Jungfernbach-Brückenbaustelle der B 7-Ortsumgehung

Rätsel um Steinfund in Calden: Sind es Brückenreste aus der Franzosenzeit?

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Fast verschwunden: Gestern waren die Steinblöcke an der Brückenbaustelle schon wieder nahezu verschüttet.

Calden. Steine auf einer Baustelle sind eigentlich nichts Ungewöhnliches. Doch ein Fund an der Jungfernbach-Brückenbaustelle der künftigen Caldener B 7-Ortsumgehung gibt nun Rätsel auf.

Am Fuß des Fahrbahndamms der heutigen B 7 Richtung Kassel, etwa 160 Meter südlich des Baches, entdeckte Sven-Oliver Dittrich auf dem teilweise gerodeten und abgeschobenen Boden zwei rechteckige, etwa 70 bis 80 Zentimeter lange Sandsteinblöcke, die eindeutig bearbeitet waren. Form und Größe sprächen für ein Fundament eines Gebäudes, sagte Dittrich, der FWG-Gemeindevertreter, stellvertretender Ortsvorsteher von Calden und Mitglied im Kultur- und Geschichtsverein Calden ist. Er wandte sich an die HNA-Redaktion mit der Frage, ob es sich dabei möglicherweise um historisch wichtige Überbleibsel handele. Ihm war nicht bekannt, ob es noch weitere Steinfunde an der Stelle gab und in welcher Lage die Steine aufgefunden wurden.

Recherchen der HNA-Redaktion ergaben, dass es sich bei den Steinen um die Überbleibsel einer 1811 erbauten Gewölbebrücke über den Jungfernbach handeln könnte. Sie entstand, als unter dem jüngsten Napoleon-Bruder König Jérôme Bonaparte, der von 1807 bis 1813 von Kassel aus das Königreich Westphalen regierte, die Holländische Poststraße als Fernstraße von Leipzig nach Amsterdam gebaut wurde. Bis dahin fuhr man über Heckershausen nach Kassel. Die Brücke überwand den sumpfigen Talgrund vor dem Schäferberg, der so steil war, dass der Weg in etlichen Serpentinen bergan führte und Fuhrwerke zusätzliche Pferde vorgespannt bekamen.

Eindeutig behauene und verarbeitete Steine: Die 70 bis 80 Zentimeter langen Quader fotografierte Sven-Oliver Dittrich Ende Juli.

Die nach dem umliegenden Brandwald benannten Brandkurven existieren heute nicht mehr. Es gibt nur noch eine lang gezogene S-Kurve, weil die gefährlichen Kurven, in denen es viele tödliche Unfälle gab, durch Umbauten entschärft wurden. Eine Baumaßnahme erfolgte 1954. Mehr als 20 Männer mit Schaufel, Spitzhacke und einer Feldbahn begradigten die Kurven, schilderte einmal der kürzlich verstorbene Caldener Geschichtskenner Kurt Kanngießer.

Im Herbst 1985 erfolgte der größte Eingriff, als die zuletzt noch vier scharfen Kurven beseitigt wurden, indem ein sehr hoher Straßendamm aufgeschüttet wurde. Damals legte ein Bagger, wie der Autor dieses Textes beobachtete, auch die Reste einer alten Sandsteinbrücke frei, die auf Lkw verladen und abtransportiert wurden. Möglicherweise sind die jetzt gefundenen Steine Reste jener Baumaßnahme. Um den Verkehr zu bremsen, wurden 1995 vor Calden noch Fahrbahnteiler eingebaut.

Sven-Oliver Dittrich hofft, dass sich noch Zeugen melden, die etwas zu den Steinen sagen können. Falls das nicht gelöst werden kann, gibt es noch weitere Rätsel. Laut Dittrich wird zwischen Calden und den Brandkurven immer noch nach dem Standort einer alten Kapelle gesucht.

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