Schandfleck-Serie: Historisches Ensemble in Calden 

Bäume wachsen aus den Mauern: Nebengebäude des Schlosshotels Wilhelmsthal verrotten

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Alles verfällt: Das Offiziantenhaus im Vordergrund sowie das Schmiederhaus im Hintergrund verfallen seit Jahren. Beide stehen unter Denkmalschutz.

Calden. Die denkmalgeschützten Nebengebäude des Schlosshotels Wilhelmsthal in Calden verrotten seit Jahren. Die Instandsetzung würde Millionen kosten. Gespräche zwischen Eigentümer und dem Landesamt für Denkmalpflege blieben bisher ohne Ergebnis. 

Früher muss es idyllisch gewesen sein. Das große Haus mit dem angrenzenden Garten und dahinter nur Felder, Wiesen und Wald – ein Traum, nicht nur für Kinder. Und einen Steinwurf entfernt das schönste Rokokoschloss Deutschlands. Heute verfallen die historischen Gebäude neben dem Schlosshotel Wilhelmsthal jeden Tag ein bisschen mehr.

Das denkmalgeschützte Ensemble mit dem Hauptgebäude, in dem sich das Schlosshotel Wilhelmsthal befindet, und dem angrenzenden Offizianten- und dem Schmiederhaus stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Laut dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen handelt es sich um streng verputzte Fachwerkbauten in Form des barocken Kasseler Frühklassizismus. Die gesamte Domäne Wilhelmsthal wurde 1999 vom Land Hessen verkauft. Seither sind die historischen Gebäude im Privatbesitz von Hermann Euler aus Ahnatal.

Keine Instandsetzung

Er hatte immer wieder Pläne für das Ensemble geschmiedet, die aber alle im Sande verliefen. Der Aufwand, die Häuser instand zu setzen, rechne sich nicht: „Eine Sanierung wäre sehr aufwendig. Da kämen Kosten in Millionenhöhe auf uns zu“, sagt Euler. Irgendwann müsse sich eine Investition auch rechnen, aber dafür müssten dann die Mieteinnahmen entsprechend sein. Am Ende sei es nicht wirtschaftlich, konstatiert Euler, der ein Steuerbüro in Ahnatal betreibt. Und er gibt offen zu: „Das habe ich beim Kauf nicht bedacht.“

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Bauzustand kritisch

Schade um Grund und Boden sei es allemal, denn natürlich sei die Lage eine besondere. Er sieht allerdings auch den Staat in der Pflicht, der seiner Meinung nach zu wenig helfe und Privateigentümern von denkmalgeschützten Gebäuden zu wenig Anreize biete, diese zu restaurieren.

Das Landesamt für Denkmalpflege schreibt dazu in einer Stellungnahme, dass der Bauzustand des Offizianten- und des Schmiedehauses bereits in den späten 1980er-Jahren kritisch gewesen sei. „Beide Gebäude standen schon 1988 seit Längerem leer und verfielen“, schreibt Katrin Beck, Pressesprecherin des Landesamtes. Schon damals habe es Überlegungen gegeben, die Gebäude abzureißen.

Für die direkten Nachbarn sind die vor sich hin rottenden Gebäude ein Ärgernis. Dagmar Löffler muss täglich mehrere Male an den Häusern vorbei. Sie wohnt seit 1992 in der Revierförsterei Calden, die sich direkt hinter dem Ensemble befindet.

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In der Durchfahrt zu ihrem Haus stehen zwei Linden. „Die schneide ich regelmäßig zurück“, sagt die Revierförsterin. Obwohl sie eigentlich zum nachbarschaftlichen Grundstück gehören. Auch das Laub entferne sie. Sie zeigt auf kleine Eschen, die aus dem Mauerwerk der Häuser wachsen und eine im Garten stehende Weide ist mittlerweile so groß, dass ihre dünnen Äste auf das Dach des Hauses schlagen. „Ich habe ja nichts gegen Bäume, aber das hier ist alles nicht so sinnvoll und förderlich“, sagt die Försterin. Auf dem Dach des Offiziantenhauses sind schon mehrere Biberschwanz-Ziegel verrutscht und drohen, herunterzufallen. „Wenn das Dach einmal undicht ist, dann sind die Gebäude endgültig verloren“, sagt Dagmar Löffler.

Das Landesamt für Denkmalpflege ist nach eigenen Angaben mit Hermann Euler im Gespräch bezüglich der Instandsetzung und Neunutzung der Gebäude. „Bislang sind die Gespräche leider noch ohne Ergebnis verlaufen“, schreibt Beck.

Grundsätzlich hätten Eigentümer natürlich die Pflicht, Kulturdenkmäler im Rahmen der Zumutbarkeit zu erhalten. Wenn Eigentümer trotz intensiver Beratung ihren Verpflichtungen nicht nachkämen, könnten sie von der Kreisverwaltung verpflichtet werden, erforderliche Erhaltungsmaßnahmen durchzuführen.

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