Diskussionen um Beihilfen an Fluggesellschaft

Bericht sorgt für Gesprächsstoff: Zahlt der Flughafen Kassel Millionen für Sundair?

Calden. Ein Zeitungsbericht sorgt seit Wochen für Gesprächsstoff rund um den Flughafen Kassel. Doch was ist dran an den angeblichen Millionenzahlungen an Sundair und Schauinsland?

Der Artikel über Sundair, der zuerst in der Wirtschaftswoche erschienen ist, erwähnt Subventionen, mit denen der defizitäre Airport die neue Fluggesellschaft unterstütze. Damit zahle der hessische Steuerzahler mit dafür, dass Sundair seit Juli Flugzeuge chartert, um seinen Flugbetrieb bis zum Start des eigenen Airbus in Calden aufrecht zu erhalten.

Von acht Millionen Euro in acht Jahren ist die Rede, ohne eine konkrete Quelle zu nennen. Diejenigen, die es genau wissen, widersprechen zwar der Höhe, äußern sich aber nicht zu Details. „Es gibt einen Vertrag über eine langfristige Zusammenarbeit zwischen dem Flughafen, Sundair und Schauinsland-Reisen. Über die Details wurde Stillschweigen vereinbart“, erklärt Flughafen-Geschäftsführer Lars Ernst auf Nachfrage der HNA. Schauinsland steht zu 50 Prozent hinter Sundair und sorgt mit seinen Passagieren für die Grundauslastung der Flieger.

Auch Schauinsland-Sprecherin Simone Feier-Leist sagt nur so viel: „Um das neue Angebot ab Kassel Airport bekannt zu machen und gerade in der Anfangszeit zu promoten, wurden und werden diverse Marketingaktionen in marktüblichen Größenordnungen unterstützt.“ Die Summe läge jedoch unter den Zahlen, die die Wirtschaftswoche genannt hat.

Dieser Sundair-Airbus soll kommende Woche erstmals in Calden landen: Das Bild entstand nach seiner Überführung in Berlin-Schönefeld Ende Juli. Deshalb hat die Maschine auf dem Foto noch die brasilianische Registrierung. Seit gestern hat der Airbus für 170 Passagiere die deutsche Zulassung.

Flughafen-Chef Ernst betont außerdem, dass alle Regelungen im Einklang mit dem EU-Beihilferecht stünden. Deswegen habe der Flughafen seinerzeit auch die Airline Germania nicht stärker unterstützt. Das trug mit zu ihrem Weggang von Calden bei, da Germania ohne einen Reiseveranstalter im Hintergrund das Risiko für die Flüge ab Calden allein schultern musste.

Klare Regelung der EU

Die EU hat klar geregelt, wie Airports Fluggesellschaften unterstützen dürfen, erklärt Luftverkehrsexpertin Prof. Dr. Yvonne Ziegler von der Frankfurt University of Applied Sciences. Üblich seien Subventionen branchenweit. „Bevor die Leitlinien erlassen wurden, gab es aber allen möglichen Wildwuchs“, sagt Ziegler, „das hat den Wettbewerb gerade zwischen den Billig-Airlines, die in den Genuss von üppigen Marketingbeihilfen der kleinen Flughäfen kamen, und den etablierten Airlines verzerrt.“

Hält an der ehemaligen Fachhochschule Frankfut den Lehrstuhl für Luftverkehrsmanagement: Prof. Dr. Yvonne Ziegler

Inzwischen hätten die Flughäfen aber ihre Beihilfen an die Vorgaben aus Brüssel angepasst, wie auch das Germania-Beispiel in Calden zeige. Demnach darf einer Fluggesellschaft für eine neue Strecke höchstens drei Jahre lang ein Rabatt von maximal 50 Prozent auf die Flughafengebühren gewährt werden. Wenn die Summe von einer Million Euro pro Jahr für Sundair stimme, käme ihr der Betrag sehr hoch vor, sagt Ziegler.

Auch aus den Reihen des Aufsichtsrats sind keine Zahlen zu erfahren. Die Beihilfen seien branchenüblich und darauf ausgelegt, das langfristige Engagement von Sundair zu sichern. Mitnahmeeffekte seien nicht zu befürchten. Ein Detail hat Flughafen-Chef Ernst noch gegenüber der Gemeindevertretung Calden offenbart: Für den Ersatzflugverkehr mit Chartermaschinen zahle der Flughafen gar nichts, höchstens den Kaffee für Passagiere, deren Flug Verspätung habe. Das bestätigt auch Feier-Leist: „Die Zusatzkosten für den Ersatzflugplan wurden allein von der Sundair getragen.“

Hintergrund: Subventionen sind in der Branche üblich

In der Luftfahrtbranche ist es üblich, dass Fluggesellschaften von den Flughäfen finanziell unterstützt werden, wenn sie neue Strecken anbieten. Das gilt nicht nur für kleine Regionalflughäfen:

Flughafen Friedrichshafen: Die Gesellschafter Bodenseekreis und Friedrichshafen haben den wirtschaftlich angeschlagenen Flughafen im Juli 2017 mit je einer Million Euro unterstützt. Das Geld soll verwendet werden, um einen Mehrjahresvertrag mit einer Regionalairline für innerdeutsche Linienflüge abzuschließen, meldet die Schwäbische Zeitung.

Flughafen Paderborn: Der Airport in Ostwestfalen fährt seit Jahren ein Defizit ein. Um das Angebot auszubauen, kündigte Paderborns Landrat Manfred Müller im November 2016 an, dass eine halbe Million Euro als Anschubfinanzierung für neue Flugziele notwendig sei.

Flughafen Frankfurt: Nach Protesten von Lufthansa und Condor sollte es Ende 2016 zwar keinen Sonderrabatt für Ryanair geben. Aber Deutschlands größter Airport hat die Gebührensatzung so geändert, dass nur neue Airlines wie der Billigflieger profitieren können.

Rubriklistenbild: © Sundair/nh

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