Piraten warnen Fluggäste vor Totalüberwachung

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Kämpfen gegen Überwachung: Anlässlich des bundesweiten Aktionstages gegen die geplante Massenüberwachung von Flugreisenden informierten Boris Behnke (links) und Jonas Boungard am Flughafen Kassel-Calden.

Calden. „Scannt mein Gepäck, aber nicht mein Leben", steht auf den Aufklebern die Boris Behnke und Jonas Boungard am Samstagnachmittag auf dem Kassel Airport verteilten.

Fluggäste und Schaulustige, die auf dem Airport-Gelände unterwegs waren, informierten die beiden Aktivisten der Kassler Piraten-Partei über die drohende Vorratsdatenspeicherung von Passagierdaten. Grund dafür war ein bundesweiter Aktionstag, bei dem über die geplante Massenüberwachung von Flugreisenden an verschiedenen Flughäfen aufgeklärt wurde.

Was Fluggästen bald drohen könnte, haben die beiden Piraten, die die Aktion in Kooperation mit dem Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung durchführten, schnell zusammengefasst: „Man bucht einen Flug und die Strafverfolgungsbehörden werden darüber automatisch benachrichtigt - sie erfahren etwa mit wem du wohin reist, wo du wohnst, deine Bankverbindung und deine Essgewohnheiten“, sagte Behnke. Bis zu 60 Einzelinformationen könnten erfasst werden, was einer Totalüberwachung von Reisenden gleichkäme.

„Aufklärung wichtig“ 

Dass die Thematik vielen noch fremd ist, zeigte sich deutlich am Kassel Airport: Während die meisten nicht mal zu einem Gespräch mit den beiden Aktivisten bereit waren, nahmen andere wenigstens ihren Informationsflyer entgegen. Und nur ein kleiner Teil der Fluggäste ließ sich tatsächlich auf ein Gespräch ein. „Oft hören wir den Satz ‘Ich habe doch nichts zu verbergen‘ - dann sage ich, geben Sie mir doch mal ihre Kontonummer und ein Bild ihrer Frau - dann ist meist erstmal Ruhe“, bemerkte der 43-jährige Behnke. Aufklärung sei immens wichtig, denn noch könne man die Vorhaben stoppen.

Sollten die Passagierdaten künftig erfasst werden, entscheiden Computerprogramme ob ein Mensch verdächtig ist oder nicht. „Einreiseverbot oder gar Schlimmeres kann dann folgen“, ergänzt Jonas Boungard. Durch unglückliche Zufälle könne es da passieren, dass man in einem fremden Land plötzlich seine Unschuld beweisen müsse. Wie weit die Überwachung schon gediehen ist, konnten viele der Gesprächspartner der beiden kaum glauben: „Unsere Smartphones senden ununterbrochen Daten aus, vernetzte Kameras folgen uns durch die Stadt, Lesegeräte scannen unsere Autokennzeichen und zahlen wir mit Karte, werden auch diese Daten weitergegeben - so entsteht ein exaktes Bild einer Persönlichkeit“.

Von Tanja Temme 

Hintergrund: Bis zu 60 Einzelinformationen

Das Europäische Parlament will in Kürze eine Richtlinie verabschieden, die alle Fluggesellschaften zur Weiterleitung umfassender Datensätze über Passagiere an die Ermittlungsbehörden verpflichtet. Dort sollen die Einträge, die bis zu 60 Einzelinformationen enthalten, fünf Jahre lang gespeichert und elektronisch ausgewertet werden. Betroffen sind alle Flugreisenden in der EU. Die Daten, zu denen auch Kontonummer, Essenswünsche und Informationen über den Gesundheitszustand gehören, ergeben umfangreiche persönliche Profile. (zta)

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