Einfacher als Ikea

"Privacy Box:" Studenten entwickelten Holzschließfächer für Flüchtlinge

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Die Designer (von links): Beat Sandkühler, Lukas Dally und Isabel Hemberger, die eine Anleitung für die zweite Station beim Zusammenbau der Holzkisten in der Hand hält.

Calden. In Erstaufnahme-Unterkünften für Flüchtlinge gibt es aus Platzgründen keine Schränke. Studierende der Kunsthochschule Kassel haben gemeinsam mit Flüchtlingen eine Alternative entwickelt.

Diese „Privacy Boxen" werden in der Caldener Unterkunft zusammengebaut.

Es ist laut in der Sozialhalle der Flüchtlingsunterkunft in Calden. Derzeit wird hier viel gehämmert und geleimt, Kinder schreien in den verschiedensten Sprachen durcheinander. Was auf den ersten Blick chaotisch wirkt, ist aber produktiv: 50 so genannte „Privacy Boxen“ sind in vier Stunden Arbeit bereits entstanden, dann ist erst einmal kein Holz mehr da. Pause für alle, die Flüchtlinge und die Produkt-Design-Studenten Beat Sandkühler, Lukas Dally und Isabel Hemberger.

Mit einigen Mitstreitern haben die drei von der Kunsthochschule in Kassel einen Workshop ins Leben gerufen. In gemeinsamer Arbeit mit den Flüchtlingen sollen am Ende 500 Holzkisten entstehen, in denenen die Bewohner in der Unterkunft in Calden ihre Privatsachen unterbringen und vor allem auch einschließen können. Auch als Sitzgelegenheit kann die Box herhalten. Eine Woche soll das Projekt dauern, „das wird ganz schön anstrengend mit den vielen Kindern, aber es ist toll, mit welcher Begeisterung die dabei sind“, sagt der 24-jährige Beat Sandkühler.

Konzentriert bei der Arbeit: Vater Ahmad Nisar und Sohn Abdul Rahman beim Zusammenbau einer Privacy Box.

Das Design der rechteckigen Box (46 Zentimeter hoch, 33 Zentimeter breit und 18 Zentimeter tief) ist ebenfalls aus gemeinsamen Workshops mit Flüchtlingen entstanden. „Das dürfte die zwölfte Version sein“, schätzt Lukas Dally, der Bau der Kiste sei über die Zeit schlichter geworden und günstiger in der Produktion, erklärt der 25-Jährige. Der Einfluss der Unterkunft-Bewohner sei immer wieder wichtig gewesen: Mittlerweile hat die Holzkiste etwa einen Griff, mit der sie auch an ein Bett gehängt werden kann.

Einfacher als Ikea

Die Boxen sind alle baugleich, an einer Seite ist das Holz allerdings mit Tafellack überzogen, der mit Kreide beschrieben werden kann. Die vorübergehenden Besitzer haben also etwas Platz für persönliche Gestaltung, denn die Boxen sollen in Calden bleiben und werden daher bei Abreise abgegeben.

Der Zusammenbau der Boxen ist simpel: Holzspanplatten werden ineinander gesteckt und mit Leim und Nägeln fest gemacht. Wer konzentriert arbeitet und sich an den drei Stationen orientiert, die von den Studenten vorbereitet wurden, braucht pro Kiste etwa zehn Minuten.

Der fleißigste Mitarbeiter ist wohl der 15-jährige Nema aus Afghanistan, der mehr oder weniger im Alleingang die Stoffeinlagen für das Innere der Boxen näht. Warum er so gut mit Nadel und Faden umgehen kann, ist aber nicht aus ihm herauszubekommen.

Zweieinhalb Tonnen Holz haben die Studenten mit einem Kleintransporter und improvisierten Rampen bewegt. Die reinen Materialkosten: 2800 Euro. Bearbeitet wurde das Holz an der Waldorfschule, die Gesamtkosten für die 500 Boxen schätzen die Produkt-Design-Studenten auf über 5000 Euro.

Unterstützt wurde das Projekt Minimal Privacy, in dessen Rahmen die Privacy Box entstanden ist, von der Sparkassenversicherung, der Wolfgang Zippel Stiftung, der Well being Stiftung, der Universität Kassel und vielen privaten Spendern.

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