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Corona: Beratungsarzt des Impfzentrums Calden spricht über zweiten Booster

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Von: Daria Neu

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Bevor es im Caldener Impfzentrum den Piks gibt, hat jeder die Möglichkeit, mit dem Beratungsarzt ein Gespräch zu führen.
Bevor es im Caldener Impfzentrum den Piks gibt, hat jeder die Möglichkeit, mit dem Beratungsarzt ein Gespräch zu führen. © dpa

Wer sollte sich ein viertes Mal gegen Corona impfen lassen? Diese Frage sorgt für Verunsicherung – auch im Kreis Kassel. Der Caldener Beratungsarzt klärt auf.

Calden – Seit Ende September verabreicht das Team des Caldener Impfzentrums das neue, an die aktuell vorherrschende Omikron-Variante BA.4/BA.5 angepasste Vakzin. Die Auffrischimpfungen sind für alle Menschen ab zwölf Jahren buchbar. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt den zweiten Booster jedoch nur für bestimmte Gruppen.

Viele Menschen sind daher verunsichert, ob sie sich noch einmal impfen lassen sollen oder besser nicht. Um Irritationen aufzuklären, bietet Dr. Hans Urbanczyk im Vorfeld jeder Impfung ein Gespräch an. Wer Fragen hat, darf sich an ihn wenden. Wir sprachen mit ihm im Interview über die Sorgen vieler Menschen.

Herr Urbanczyk, welche Frage haben Sie in den vergangenen Wochen am häufigsten gehört?

Gerade in den letzten Wochen wurde mir am häufigsten die Frage gestellt, für wen eine vierte oder fünfte Impfung sinnvoll und nützlich ist.

Was antworten Sie?

Sie verhindert in erster Linie nicht die Infektion, sondern schwere Verläufe. Das ist das Entscheidende.

Welche Gedanken machen sich die Menschen außerdem?

Sie fragen sich, welchen Impfstoff sie nehmen sollen. Sollten sie sich mit dem angepassten Vakzin immunisieren lassen oder mit dem nicht angepassten. Menschen, die eine Vorerkrankung haben, fragen sich auch oft, wie sicher und sinnvoll die Impfung in ihrem besonderen Fall ist. Ein weiteres Thema, das häufig eine Rolle spielt, ist die Reihenfolge der Immunisierungen. Und dann gibt es natürlich noch ganz viele Fragen, die vereinzelt auftreten. Es gibt Menschen, die mRNA-Impfstoffe komplett ablehnen. Das ist eines von vielen Beispielen.

Das klingt nach erheblichem Beratungsbedarf.

Ja, das stimmt. Es gab von Anfang große Zweifel und Sorgen mit Blick auf dieses Thema. Man muss aber eben auch im Blick behalten, dass seit 2020 eine deutliche Verringerung der durchschnittlichen Lebenserwartung festzustellen ist. Das ist für europäische Länder eine Nachricht, die zeigt, dass das Virus eben alles andere als harmlos ist. Es handelt sich um eine ernste Bedrohung unserer Gesundheit. Auch Long Covid ist ein Riesen-Thema. Die Impfung ist unsere einzige Möglichkeit, solche Probleme zu reduzieren.

Können Sie den meisten Menschen ihre Sorgen nehmen?

Es ist bei mir noch niemand – auch kein Kritiker – nach dem Gespräch rausgegangen, ohne danach geimpft worden zu sein. Ich versuche das, indem ich empathisch bin und mich mit dem Wissen, das ich in den vergangenen Jahren hier erworben habe, auf die individuelle Situation eines jeden einzustellen. Man muss für alles Verständnis haben. Wenn jemand Angst hat, wenn jemand aus einer vielleicht auch fehlgeleiteten Information Sorge hat, muss man denjenigen ernstnehmen. Meine Aufgabe ist es, mithilfe von begründeten, wissenschaftlichen Daten die Menschen davon zu überzeugen, dass die Impfung in ihrem Einzelfall wichtig ist. Dazu gehört es selbstverständlich auch, Patienten, die aktuell nicht unbedingt eine Immunisierung benötigen, auch genau diese Information zu geben. Es ist immer eine individuelle Abwägung.

Aber die Stiko gibt doch eine klare Empfehlung ab. Wo ist da der individuelle Spielraum?

Eine Empfehlung verpflichtet nie zu einem bestimmten Handeln. Sie ist ein Korridor, in dem wir uns bewegen. Aus medizinischen oder persönlichen Gründen dürfen wir immer davon abweichen. Jedes Individuum bringt eine besondere Situation mit. Das gilt es, im persönlichen Gespräch zu hinterfragen.

Können Sie die Irritationen hinsichtlich der Stiko-Empfehlung verstehen?

Die Stiko kann ihre Empfehlungen nur evidenzbasiert abgeben. Das Team schaut sich aktuelle Studien zur Problematik an und wertet diese aus. Noch nie sind zu einem Thema in dieser kurzen Zeit so viele Studien veröffentlicht worden wie zur Corona-Pandemie.Natürlich haben wir es da auch mit durchaus widersprüchlichen Studien zu tun. Die Stiko muss immer einen gemeinsamen Nenner finden. Sie kann nicht einfach eine Empfehlung für alle geben. Deshalb sind die persönlichen Gespräche mit Ärzten umso entscheidender.

Wie blicken Sie auf den Herbst und Winter?

Die erste Nachsommerwelle scheint mittlerweile gebrochen zu sein. Die bundesweiten Inzidenzen fallen insgesamt ab. Die wichtigste Frage wird sein, welche Variante nun kommt und ob diese eine Immunflucht hat. Man sollte nicht in Panik verfallen, sondern das Ganze einfach abwarten. Wir befinden uns in einer völlig anderen Situation als im vergangenen Jahr. Wir hatten 2021 weniger Impfungen, aber deutlich krankmachendere Varianten. Man muss hoffen, dass sich möglichst viele Menschen weitere Auffrischungsimpfungen geben lassen. Gerade ältere und geschwächte Menschen sollten nicht nur über eine vierte, sondern auch über eine fünfte Impfung nachdenken.

Beratungsarzt informiert Caldener Impfzentrum

In puncto Corona-Infektion und -Impfung beschäftigen sich die Menschen mit ganz unterschiedlichen Sorgen. Beratungsarzt Dr. Hans Urbanczyk vom Caldener Impfzentrum sprach mit uns unter anderem über:

Schnelltests: „Man kann davon ausgehen, dass etwa 15 bis 20 Prozent aller Coronainfektionen asymptomatisch verlaufen, auch mit negativem Schnelltest. Die Schnelltests haben eine Sensitivität von etwa 38 Prozent. Das ist nicht besonders hoch und abhängig von der Viruslast und von der Abnahme. Man muss tief im hinteren Rachenbereich abstreichen. Wir können davon ausgehen, dass wir bei über 95 Prozent der Bevölkerung eine Immunantwort, entweder durch Impfung oder Impfungen, haben. Davon werden es viele gar nicht gemerkt haben, dass sie sich infiziert haben.“

Virusvarianten: „Das Virus verändert sich immer wieder. Schon jetzt drohen wieder zwei neue Varianten – BQ1 und BQ1.1. Es gibt neue Mutationen im Spike-Bereich mit deutlich erhöhter Infektiosität. Worauf es ankommt, ist eine sogenannte hybride Immunität. Das langfristige, zellabhängige Immunsystem braucht mehrere Kontakte, um auszudifferenzieren.

Long Covid: „Unser Ziel ist es, Menschen durch Impfungen vor schweren Verläufen und vor Long Covid zu schützen, nicht vor einer Infektion. In seltenen Fällen kann es sogar gelingen, Long-Covid-Verläufe durch eine anschließende Impfung zu verbessern. Long Covid entsteht häufig bei den Erkrankten, die eigentlich nur einen milden bis mittelschweren Verlauf hatten. Sie scheinen erst einmal gesund zu werden und nach etwa drei Wochen bekommen sie dann Symptome wie Herzrasen, Gedächtnisstörungen, Ermüdungszustände. Das ist eine dramatische Situation.“

Immunität: „Es gibt einzelne Menschen, die trotz Kontakt zu einer Covid-19-infizierten Person nicht erkranken. Diese Menschen haben die besondere Eigenschaft hoher und anhaltender IgA-Schleimhaut-Antikörper. Wie viele Personen diese Eigenschaft besitzen, weiß man nicht.“

Calden: „Wir haben in Calden die Möglichkeit, intensive Gespräche mit jedem Einzelnen zu führen. Ein Impfzentrum ist kein Massenbetrieb, sondern ein Ort, an dem individuelle Beratung stattfindet. Wie viele Gespräche ich am Tag führe, ist ganz unterschiedlich. Mal sind es fünf, mal sind es 20.“

Zur Person: Dr. Hans Urbanczyk

Dr. Hans Urbanczyk (74) ist seit Februar 2021 Beratungsarzt im Caldener Impfzentrum. Der Mediziner war jahrzehntelang als Gynäkologe tätig, vor allem in der gynäkologischen Onkologie. Er war unter anderem leitender Oberarzt in der Frauenklinik des Klinikums. Urbanczyk lebt gemeinsam mit seiner Frau in Immenhausen. 

Corona-Impfung: Das empfiehlt die Stiko

Laut Stiko wird eine erste Auffrischungsimpfung für Menschen ab zwölf Jahren empfohlen – im Regelfall sechs Monate nach abgeschlossener Grundimmunisierung oder durchgemachter Infektion. Zu den Gruppen, denen die Stiko eine zweite Auffrischung (vierte Dosis) empfiehlt, zählen neben Menschen ab 60 Jahren auch Risikopatienten wie Immungeschwächte ab zwölf Jahren, Pflegeheimbewohner und Personal im Gesundheits- und Pflegebereich. Auch hier gilt in der Regel ein Abstand von sechs Monaten zur vorherigen Impfung oder Infektion, heißt es. Bei besonders gefährdeten Menschen könne auch eine fünfte Dosis empfehlenswert sein. 

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