Ein letztes Mal an die Ostsee fahren

ASB-Wünschewagen ermöglichte schwerkrankem Hans-Georg Bank einen Herzenswunsch

Mit dem Wünschewagen ging es für den schwerkranken Hans-Georg Bank im Juni an die Ostsee. Begleitet haben ihn (von links) seine beiden Schwager, Neffe Sascha Finis, Schwester Ermelinde Finis, Schwester Brigitta, Lebensgefährtin von Sascha Finis, die zwei Wunscherfüller und (im Wagen) eine Pflegerin des Seniorenheims.
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Mit dem Wünschewagen ging es für den schwerkranken Hans-Georg Bank im Juni an die Ostsee. Begleitet haben ihn (von links) seine beiden Schwager, Neffe Sascha Finis, Schwester Ermelinde Finis, Schwester Brigitta, Lebensgefährtin von Sascha Finis, die zwei Wunscherfüller und (im Wagen) eine Pflegerin des Seniorenheims.

Ermelinde Finis aus Westuffeln ist sichtlich glücklich – obwohl der eigentliche Anlass eher ein trauriger ist.

Westuffeln/Kassel – „Mein Bruder wollte nicht mehr leben. Im Februar hat er einfach nichts mehr gegessen und getrunken“, erklärt sie. Ihr 70-jähriger Bruder Hans-Georg Bank ist schwer krank. Seit vielen Jahren kämpft er mit Multipler Sklerose, eine Krankheit, die das zentrale Nervensystem angreift und somit den Körper in den meisten Fällen nach und nach lähmt. Bis 2018 arrangierte er sich allerdings gut damit. „Er lebte alleine in seinem Haus in Bettenhausen und fuhr sogar noch Auto“, erinnert sich seine Schwester.

Im Februar 2018 erlitt der damals 67-jährige Rentner dann aber einen schweren Schlaganfall. „Seitdem kann er nicht mehr sprechen und seine rechte Seite ist komplett gelähmt“, sagt Finis. „Auf einmal war alles vorbei. Es ist ein Wunder, dass er den Schlaganfall überhaupt überlebt hat.“

Nach zahlreichen Wochen in Kliniken kam ihr Bruder dann in ein Pflegeheim nach Kassel. Dort fühlte er sich lange Zeit sehr wohl – bis zu diesem Jahr. „Von heute auf morgen änderte sich alles. Wir konnten nichts bewirken. Er wollte einfach nicht mehr“, erinnert sich seine Schwester.

Aus lauter Verzweiflung sei ihr dann der ASB-Wünschewagen eingefallen, der schwerkranken Menschen letzte Wünsche erfüllt. Im Fall von Hans-Georg Bank war das, noch mal die Ostsee zu sehen. „Ich habe ihm vorgeschlagen, dass wir mit dem Wünschewagen-Team nach Großenbrode an die Ostsee fahren, weil es meinem Bruder dort immer gut gefallen hat“, erklärt Finis.

Regelmäßiger Urlaub an der See

Drei Jahre hintereinander, 2014, 2015 und 2016, waren Ermelinde Finis und ihr Mann mit ihm in Großenbrode. „Mein Bruder fand es immer toll da oben. Auch wenn er zu jener Zeit schon schwer krank war, ist er dort total aufgeblüht“, erinnert sie sich. Da seine Kräfte nach und nach immer mehr nachgelassen hatten, war es irgendwann unumgänglich, einen Rollstuhl zu beschaffen. „Zuhause hat er sich nie getraut, den Rollstuhl zu nutzen. Er hatte Angst, dass ihn ein Bekannter sieht – er hat sich einfach geschämt. In Großenbrode hat er sich dann das erste Mal getraut.“

Nachdem Ermelinde Finis ihrem älteren Bruder vorgeschlagen hatte, den Wünschewagen einzuschalten, war er wie ausgewechselt. „Er hat sich so auf die Fahrt gefreut, dass er neuen Lebensmut fasste“, erinnert sich die 68-Jährige.

Auch beim ASB ging alles schnell und unbürokratisch, sodass bald ein Datum für die Fahrt nach an die Ostsee feststand. „Die Ferienwohnungen waren für Ende April gebucht. Dann kam uns Corona in die Quere“, erzählt Finis. Der Ausflug musste verschoben werden, doch glücklicherweise waren die Ferienwohnungen für den neuen Termin auch noch frei. Auch eine passende Unterkunft für den schwerkranken Hans-Georg Bank wurde in letzter Minute gefunden. In einem Krankenhaus in Heiligenhafen kam er sogar kostenlos unter.

Hans-Georg Bank freute sich über den Ausflug nach Großenbrode an der Ostsee.

Am 12. Juni ging es dann los: Mit dabei waren Finis und ihr Mann, ihre Schwester mit Mann, Finis’ Sohn mit Lebensgefährtin, eine Pflegerin aus dem Seniorenheim und zwei ehrenamtliche ASB-Wunscherfüller. „Mein Bruder hat wieder am Leben teilgenommen. Es war so schön, ihn glücklich zu sehen“, betont Ermelinde Finis.

Da Bank vor Reiseantritt so schwach war, hatte er ein halbes Jahr nur in seinem Zimmer im Seniorenheim gelegen. „Allein die Fahrt nach Großenbrode war schon ein großes Erlebnis für ihn. Im Wagen machte er nicht einmal seine Augen zu, sondern guckte sich die Landschaft ganz genau an“, erzählt seine Schwester.

An der Ostsee angekommen, machten es die Organisatoren sogar möglich, dass Hans-Georg Bank die Ferienwohnung besuchen konnte, in der er drei Jahre in Folge Urlaub gemacht hatte. „Wir haben ihn mit dem Bett vor das Fenster geschoben. So hatte er einen tollen Blick direkt auf das Meer“, entsinnt sich Ermelinde Finis.

Überraschungsgast in Großenbrode

Ein weiterer Höhepunkt der Reise war ein Überraschungsgast. Seine Friseurin war zufällig auch an der Ostsee, um Urlaub zu machen. „Die beiden mögen sich sehr und er hat sich so über ihren Besuch gefreut, dass er sie gar nicht mehr loslassen wollte“, erzählt Finis. Am 13. Juni fuhr der Wünschwagen dann wieder zurück nach Kassel.

„Es hat sich gelohnt mit Herrn Bank an die Ostsee zu fahren“, betont auch einer der beiden ASB-Wunscherfüller, der die Familie begleitet hat. „Ich war sehr überrascht einen Menschen zu erleben, der sich einer solchen Strapaze stellt und trotzdem mit den Gegebenheiten zufrieden ist. Für uns Wunscherfüller war es eine anspruchsvolle, aber auch erfüllende Aufgabe“, erzählt er.

Nicht nur für Hans-Georg Bank war dieses Erlebnis unvergesslich. Auch Ermelinde Finis schwärmt noch heute von dieser besonderen Fahrt: „Ich bin so glücklich darüber, dass mein Bruder diese tolle Möglichkeit hatte. Ich glaube, wir haben alles richtig gemacht.“ (Clara Pinto)

Nordhessischer Wünschewagen ist seit 2019 aktiv

Beim Wünschewagen-Team des ASB RV Kassel-Nordhessen kann sich jeder melden, der sich selbst oder einem Angehörigen einen letzten Wunsch ermöglichen möchte. Die Wunschfahrten sind für den Fahrgast und eine Begleitperson kostenlos. Das Projekt wird nämlich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert. Deutschlandweit gibt es 22 Wünschewagen – einer davon steht in Kassel. Seit Projektstart im Sommer 2019 wurden 13 Wünsche erfüllt. Doch auch am Wünschewagen ging die Corona-Pandemie nicht spurlos vorbei. Sie zwang ihn zu Beginn des Jahres 2020 zur Pause. Besonders häufig ist der Wunsch noch einmal das Meer zu sehen. So führten schon einige Fahrten des nordhessischen Wagens an die Nordseeküste. Alle Wunscherfüller erfüllen Wünsche ehrenamtlich. Sie durchlaufen im Vorfeld eine Schulung. Im Team engagieren sich neben Rettungsdienstpersonal, Kranken- und Altenpflegern auch Polizisten, Zugführer, Handwerker, Erzieher und Büroangestellte im Alter zwischen 18 und 70 Jahren.

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