Heimat bleibt im Herzen

Zwei Engländer aus Nordhessen blicken auf ihr Heimatland und den Brexit

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Tee trinken und Deutscher geworden: Der Grebensteiner Martin Smith hat wegen der Brexit-Diskussion die doppelte St aatsbürgerschaft beantragt. 

Vielen Briten, die in Nordhessen wohnen, verfolgen gebannt die Entwicklung zum Brexit in ihrem Heimatland. Wir haben zwei Engländer besucht, die seit Jahrzehnten in Nordhessen wohnen. 

Sie sprechen fließend englisch, doch die Engländer verstehen sie derzeit nicht. Martin Smith (67) aus Grebenstein und John Moore (60) aus Calden. Gut zu sprechen sind beide nicht auf die englische Regierung. Kein Wunder, der angestrebte Brexit betrifft sie direkt. 

Brexit-Wahl

Beim Volksentscheid über den Brexit haben beide nicht mitgestimmt. Sie durften nicht. Smith sagt auch, warum: „Ich habe es beantragt, doch es wurde abgelehnt. Wer 15 Jahre und länger im Ausland wohnte, durfte nicht abstimmen.“

Tee trinken und Londoner bleiben: Der Caldener John Moore verzichtet auf den deutschen Pass und kauft den Tee aus der Großpackung über das Internet. 

Deutscher Pass

Seit dem Brexit-Votum gibt es unter Briten vor allem ein Thema: Welche Auswirkungen hat es für die hier lebenden Engländer? Die Zahl der Briten, die einen deutschen Pass beantragten, ging sprunghaft in die Höhe. Auch Martin Smith wollte die doppelte Staatsbürgerschaft. Smith: „Die sind zurzeit verrückt im Parlament. Man weiß nie was kommt.“ Jetzt hat er beide Pässe. Wenn es zu einem ganz harten Brexit kommt und er sich zwischen britischer und deutscher Staatsbürgerschaft entscheiden müsste, „würde ich wohl die deutsche nehmen“, sagt er. Warum? „Ich wohne seit 45 Jahren hier.“

John Moore hat auf einen deutschen Pass verzichtet. Als er 1983 eine Ahnatalerin heiratete, stand er schon einmal vor der Frage, einer doppelten Staatsbürgerschaft. Moore machte es nicht. „Das hätte ein paar hundert Mark gekostet. Das war mir zu teuer.“ Ähnlich sieht er es heute. „Was soll schon passieren. Für alles was ich brauche, reicht die Bescheinigung vom Einwohnermeldeamt.“

„Sind sie Caldener oder Engländer?“ Die Frage nach der eigenen Identität bringt Moore nicht in Schwierigkeiten. Im Herzen ist er nach wie vor Londoner. Dort wuchs er auf. Bei Smith, der aus Manchester stammt, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Ich bin Europäer.“

Englisches Brauchtum

Ob Londoner oder Europäer – wie halten es die beiden mit englischen Bräuchen? Nein, sagen beide, die hätten in ihren Alltag keinen Einzug gefunden. Und dennoch: Einen kleinen Hauch von der Insel gibt es doch. John Moore bestellt beispielsweise seinen Tee via Internet. Englischen Tee, den er gerne seinen Gästen serviert. Eine Packung reicht für 300 Tassen, zweimal im Jahr ordert er. Und wie war das mit den Kindern? Beide haben zwei, inzwischen erwachsene Kinder. War Bescherung wie in Deutschland an Heiligabend oder fand sie, wie in England in der Nacht zum ersten Feiertag statt? „Erst haben wir es wie in England gemacht“, sagt Moore. Doch dann wurde es schwierig, wenn der Weihnachtsmann bei einem Teil der Verwandtschaft schon an Heiligabend kam. Man stellte auf „deutsch“ um. Smith wählte den Doppel-Weg. Bescherung an Heiligabend – und am Morgen des nächsten Tages war ein weiteres, kleines Geschenk da.

Sehnsucht

Sehnsucht nach ihrer alten Heimat haben beide nicht. Einzig die Nähe der See vermisst er, sagt John Moore. Eine gute halbe Stunde Autofahrt von London aus – und er war am Strand. Das fehlt hier. Ob die englische Küche zu den Gourmet-Höhepunkten zählt, ist diskussionswürdig. Doch eggs and bacon zum Frühstück, das hat was, finden beide. Eier mit Speck gibt es denn auch manchmal in beiden Haushalten. Und bei Moore den erwähnten Tee. Smith seinerseits fährt hin und wieder nach Paderborn: „Da habe ich einen englischen Laden entdeckt.“ Der Bacon dort sei eben so geschnitten wie in England üblich. Und englische Süßigkeiten gebe es dort auch.

Kontakte

Der Kontakt in die alte Heimat ist nie abgerissen. Hin und wieder besuche er seine englische Verwandtschaft, sagt Moore. Doch es wird weniger, und wenn, so erzählt er, dann seien die Anlässe häufig traurige: Beerdigungen. Auch Smith hat noch Kontakt zur Verwandtschaft: Ein bis zweimal telefoniere er pro Woche mit Verwandten auf der Insel.

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