Impfstoffwechsel nur selten möglich

„Wird mir Astrazeneca aufgezwungen?“: Im Impfzentrum Calden verweigern viele den Impfstoff

Wartebereich des Corona-Impfzentrums im Landkreis Kassel: An den bunten Schaltern werden die Unterlagen überprüft. Ganz links findet die ärztliche Beratung für diejenigen statt, die eine Impfung mit Astrazeneca ablehnen.
+
Wartebereich des Corona-Impfzentrums im Landkreis Kassel: An den bunten Schaltern werden die Unterlagen überprüft. Ganz links findet die ärztliche Beratung für diejenigen statt, die eine Impfung mit Astrazeneca ablehnen.

Eine Corona-Impfung mit Astarzeneca lehnen im Impfzentrum des Landkreises Kassel immer mehr Menschen ab. Eine Vellmarer Ärztin erklärt die Impfstoffverteilung.

Calden – „Wird mir Astrazeneca aufgezwungen?“, fragen sich momentan viele, die einen Termin im Impfzentrum in Calden bekommen haben. Auch auf hna.de haben sich Kommentatoren beschwert, denen trotz Vorerkrankungen nur der Astrazeneca-Impfstoff – der künftig den Namen Vaxzevria trägt – angeboten worden sei. Wir haben nachgefragt, was es damit auf sich hat.

Zum Hintergrund: Nach der Kontrolle ihrer Unterlagen am Eingang setzen sich die Impflinge in den Wartebereich und werden von Bildschirmen an einen von zehn Schaltern („Counter“) gerufen, wo ihre Unterlagen erneut geprüft werden, bevor es auf die Impfstraße geht. Stein des Anstoßes ist der Counter J. Dort sitzen Ärzte und beraten die Impflinge, die eine Impfung mit Astrazeneca ablehnen.

Corona-Impfung im Landkreis Kassel: Niedergelassene Ärzte und Klinikärzte arbeiten freiwillig im Impfzentrum

Eine dieser Ärztinnen ist Antje Carls (60), Hausärztin in Vellmar. Sie ist eine von vielen niedergelassenen Ärzten und Klinikärzten, die im Impfzentrum aushelfen. Carls arbeitet dort freiwillig und je nach Bedarf. Es herrsche „eigentlich eine absolut tolle Atmosphäre“. „Ich habe selten mit so vielen dankbaren Menschen zu tun“, sagt sie.

Am Counter J klärt Carls ab, ob es begründete Umstände gibt, die gegen eine Corona-Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff sprechen – sogenannte Kontraindikationen. Oft führten die Patienten ein Attest ihres Hausarztes mit, der eine Impfung mit Astrazeneca nicht empfiehlt. „Dabei wissen die Ärzte jedoch oft nicht über die geltenden Kontraindikationen Bescheid“, sagt Carls.

Antje Carls, Hausärztin in Vellmar, hilft am Impfzentrum in Calden aus.

Zudem hätten einige Impflinge wohl nicht verstanden, dass Carls selbst Ärztin ist und nicht eine Hilfskraft, die Bedenken gegen Astrazeneca zerstreuen soll. Dabei werden die Impflinge auf dem Weg zum Counter von einem Sicherheitsmitarbeiter begleitet und auf das Arztgespräch hingewiesen. Antje Carls räumt ein, dass sie mit Mund-Nasen-Schutz und hinter Glas womöglich nicht deutlich zu verstehen sei. „Ich stelle mich aber immer vor“, sagt sie. Zudem trage sie ein Namensschild.

Corona-Impfung: Der Wunsch den Impfstoff zu wechseln sorgt häufig für Meinungsverscheidenheiten

Dennoch komme es hier oft zu Meinungsverschiedenheiten. Manche Impfanwärter würden beispielsweise auf Herzerkrankungen oder Thrombosen hinweisen, die einer Impfung mit Astrazeneca im Wege stehen würden. „Wir können aber nicht auf Wunsch umswitchen“, sagt die Hausärztin. Laut der Bundesregierung besteht aufgrund der Impfstoffknappheit nicht das Recht, sich den Impfstoff frei auszusuchen.

Weitere Corona-News finden Sie auf unserer Themenseite. Sie wollen keine wichtigen Nachrichten aus dem Kreis Kassel verpassen? Dann abonnieren Sie unseren kostenlosen Kreis-Kassel-Newsletter.

Die Entscheidung, welcher Impfstoff gegeben werden soll, wird nach den Vorgaben der Landesregierung getroffen, die auf die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts hört. Es gebe nur wenige Umstände, die begründen könnten, den Impfstoff zu wechseln: „Darunter fallen etwa Transplantationen und auch Gerinnungsstörungen“, sagt Antje Carls. „Gerade Patienten mit Vorerkrankungen sollten sich aber impfen lassen, da sie bei einer Corona-Infektion ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf haben.“

Corona-Impfung im Landkreis Kassel: „Transparenz hat zu Verunsicherung geführt“

Zwar kann Carls die Verunsicherung bezüglich Astrazeneca teils nachvollziehen: „Die Transparenz hat zu Verunsicherung geführt.“ Doch in der Wissenschaft gebe es inzwischen wenig Bedenken, Astrazeneca bei Patienten über 60 Jahren einzusetzen. „Zunächst gab es keine Tests des Impfstoffs mit über 60-Jährigen. Daher hat man gesagt: Erst mal nicht impfen.“ Jetzt zeige der wissenschaftliche Erfahrungswert, dass der Astrazeneca-Impfstoff in dieser Altersgruppe „wunderbar“ wirke.

Carls findet es „sehr schade“, dass viele es ablehnen, mit Astrazeneca geimpft zu werden. „Wir wollen die breite Masse impfen.“ Am Ende sei die Impfung aber nur ein Angebot und keine Pflicht. Diejenigen, die Astrazeneca ablehnen, müssen sich erneut registrieren und hoffen, einen anderen Impfstoff zugewiesen zu bekommen. Ihre Impfung verzögert sich somit. Ohne rechtzeitige Absage verhindern Astrazeneca-Verweigerer zudem, dass andere an ihrer Stelle geimpft werden können. (Paul Bröker)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.