HNA-Serie: Hofgeismar 2030 - Leben in Zukunft

Ex-Landrat Dr. Udo Schlitzberger: "Jüngere Migranten können wir integrieren"

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Ehemaliger Landrat: Dr. Udo Schlitzberger beteiligt sich auch als Pensionär noch intensiv an den politischen Diskussionen im Landkreis.

Calden. Wie wird Hofgeismar anno 2030 aussehen? Über politische Entwicklungen und wirtschaftliche Aussichten sprachen wir mit dem ehemaligen Kasseler Landrat Dr. Udo Schlitzberger.

Herr Dr. Schlitzberger, die Migration war das beherrschende Thema der vergangenen zwei Jahre auch in unserer Region. Brauchen wir unter demografischen und ökonomischen Aspekten eigentlich Zuwanderung hier bei uns?

Dr. Schlitzberger: Was 2015 passiert ist, darf so nicht mehr passieren. Da lief vieles chaotisch ab, aber es war auch einer Notlage geschuldet. Mittlerweile klappt aber die Abschottung im Schengen-Raum. Doch die Völkerwanderung über das Mittelmeer wird anhalten. Jüngere Migranten können wir integrieren. Vor allem im Handwerk, in der Gastronomie und in der Pflege können wir neue Fachkräfte gebrauchen. Aber sie müssen gut qualifiziert werden, das ist Bedingung für gelingende Integration. Dafür brauchen wir ein Einwanderungsgesetz in etwa wie in Kanada.

Wie wird die Infrastruktur im Kreis 2030 aussehen?

Schlitzberger: Ich hoffe, dass wir schon 2020 flächendeckendes schnelles Internet haben. Der Aufbau ging bislang zu schleppend. Was die Verkehrswege angeht, da werden dann die Ortumgehungen von Calden und Bad Karlshafen fertig gestellt sein, vielleicht auch die Bergshäuser Brücke für die A44. Dringend gebraucht werden, auch im Hinblick auf die Anbindung des Flughafens - die Ortsumgehungen von Breuna und Oberlistingen. Da muss landespolitisch noch mehr Druck gemacht werden.

In unseren Dörfern sieht es heute manchmal recht traurig aus. Geschäftsaufgaben, Leerstände, Überalterung sind die Stichworte. Wird das Land abgehängt?

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Schlitzberger: Da bin ich gedämpft optimistisch. Wir brauchen aber eine bessere verkehrliche Vernetzung und kleinräumige Mobilität, beispielsweise mit Bürgerbussen. Wo jetzt noch Arztpraxen sind, müssen diese gehalten werden. Für die Wohnort nahe medizinische Versorgung müssen auch die Kommunalparlamente kämpfen. In Hofgeismar wird es ein neues Kreiskrankenhaus geben – digital vernetzt mit dem Kasseler Klinikum. Telemedizin wird sich als Segen der Digitalisierung ausweisen. Das Sterben von Gastwirtschaften und Geschäften wird man kaum aufhalten können. Das bedauere ich als Gastwirtssohn sehr.

Findet der Boom und die Entwicklung nur noch in der Großstadt statt?

Schlitzberger: Wirtschaftlich werden die großen Leitfirmen der Region wie VW und SMA weiterhin den wirtschaftlichen Rückhalt für die gesamte Region bilden. Unter Arbeitsplatzaspekten sind aber auch unsere Krankenhäuser in Immenhausen, Hofgeismar und Lippoldsberg sowie die zahlreichen Pflegeeinrichtungen von Bad Karlshafen bis Calden sehr wichtig. Auch unser gut aufgestelltes Handwerk wird weiterhin eine zentrale Rolle spielen.

Wie sieht es mit der künftigen Energieversorgung aus?

Schlitzberger: Der Ausstieg aus der Atomenergie ist unumkehrbar. Das ist gut, mit dem AKW Würgassen hatten wir die Risiken der Atomkraft vor der Haustür. Bei den regenerativen Energien sind wir auf gutem Weg. Ein gutes Beispiel ist die die Kreismülldeponie Kirschenplantage, wo eine große Fotovoltaik-Anlage auf dem Gelände steht und das Deponiegas für energetische Zwecke genutzt wird.

Und wie sieht es mit der Windkraft aus?

Schlitzberger: Ich bin ein Befürworter der Windenergie. Aber Anlagen sollten da gebaut werden, wo sie hinpassen und nicht an jeder Ecke stehen. Nördlich von Beberbeck sollten wir den Reinhardswald freihalten. Dieser Raum ist landschaftsästhetisch und kulturhistorisch zu wichtig. Er ist das Kleinod des Oberweserraums, auch aus Sicht der Bodendenkmalpflege. Nördlich von Beberbeck sollten keine Windräder im Wald stehen. Dasselbe gilt übrigens auch für Pipeline und Salzpufferbecken. Da muss K+S zu ökologisch vertretbaren Lösungen kommen.

Lassen Sie uns einen Blick auf politische Entwicklungen werfen: Bei der Kommunalwahl im März betrat auch bei uns die AfD die Bühne. Werden die sich halten bis 2030?

Schlitzberger: Die Entwicklung werden wir nicht mehr zurückdrehen, die haben wir überall in Europa. Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, dass die Rechtspopulisten so schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Jetzt kommt es darauf an, dass die großen Parteien sich wieder stärker profilieren.

Wie geht es mit Ihrer eigenen Partei, der SPD, weiter? Der Bundestagswahlkreis ging verloren und im Kreisteil Hofgeismar gibt es nur noch zwei SPD-Bürgermeister.

Schlitzberger: Die SPD hat in Nordhessen immer davon profitiert, dass sie eine starke Basis in den Orten hatte. Die Vernetzung mit den Vereinen war groß. Aber die Bindungswirkung von Großorganisationen hat nachgelassen, das trifft auf alle Parteien zu. Sie sind alle überaltert. Zudem ist vieles zum Einheitsbrei verkommen. Wir müssen wieder stärker kontrovers diskutieren. Die SPD sollte die Frage der sozialen Gerechtigkeit wieder stellen: Das reicht vom gebührenfreien Kindergarten bis zur auskömmlichen Altersrente.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was werden Sie im Jahr 2030 machen?

Schlitzberger: Ich möchte weiter Dinge tun, für die ich früher keine Zeit hatte. Mein Interesse gilt heute schon der römischen Kaiserzeit und den Spuren, die die Römer bei ihren Feldzügen im Chattenland hinterlassen haben. Vielleicht gebe ich auch weiter VHS-Kurse, die sich mit solchen historischen Dingen befassen. Daneben werde ich natürlich weiterhin Beobachter der politischen Entwicklung sein und meine Meinung sagen – wenn nötig auch öffentlich.

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