Der berühmte Märchenbruder schrieb über das Fest

Jacob Grimms Notiz zur Westuffelner Sandkirmes

Wolfgang Lange, Vorsitzender des Geschichtsvereins Westuffeln mit Sandeimer vor der Kirche in Westuffeln.
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Sand vor der Kirche: Wolfgang Lange, Vorsitzender des Geschichtsvereins Westuffeln, stellt spaßeshalber nach, wie es auf der in Vergessenheit geratenen Sandkirmes vor über 200 Jahren zugegangen sein mag.

Bis in die weltbekannten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm hat es der Caldener Ortsteil Westuffeln zwar nicht geschafft.

Westuffeln - Die Aufmerksamkeit des Sprachwissenschaftlers und Volkskundlers Jacob Grimm (1785 bis 1863) fand das kleine Dorf bei Hofgeismar aber sehr wohl. Das ist sogar verbrieft und sorgte jüngst in dem heutigen Caldener Ortsteil für eine große Überraschung.

In der Staatsbibliothek Berlin fand sich eine Handschrift des berühmten Märchenbruders. Wolfgang Lange, Vorsitzender des Geschichtsvereins Westuffeln, liegt inzwischen eine digitale Kopie der Grimmschen Aufzeichnung vor. Thema der heute nur schwer lesbaren Notizen in altdeutscher Schrift: eine Westuffelner Sandkirmes.

Die muss neben der üblichen Kirmes gefeiert worden sein, geriet aber irgendwann völlig in Vergessenheit. Unter der Überschrift „Westuffeln“ widmet Grimm dem vergessenen Brauch eine kurze Darstellung. Dabei beruft er sich auf eine Vorlesung des Hochschullehrers Johann Wilhelm Christian Gustav Casparson am Collegium Carolinum in Kassel aus dem Jahr 1800. Ob Jacob Grimm die Vorlesung persönlich gehört hatte, sei dahingestellt. Er war da gerade mal 15 Jahre alt. Seine eigene Handschrift ist undatiert.

Was die Aufzeichnung verrät: Die Sandkirmes währte 24 Stunden. Drei jungfräuliche Mädchen aus Westuffeln mussten sich vor Sonnenaufgang auf den Weg machen, um zwei Stunden Fußweg entfernt – von einem nicht erwähnten Ort – Sand herbeizuschaffen. Nach Rückkehr galt es für die Trägerinnen, den Sand in drei Umgängen um die Dorfkirche zu verstreuen.

Die Gaudi dabei: Aus den Häusern, von den Dächern und selbst vom Kirchturm spritzten die jungen Männer des Dorfes Wasser auf die jungen Mädchen. Am Nachmittag dann gaben diese „Ball“, ein Tanzvergnügen also, das sich offenbar bis tief die ganze Nacht hinzog. Der beschriebene Beschaffungsort für den Sand, von Steinen dort ist in der Notiz die Rede, gibt Rätsel auf.

Vielleicht, überlegt Wolfgang Lange, handelt es sich um den früheren Basaltbruch in der Nachbarschaft des heute noch bekannten Kalksteinbruchs hinter der Ortslage in Richtung Grebenstein. Viele Fragen bleiben offen, die Freude über das Auffinden des Dokuments aber überwiegt nach den Worten Langes.

Zu verdanken ist der Fund dem Saarbrücker Autor und Oberstudienrat i. R. Eberhard Michael Iba. Der Hinweisgeber war im Zuge eigener Recherchen für ein weiteres Buchprojekt zu den Brüdern Grimm auf die Sandkirmes-Handschrift gestoßen. Der 72-Jährige, geboren im Nachbarort Obermeiser und aufgewachsen in Hofgeismar, bewies Heimatverbundenheit, indem er prompt den Geschichtsverein Westuffeln informierte. Auf Nachfrage von Lange stellte die Staatsbibliothek Berlin die digitale Kopie zur Verfügung.

Das Dokument wird in dem vom Geschichtsverein geplanten Buch zu 75 Jahren Nachkriegskirmes Westuffeln im kommenden Jahr öffentlich zu sehen sein. Wolfgang Lange: „Der überraschende Fund beweist, Geschichte ist nicht endlich. Immer wieder findet sich mal etwas Neues. Die Archive sind voll mit Dokumenten, die uns interessieren könnten.“ Sie wollen nur entdeckt werden. (Dorina Binienda-Beer)

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