Die meisten Menschen sind noch nicht untersucht worden

Flüchtlingscamp Calden: Ärzte stehen in den Startlöchern

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Viele Flüchtlingskinder brauchen auch psychologische Hilfe: Nach den schlimmen Erlebnissen im Krieg und auf der Flucht sind vor allem Kinder und Jugendliche aus Syrien und Afghanistan traumatisiert. Dieses Bild entstand bei der Ankunft von Flüchtlingen.

Kassel/Calden. Um die große Zahl der neu angekommenen Flüchtlinge in der Region medizinisch zu versorgen, arbeiten Gesundheitsbehörden und niedergelassene Ärzte zusammen.

Anders als in anderen Landesteilen hätten sich hier eine Reihe von Allgemeinmedizinern und Kinderärzten gefunden, um Sprechstunden für Kinder und Erwachsene in dem Flüchtlingscamp anzubieten, sagt die Leiterin des Gesundheitsamtes Region Kassel, Dr. Karin Müller. „Das ist sehr hilfreich, sonst wären viel mehr Flüchtlinge vielleicht unnötigerweise im Krankenhaus.“

In erster Linie versorgen die Ärzte dabei akute Infekte. Derzeit seien keine ungewöhnlichen Infektionen, die nicht auch in der täglichen Praxis vorkommen, aufgefallen, heißt es aus den Reihen der beteiligten Ärzte. Allerdings stünden bei den meisten der rund 1000 Flüchtlinge gründliche Erstuntersuchungen noch aus. Dazu gehört normalerweise auch eine Röntgenuntersuchung, um eine Tuberkulose (bakterielle Lungeninfektion) auszuschließen. „Wir arbeiten im Moment an akuten Infekten, was darunter schwelt, wissen wir gar nicht“, sagt einer der Ärzte. Und: „Wir können helfen, wir möchten helfen, doch dafür brauchen wir die Genehmigung des Regierungspräsidiums Gießen.“

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Unter anderem arbeitet man derzeit daran, möglichst schnell eine Röntgen-Reihenuntersuchung zu organisieren. „Es ist wichtig, dass die Flüchtlinge erstuntersucht und geröntgt werden“, betont auch Amtsärztin Müller vor dem Hintergrund, dass Tuberkulosefälle, die seit dem Jahr 2000 eigentlich deutlich rückläufig waren, seit 2011 wieder um mehr als das Sechsfache angestiegen sind. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden im Kasseler Stadtgebiet bereits neue 25 Fälle gemeldet. Tuberkulose kommt unter anderem in afrikanischen Ländern und Afghanistan, aber auch in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion häufiger vor.

Nicht jede Erkrankung lässt sich aber durch Untersuchungen und Labortests nachweisen. So leiden viele Flüchtlinge, die mitunter monatelang vor Bomben, Gewehrsalven, Folter und Vergewaltigungen geflohen sind, unter psychischen Problemen. Kinderärztin Johanna Schafft-Sommer ist froh, dass ein Sozialarbeiter die zum Teil schwer traumatisierten Kinder vor allem aus Syrien und Afghanistan psychologisch betreut. Denn auch das Leben im Camp sei hart und traumatisiere die Kinder und Jugendlichen weiter, hält sie die Situation vor Augen.

Das sagt der Kinderärzteverband: Lückenlosen Impfschutz sicherstellen

 

Sich stärker um die medizinische Versorgung von Flüchtlingskindern zu kümmern, fordert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Dabei gehe es vor allem auch darum, einen lückenlosen Impfschutz sicherzustellen. "Unser Verband fordert, dass alle Flüchtlinge, wenn sie keinen Impfnachweis vorlegen können, komplett gegen alle von Mensch zu Mensch übertragbaren Erkrankungen geimpft werden", sagte Verbandspräsident Dr. Wolfram Hartmann gegenüber unserer Zeitung.

Jeder Flüchtling, der keinen Impfnachweis vorlegen kann, müsse als ungeimpft eingestuft werden. Die Finanzierung der Impfstoffe sei bundesweit ein großes Problem und bislang völlig uneinheitlich geregelt. In den meisten Bundesländern aber hätten die Asylbewerber nur einen Anspruch auf Akutversorgung, aber keinen Anspruch auf Präventionsleistungen wie Impfungen. Hartmann: "Es werden zwar immer wieder in den Asylbewerberunterkünften Impfaktionen durchgeführt, da wir in zahlreichen Einrichtungen bereits neben Masernausbrüchen auch Ausbrüche von Windpocken, Keuchhusten, Röteln, HiB-Infektionen und Pneumokokkeninfektionen hatten. Aber das ist nicht systematisiert und die Kostenübernahme vielfach nicht geregelt."

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