Rundflug mit Tante JU: An Bord der historischen Maschine

Calden. Einmal fliegen wie in den 30er-Jahren: Das historische Lufthansa-Flugzeug Junkers JU52  startete am Kassel Airport für vier Rundflüge. Wir waren auf einem dabei.

Lange muss ich nicht warten, bis Kapitän Uwe Badow die Kolbenmotoren für die drei Propeller anwirft und die Startbahn des Kassel-Airport vibrieren lässt. Während der Lufthansa-Kapitän auf das Startsignal aus dem Tower wartet, versuche ich meine Aufregung in Zaum zu halten, fliegt man doch schließlich nicht alle Tage mit „Tante JU“, dem legendären Flugzeug des Typs JU 52, das der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg als Transportmaschine diente und noch heute Flugnostalgiker auf der ganzen Welt fasziniert.

Selfie fürs Erinnerungsalbum: Ein Flug mit Tante Ju ist auch für HNA-Mitarbeiter Sascha Hoffmann etwas ganz Besonderes.

Warm ist es in der kleinen Kabine, um nicht zu sagen heiß, Klimaanlagen gab es in den 30er Jahren noch nicht, als die alte Lady erstmals durch die Lüfte zog. Ein komfortabler Flug scheint in weite Ferne zu rücken, zusätzlich zur schweißtreibenden Hitze nämlich sind die ledernen Sitze derart dicht aneinander gereiht, dass man sich regelrecht hinein schälen muss und dabei nicht verhindern kann, seinem Vordermann die Knie in den Rücken zu rammen.

Das alles aber wird schnell zur Nebensache, wenn man dem Sound der Motoren lauscht und sich voll und ganz dieser faszinierenden Nostalgie hingibt, die die „Grande Dame" der Luftfahrt auch heute noch versprüht. 79 Jahre hat sie mittlerweile auf dem Buckel, nur die Technik, die ist auf dem neuesten Stand. „Anders wäre sie für den Flugverkehr nicht mehr zugelassen“, erklärt Kapitän Badow und beruhigt diejenigen der 16 Passagiere, die mit Skepsis auf manch Knacken und Rascheln reagieren, die beim Manövrieren auf der Startbahn entstehen.

Um Punkt 15 Uhr prescht Tante Ju dann los, hebt ungewohnt schnell ab und gleitet mit bis zu 180 Stundenkilometern sanft durch den wolkenlosen Himmel. Laut ist es. Sehr laut. Auf dem Rundflug gen Kassel und weiter zum Edersee versteht man kaum mehr sein eigenes Wort, so dominant ist der tiefe, sonore Ton, der die kleine Maschine erfüllt.

Glücklich und zufrieden: Nach einer Stunde Flugzeit verlassen die JU-Fans am Kassel-Airport die alte Maschine.

Das dumpfe Dröhnen zaubert mir und meinen Mitpassagieren schnell ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht, während wir mit unseren Kameras durch die kleinen Fenster fotografieren und jede Bewegung, jedes Ruckeln des alte Schätzchens in uns aufsaugen. Sababurg, Herkules, Schloss Wilhelmshöhe: Aus der Vogelperspektive scheinen die landschaftlichen Reize unserer Heimat fast noch ein wenig schöner. Vor allem der Edersee mit Sperrmauer und Schloss Waldeck lässt die Fotoapparate glühen, bevor es langsam zurück gen Calden geht. Nach exakt einer Stunde Flugzeit setzen wir wieder sanft am Kassel Airport auf - glücklich und zufrieden, dieses Stück Geschichte hautnah erlebt zu haben.

Rundflug mit Tante JU

Hintergrund

Die JU 52 ist das Herzstück der historischen Flotte der Lufthansa-Stiftung, erlebte 1936 nach ihrer Fertigung in den Junkers-Werken in Dessau ihren Jungfernflug. Zunächst bei der Lufthansa eingesetzt, verbrachte sie danach fast 20 Jahre abwechselnd in Deutschland und Norwegen. 1955 sollte sie in Norwegen außer Dienst gestellt werden. Zu groß für ein Museum in Oslo, wurde sie nach Südamerika verkauft und flog von 1957 bis 1963 in Ecuador. Dann drohte das Aus. Am Rande des Flughafens von Quito geriet sie in Vergessenheit, bis ein amerikanischer Flugenthusiast sie 1969 erlöste. Später war die „Tante Ju“ dann als „Iron Annie“ auf Flugschauen quer durch die USA zu bewundern, bevor die Lufthansa sie 1984 erwarb und unter großem Aufwand restaurierte.

Von Sascha Hoffmann

Lesen Sie hier:

- Historisches Flugzeug Junkers JU 52 hob in Calden ab

Historisches Flugzeug Junkers Ju 52 in Calden

Rubriklistenbild: © Hoffmann

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