Spurensuche begann im Rathaus

Kämmerer aus Calden als Detektiv: Kleines Büchlein wirft Fragen auf

Holger Neumeyer zeigt das 90 Jahre alte Büchlein, das er einer Nachfahrin der einstigen Besitzerin übersenden konnte.
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Holger Neumeyer gelang es, dieses kleines Buch, das vor 90 Jahren in Calden entstanden ist, an seine rechtmäßigen Besitzer zu überführen. Sechs Wochen lang war der Kämmerer dafür mit der Recherche beschäftigt.

Manchmal erreicht ein Rathaus ungewöhnliche Post. So zumindest war es in Calden, wo vor einiger Zeit ein ganz besonderes Büchlein eintraf.

Calden – Eine uralte, selbstgestaltete kleine Kladde eines Caldener Mädchens war einst in Amerika gelandet und fand nun den Weg zurück nach Nordhessen. Für Caldens Gemeindekämmerer Holger Neumeyer Grund, in die Rolle eines Detektivs zu schlüpfen und zu schauen, wo dieses Erinnerungsstück hingehört.

„Bei uns im Rathaus weiß man, dass ich mich gerne mit historischer Recherche beschäftige. Deshalb hat man die Sache an mich weitergegeben“, schildert der 52-Jährige die Anfänge seiner Detektivtätigkeit.

Es handelt sich bei dem Büchlein, das in der Rathauspost gelandet war, um eine Art Album. In dem Erinnerungsstück waren Fotos von Familienangehörigen, sinnreiche Texte und hübsche Verzierungen zu sehen. „Als Anhaltspunkte hatte ich nur den Ort, einen gewissen Zeitrahmen und den Vornamen Hildegard, mit dem einige Bilder versehen waren“, erklärt Neumeyer.

Da Archivanfragen ohne Nachnamen nicht in Frage kamen, machte Nemeyer sich auf den Weg zu einem Zeitzeugen, dem 93-jährigen August Salzmann aus Calden. „Er konnte tatsächlich Licht ins Dunkel bringen, er identifizierte die abgebildeten Personen als Mitglieder der Caldener Pfarrerfamilie von Richard Meyenschein mitsamt ihrer Tochter Hildegard.“

Der Pfarrer hatte nach Angaben des Hobbyhistorikers 1927 seine Stelle im Ort angetreten und war dann verzogen. Da Neumeyer nun einen Nachnamen hatte, stellte er eine Anfrage beim Archiv der Landeskirche: „Dort erfuhr ich dann, dass der Pfarrer 1979 verstoben war und es über den Verbleib seiner Tochter Hildegard keine Angaben gab.“ Da es wahrscheinlich war, dass die 1914 geborene „Buchmacherin“ nicht mehr am Leben war, hielt der Hobbydetektiv nun vor allem Ausschau nach ihren Nachkommen. „Nach einigen Anfragen bei Standesämtern bekam ich noch mehr etwas heraus“, berichtet der Kämmerer.

Das Caldener Mädchen hatte 1939 in Kassel geheiratet. Ihr Mann starb im Krieg. Später heiratete sie erneut und starb 2010 im hohen Alter in Saarbrücken. Nun hatte Neumeyer einen weiteren Anknüpfungspunkt: die Todesanzeigen aus besagtem Raum. Tatsächlich wurde er fündig. Neumeyer gelangte über eine Anzeige zu Christine Karl, der Tochter der besagten Hildegard. „Als ich Kontakt zu ihr aufgenommen hatte, war sie überglücklich. Sie hatte schon mal etwas von dem Büchlein gehört“, erzählt Neumeyer.

Spätestens jetzt war dem Kämmerer klar, wohin die Kladde nun weiterreisen musste, die ja bis dahin schon eine Reise um die halbe Welt hinter sich gebracht hatte. Noch heute soll Christine Karl viele Erbstücke besitzen. So hat sie noch Möbel aus dem alten Pfarrhaus in Gebrauch in ihrem Haus in Saarbrücken.

Nachdem das Album in ihren Händen war, nahm Christine Karl das zum Anlass, Calden zu besuchen. Natürlich ließ es sich Neumeyer nicht nehmen, die Saarbrückerin bei diesem Besuch zu begleiten. Natürlich besuchten beide auch den Standort des alten Pfarrhauses an der Holländischen Straße. „Mir hat die Suche großen Spaß gemacht und vielleicht gehe ich ja bald wieder auf Recherche“, sagt Holger Neumeyer augenzwinkernd. (Tanja Temme)

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