Interview mit Bischof Hein: „Nicht gleich Rassismuskeule schwingen“

Calden. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche, besuchte am Donnerstag erstmals das Flüchtlingslager auf dem Flugplatz in Calden. Wir sprachen nach dem Besuch mit ihm.

Herr Bischof, wie haben Sie die Situation im Flüchtlingslager Calden empfunden? 

Martin Hein: Das ist eine völlig neue Erfahrung. Wir sind ja Zeit unseres Lebens gewohnt, in Sicherheit zu leben. Menschen zu treffen, die auf der Flucht sind, ist eine völlig neue Situation.

Wie beurteilen Sie die Unterkünfte auf dem Flugplatz? 

Hein: Die Situation dort ist die eines Provisoriums, das mit hohem Engagement der dort tätigen Helfer und Firmen erhalten wird. Ich habe mit Syrern gesprochen und es ist klar, das die Lage dort die Menschen nicht befriedigen kann. Viele haben sich etwas anderes erhofft. Die Situation in den beheizten Zelten ist nur übergangsweise okay. Wenn es Winter wird, ist das keine menschenwürdige Unterbringung.

Die Situation ist auch für Caldener schwierig. Wer Kritik äußert, läuft Gefahr, als Rassist bezeichnet zu werden. Darf man über Flüchtlinge schimpfen? 

Hein: Wir müssen alle zu einer nüchternen Einschätzung der Lage beitragen und Emotionen begrenzen. Ich halte das für ein Gebot der Humanität, das man auch christlich begründen kann. Die Situation ist für alle Beteiligten eine Belastung. Niemand begibt sich freiwillig auf die Flucht, selbst Menschen nicht, die vor Armut fliehen. Wir stehen am Anfang einer Völkerwanderung, aber das darf nicht die Humanität beeinflussen.

Zwischen Einwohnern und Flüchtlingen gibt es Konflikte im Alltag. Wie sollte man damit umgehen? 

Bischof Martin Hein

Hein: Die Zeltstadt bestimmt nicht in überdimensionierter Weise das Leben in Calden. Sie ist kein Gefängnis. Dass es zuAnpassungsschwierigkeiten kommt, ist so. Da bitten wir um Verständnis und Toleranz. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hat seit 20 Jahren enge Kontakte nach Syrien, ich war mehrfach dort. Doch wenn ich heute nach Syrien müsste, wüsste auch ich nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich wäre dankbar, wenn es Menschen gäbe, die mir helfen.

Mein Vorschlag sind Infoveranstaltungen für Flüchtlinge, bei denen auf die Lebensgewohnheiten, die Rechte und Pflichten in Deutschland abgezielt wird. Zweimal die Woche wäre so was sinnvoll.

Viele Caldener haben Angst, Gerüchte gehen durch den Ort. Was macht man mit solchen Ängsten? 

Hein: Sie konkret benennen, aufklären und darüber reden. Man darf nicht gleich die Rassismuskeule schwingen. Am besten wäre es für Menschen, die Angst haben, sich in der Zeltstadt zu engagieren. Doch das ist in der Erstaufnahme schwierig. Ich glaube, dass die Kirchengemeinden in Calden Begegnungsstätten zwischen Flüchtlingen und Caldenern anbieten könnten. Wir reden immer übereinander und zu selten miteinander.

Die Kirche hat sich lange nicht zur Lage in Calden geäußert und erst kürzlich eine Spendenaktion gestartet. Warum? 

Hein: Calden ist nicht die einzige Einrichtung für Flüchtlinge. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck engagiert sich seit Jahren vielerorts für Flüchtlinge. Zudem haben wir gerade die Sommerferien hinter uns und die Gemeinden haben dem Wunsch der Verantwortlichen in Calden entsprochen, nicht überstürzt, sondern mit Bedacht und effektiv zu helfen.

Hat die Kirche Räume, die sie zur Unterbringung von Flüchtlingen zur Verfügung stellen kann? 

Hein: Wir haben die Gemeinden aufgerufen zu prüfen, ob es vor Ort Wohnraum gibt, den sie dauerhaft zur Verfügung stellen können. Es findet schon Vieles statt, es gibt bereits Pfarr- und Gemeindehäuser, in denen Flüchtlinge wohnen.

Unter den Flüchtlingen sind auch Glaubensflüchtlinge. Wie geht die Kirche damit um? 

Hein: Wir versuchen für alle da zu sein, wollen aber besonders die Situation der syrischen Christen in den Blick nehmen. Wo größere Gruppen vorhanden sind, werden wir die Kirche öffnen und Räume zum Gebet zur Verfügung stellen. Ich würde mich freuen, wenn es in Calden gelingt, auch Gebetsräume für Muslime einzurichten. Jetzt geht es aber erst einmal um die humanitäre Grundversorgung der Menschen.

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Rubriklistenbild: © Archivfoto: S. Hoffmann

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