dass sich neue Möglichkeiten ergeben und die Grabungen fortgesetzt werden können. Für die Erforschung der europäischen Siedlungsgeschichte haben sich in Nienover bereits bahnbrechende Erkenntnisse ergeben. Die Stadt wurde planmäßig Ende des 12. Jahrhunderts angelegt, weil die Grafen von Dassel eine neue Landesherrschaft gründen und ihren Einfluss zwischen Solling und Habichtswald ausdehnen wollten. Die Stadt beherbergte 40 bis 90 Häuser, von denen etliche Fundamente ausgegraben und erstmals ein Mittelalterhaus jener Zeit rekonstruiert wurde. Nach der Kirche suchte man bisher vergeblich. In der Nachbarschaft wurde die Kirchenruine Winnefeld ausgegraben und gesichert, das angrenzende Dorf wird ebenso wie die Wüstungskirche Schmeeßen weiter erforscht. (tty)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.