Nach Reizgas-Attacke in Caldener Flüchtlingslager 

Interview über Leben in Zeltstädten: „Kratzt an der Menschenwürde“

Leben in Zelten: Das ist für viele Flüchtlinge in Erstaufnahme-Unterkünften Alltag. Unser Bild entstand in Kassel-Calden. Foto: dpa

Kassel. Fremd im neuen Land, dazu das Leben im Zeltlager: Über die Situation der Flüchtlinge und das Konfliktpotenzial  haben wir mit Prof. Dr. Manuela Westphal gesprochen.

Sie beschäftigt sich an der Universität Kassel mit Migration.

Frau Professor Westphal, in der Zeltstadt in Calden, aber auch in festen Großunterkünften, leben viele Bewohner auf begrenztem Raum. Privatsphäre ist nur eingeschränkt vorhanden. Was löst das in den Menschen aus? 

 Prof. Manuela Westphal: Auf der einen Seite werden die Menschen als genervt im schlimmsten Fall auch mal agressiv - dies eher die Männer - erlebt. Der aktuelle Konflikt in Calden zeigt, dass Stress und Konfliktsituationen auch zu Gewalt und Auseinandersetzungen mit Verletzten führen können. Andere Menschen reagieren verzweifelt und sehr traurig. Viele werden von den Helfern aber als relativ entspannt wahrgenommen. Sie haben während des Kriegs und auf ihrer Flucht gelernt, das Beste aus ihrer Situation zu machen.

Welche Reaktionen kann man noch beobachten? 

Westphal: Es zeigt sich häufig eine große Solidarität unter Asylsuchenden. Ein Beispiel: Ein syrischer Familienvater erzählte einer an bei mir an der Uni ausgebildeten Sozialarbeiterin, dass er und seine kleine Tochter auf dem Flur schlafen müssen. Von einer anderen syrischen Familie, die in einem Zimmer wohnte, erfuhr man, dass sie noch Personen bei sich aufnehmen würden. Die Sozialarbeiterin hat die beiden zusammengebracht – und dann sind die Familien zusammengerückt.

Wie können die Menschen dem Alltag in ihren Unterkünften entfliehen?

Westphal: In die Städte fahren oder in der Region spazieren gehen, um mal aus der Enge rauszukommen – dies ist auch eine Strategie, um dem Alltagsstress zu „entfliehen“.

Wie lange ist ein Leben auf so beengtem Raum überhaupt zumutbar? 

Westphal: Die derzeitigen Verhältnisse in den Erstaufnahmeeinrichtungen sind meiner Meinung nach überhaupt nicht zumutbar und kratzen an der Menschenwürde. Da die meisten dort - trotz der aktuellen Schlagzeilen - aber doch sehr ruhig und positiv damit umgehen, denke ich, dass man dies ein paar Wochen so aushalten kann. Im Krieg und auf der Flucht ist meist Schlimmeres passiert und alle, etwa aus Syrien oder dem Irak, sind erstmal froh, dass sie nun in einem friedlichen Land leben. Dies gleicht zunächst ganz viel aus.

Dennoch kommt es in solchen Einrichtungen zu Konflikten - wie auf der Reizgas-Vorfall zeigt. Was kann man von Behördenseite tun, um dem vorzubeugen? 

Westphal: Da gibt es viele Faktoren, ich nenne nur einige Beispiele: Möglichst genügend Zimmer, auch in Containern, bereitstellen. Keine Zelte! Mich wundert es nicht, dass ausgerecht in der Caldener Zeltstadt zu derartigen Konflikten kommt. Die Zelte sind nie richtig dick, und die Lautstärke darin ist sehr hoch, das bedeutet enormen Stress. Neben ausreichenden sanitären Einrichtungen spielen auch Dinge ausreichend Sozialarbeiter und medizinisches Personal sowie Informationsblätter und Aushänge in allen Sprachen eine Rolle. Alleinreisende Frauen mit Kindern und Familien mit kleinen Kindern sollten meiner Ansicht nach möglichst seperat untergebracht werden. Kinder müssen vor Aggression und Gewalt unbedingt geschützt werden.

Flucht, neues Land, neue Gewohnheiten, Leben im Zelt: Sind die Flüchtlinge damit nicht generell überfordert? 

Westphal: Ganz klar nein. Die meisten kommen an sich mit Deutschland gut klar. Nur weil die Menschen eine andere Herkunft haben, bedeutet es ja nicht, dass sie hinterm Mond gelebt hätten. Überfordernd sind aber natürlich häufig das Warten, die Unischerheit, was weiter mit ihnen passiert, und die Sorge um die Zukunft der Kinder oder auch um zurückgelassene Familienangehörige. Und natürlich auch die Sprache. Es gibt aber den Eindruck, dass die meisten Flüchtlinge wirklich eher stark als überfordert sind, und der Zusammenhalt ist auch spürbar. Wichtig ist, dass mit ihnen gesprochen wird – und dass ihnen Dinge auf respekvolle Art und Weise erklärt werden.

Archivvideo: Zu Besuch in der Caldener Zeltstadt

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