Kasseler Stotter-Therapie: Schlagzeilen in USA 

Hilfe für Stotterer weltweit: Online-Zentrum in Meimbressen

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350 Jahre alt: Die denkmalgeschützte Remise auf dem historischen Junkernhof in Meimbressen soll das KST-Onlinezentrum beherbergen. Für eine weitere Sanierungsförderung will sich die Bundestagsabgeordnete Esther Dilcher einsetzen. Sie ließ sich zusammen mit Peter Nissen (links, Servicezentrum Regionalentwicklung) das Projekt von Bauherr Dr. Alexander Wolff von Gudenberg und Architekt Michael Majcen (rechts) an Ort und Stelle vorstellen. 

Meimbressen. Um Stotterern weltweit helfen zu können, muss das 350 Jahre alte Haus in Meimbressen erst umfangreich saniert werden. Bisher wurde dies gefördert. 

Die digitale und damit ortsunabhängige Kasseler Stottertherapie als Teil des großen Zukunftsthemas Telemedizin braucht ein Online-Zentrum. Das soll in Meimbressen auf dem historischen Junkernhof entstehen. Das hier mit einem Büro angesiedelte Forschungsinstitut Parlo will Dr. Alexander Wolff von Gudenberg zu einem Online-Zentrum ausbauen.

„Flüssiger sprechen, freier leben“ lautet das Credo der Kasseler Stottertherapie, die 1996 in der Fuldastadt startete und sich seit 2003 mit Therapieplätzen in einem ehemaligen Feriendorf in Bad Emstal fest etabliert hat. Vorwiegend Kinder und Jugendliche kommen zu einer zweiwöchigen Intensivtherapie hierher. Das Gros der Patienten ist zehn bis 35 Jahre alt.

Aus der Erkenntnis, dass eine Online-Betreuung die Nachsorge in Form von Auffrischungskursen noch wesentlich verbessern würde, entwickelten sich erste Ansätze einer digitalen Behandlung. 

"Speechagain"-App gewann Preis in den USA 

Damit öffnete sich die Kasseler Stottertherapie die Tür zur digitalen Welt. Heute steht eine sogenannte Stand-Alone-App für mobile Endgeräte, eine Version zum Selbsttraining ohne Therapeuten, im Mittelpunkt der Entwicklung. Sie gibt es seit kurzem auch in englischer Sprache. 

Die Einführung in den USA wird vom Bundeswirtschaftsministerium über ein Außenwirtschaftsförderprogramm, unter anderem mit einem Büro am New Yorker Broadway, unterstützt. Dem Unternehmen Digithep, in dem Wolff von Gudenberg Mehrheitseigner ist, gelang es bereits, mit der Präsentation seines Produktes „Speechagain“ in den USA einen hoch dotierten US-Preis zu gewinnen. 

Dieser Erfolg brachte die Ursprungsidee aus Meimbressen bis ins Silicon Valley. Das dort beheimatete Magazin Valley News stellte das Startup ausführlich vor. 

Neues Online-Zentrum in 350 Jahre altem Haus 

Sollte das Vorhaben in den USA den erhofften Markterfolg bringen, will das Unternehmen in weitere Weltregionen vorstoßen. Meimbressen spielt dann eine Schlüsselrolle. 

Die Unterbringung des Online-Zentrums mit Büros, Technik-, Archiv- und Sanitärräumen ist in der 350 Jahre alten, denkmalgeschützten Remise der historischen Hofanlage geplant. 

Hier laufen bereits seit 2015 umfangreiche Sanierungsmaßnahmen. Sie wurden bisher aus verschiedenen Töpfen der öffentlichen Hand bezuschusst. Für die Fortsetzung gibt es aktuell allerdings keine Förderung. 

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Esther Dilcher, die sich vor Ort ein Bild machte, will sich jetzt für eine Wiederaufnahme ins Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundestages einsetzen.

Eine weitere Hürde gilt es zu nehmen: Das Institut benötigt für sein Online-Zentrum eine direkte Anbindung ans Glasfasernetz dringender als zuvor. 

800.000 Betroffene allein in Deutschland

Ein Prozent der Weltbevölkerung leidet unter dem Problem des Stotterns – mit weitreichenden Auswirkungen auf die Psyche und das soziale Leben. Rund 800.000 Betroffene sind es in Deutschland, mehr Kinder als Erwachsene, fünfmal mehr Männer als Frauen.

Die Sprechstörung wird überwiegend bis zum sechsten Lebensjahr entwickelt. Dabei handelt es sich um eine neurophysiologische Schwäche, die in 70 Prozent aller Fälle vererbt worden ist. 

Stottern kann, muss aber nicht zwangsläufig vererbt werden. Zum Stottern führt ein Zusammenbruch in der Interaktion von Atmung, Stimmgebung und Artikulation in Situationen, die der Stotterer je nach individueller Veranlagung als Stress empfindet. 

Neben den genetischen lassen sich auch neurologische Faktoren nachweisen. Im bildgebenden Verfahren erkennbare hirnanatomische Veränderungen beim Stotterer führen zu veränderten Hirnaktivitäten und in der Folge zu einem gestörten Sprachfluss. 

Ein intensives Sprechtraining kann die Veränderung in der Hirnaktivität zurückführen. Traumatische Erlebnisse oder Erziehungsfehler sind nach Auskunft des Spezialisten Dr. Alexander Wolff von Gudenberg allerdings nie die Ursache für das Stottern. Sie können aber bei entsprechender Veranlagung dazu beitragen, die Redeflussstörung auszulösen. 

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