Psychiatrisches Gutachten wurde verlesen

Caldener Mordprozess: Angeklagter wollte sich die Augen ausstechen

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Meldete sich am fünften Verhandlungstag selbst zu Wort: Der Angeklagte Thomas S. berichtete gestern von zwei Suizidversuchen. Hinten im Bild ist Rechtsanwalt Marcus Mauermann. 

Kassel/Calden. Eine mittelschwere depressive Phase – das ist die Diagnose des psychiatrischen Gutachters im Caldener Mordprozess über Thomas S., den mutmaßlichen Täter.

Er soll seinen Arbeitskollegen im Februar auf einem Feldweg bei Ehrsten mit zwei Kopfschüssen getötet haben. Die psychische Verfassung des Angeklagten ist einer der Kernpunkte im Prozess.

Das sagt der Gutachter

Keine Hinweise für Wahnvorstellungen bei dem Angeklagten, keine Störung der Konzentration, keine Beeinträchtigung des Denkens oder des Realitätsbezugs – zu diesem Schluss kommt der psychiatrische Gutachter, der am fünften Verhandlungstag zu Wort kam. „Thomas S. wirkte im Prozess zwar abwesend, war aber trotzdem immer sofort ansprechbar und aufmerksam, wenn er etwas gefragt wurde.“ Durch seine schwere Kindheit habe der Angeklagte keine optimalen Voraussetzungen für eine gesunde Psyche mitbekommen, auch eine Autoritätsperson habe ihm in jüngeren Jahren gefehlt. Mit seinen Eltern stehe er schon länger nicht mehr in Kontakt.

„Ich kann nicht ausschließen, dass die Depression die Steuerungsfähigkeit des Verhaltens von Thomas S. beeinträchtigt hat“, so der Gutachter. Es sei möglich, dass er wegen seiner psychischen Verfassung am Tattag nicht rational denken konnte und nur eine Möglichkeit gesehen habe, aus möglichen gescheiterten Waffen- oder Anabolikageschäften mit dem Opfer heil herauszukommen: nämlich ihn zu töten.

Ob der Angeklagte geplant habe, sein Opfer umzubringen, oder ob er dies spontan entschieden hat, konnte der Gutachter nicht beantworten: „Das wäre Spekulation.“

Das Verhalten in Haft

In Haft habe sich das Verhalten von Thomas S. in Bezug auf seine Psyche verändert. Er habe sich die Schulter aufgebissen und versucht, sich mit einem Plastikbesteck die Augen auszustechen. Bei diesem Thema meldete sich der Angeklagte selbst zu Wort: „Ich habe auch einen Mithäftling angesprochen, ob er mir die Augen mit einem Kuli ausstechen könne.“ Thomas S. berichtete, er solle Medikamente nehmen, die er aber vor zwei Tagen abgesetzt habe. „Die Ärztin hat mir zwar dringend davon abgeraten, ich fühle mich ohne Medikamente aber besser.“ Zurzeit befinde er sich in einer kameraüberwachten Zelle.

Bei Nachfragen des Gerichts an den Gutachter kam zum Vorschein, dass Thomas S. offenbar Angst vor Übersinnlichem hatte. In Haft soll er sein Waschbecken mit einem Handtuch zugestopft haben, um Geister fernzuhalten. Außerdem soll er seine ehemalige Wohnung in Ehrsten mit Knoblauchzehen zur Abwehr von Vampiren oder Ähnlichem präpariert haben.

Für den nächsten Prozesstermin am Mittwoch, 16. November, werden die Plädoyers erwartet. Die Verhandlung vor dem Landgericht Kassel beginnt um 9 Uhr in Saal D 130.

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