Nach Studium in Berlin und Paris zurück in die Provinz

Katharina Koch wollte in die Politik und übernahm dann den heimischen Fleischereibetrieb in Calden

Was für Kinder der Traum von einer Nacht im Süßwarenladen ist, findet der Nordhesse im Wurstehimmel der Landfleischerei Koch: Katharina Koch, die das Geschäft von ihrem Vater Thomas übernommen hat, lässt hier mitunter Zehntausende Stracke reifen.

Calden. Nach einem Master-Abschluss an der Pariser Sorbonne würden sich viele die Finger lecken. Katharina Koch putzt ihre lieber an der Fleischerschürze ab. Trotz bester Voraussetzungen für eine Karriere in politischen Organisationen hat die 31-Jährige den Metzgereibetrieb ihrer Eltern übernommen.

Den Gesichtsausdruck von Katharina Kochs Professor möchte man gesehen haben. Da hat die Caldenerin gerade an der renommierten Pariser Sorbonne ihre Masterprüfung als Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin abgelegt und beantwortet die Frage nach ihrer Zukunft sinngemäß so: „Ich übernehme die Fleischerei meiner Familie in der nordhessischen Provinz.“ Unglaublich eigentlich.

Das ist vier Jahre her und die 31-Jährige hat ihre Entscheidung an keinem Tag bereut. „Mir fehlt nichts, ich bin happy“, sagt sie mit einer markanten dunklen Stimme, die klingt, als könnte sie auf ein langes bewegtes Leben zurückblicken. Dabei ist sie so etwas wie der Jungstar unter den nordhessischen Fleischern. Am Jahresanfang hat sie das Familienunternehmen als Inhaberin von ihrem Vater übernommen.

Gesehen hat Koch eine Menge. Nach dem Abitur in Kassel hielt sie nichts in der damals noch flughafenlosen Gemeinde. Der Traum, in einer politischen Organisation zu arbeiten, führt sie für den Bachelor nach Berlin, für den Master nach Paris. Zwischenzeitlich für ein Praktikum bei den Vereinten Nationen nach New York. Stattdessen ist es jetzt Calden, die alte Heimat. Viele Freunde aus der Jugend sind inzwischen ebenfalls zurückgekommen, das macht die Umstellung leicht. Natürlich sei Paris eine beeindruckende Stadt, „aber es ist was anderes, ob man dort Urlaub macht oder dort lebt. Die Leute haben sich vorgestellt, dass ich jede Woche in der Oper oder auf der Fashion-Week bin“, sagt sie. Und warum jetzt Schloss Wilhemsthal statt Versaille? Warum Flughafentower statt Eiffelturm?

Die Politik hätte Katharina Koch möglicherweise viele Türen geöffnet. Doch am Ende des Tages hat man dort nur selten Zählbares vorzuweisen. Das fehlte der Nordhessin und führte fast zwangsläufig schnell in das Handwerk zurück, das sie seit ihrer Kindheit kennt – erst Recht, wenn die beiden älteren Brüder als Nachfolger für den Vater als Fleischereiinhaber absagen.

Und so widmet sich Koch noch während des Studiums ihrer Zukunft, macht ein Praktikum in einer Pariser Fleischerei und hinterlässt schon dort Spuren. Den nordhessischen Markenbotschafter schlechthin, die Ahle Wurst, stellt sie dem dortigen Inhaber vor, der die Spezialität noch heute vertreibt.

Einen Betrieb zu führen, der sich in 140 Jahren zwar stark verändert, aber beständig gehalten hat, birgt für Koch eine Menge Verantwortung. „Wenn man ein Geschäft in fünfter Generation führt, möchte man nicht diejenige sein, die alles an die Wand fährt“, sagt sie. Natürlich seien immer noch viele überrascht, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. Das liege aber wohl daran, dass die meisten Menschen zu wenig darüber wüssten, mutmaßt sie. Ihre Argumente lesen sich wie Slogans einer IHK-Zeitschrift: „Handwerk ist wieder cool und Tradition liegt im Trend“, sagt sie. Und wenn Koch selbst für das Handwerk steht, hat sie mit cool auf jeden Fall recht.

Katharina Koch (31) stammt aus Calden, ging in Kassel zur Schule und kam nach dem Studium in Berlin und Paris zurück in die nordhessische Heimat. Dort führt sie seit Jahresanfang den Familienbetrieb Landfleischerei Koch. Das 1877 gegründete Unternehmen gehört der Familie in fünfter Generation und vertreibt unter anderem über einen Onlinehandel Ahle Wurst in die ganze Welt. Derzeit arbeitet Koch in einem Intensivkurs am Meistertitel. Sie ist in einer Beziehung und lebt in der Nähe des Unternehmens in Calden.

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