Im Traumland zum Nichtstun verdammt

Junger Syrer berichtet über das Leben im Flüchtlingslager Calden

Unterkunft: 100 Menschen schlafen und leben zusammen in einem Zelt. Privatsphäre ist hier so gut wie gar nicht vorhanden.

Calden. Er ist gerade 16 Jahre alt, hat aber schon vieles erlebt: Alleine eine Reise über tausende Kilometer hinweg bestritten mit der ständigen Angst, nicht mehr weiterzukommen.

Zusammen mit 50 anderen in einem Neun-Meter-Boot zu verunglücken. Es doch nicht zu schaffen. Doch er hat es gepackt.

Der 16-jährige Junge aus Syrien, der aus Sicherheitsgründen unerkannt bleiben will, ist einer von fünf Minderjährigen im Flüchtlingslager Calden, die ohne Eltern nach Deutschland geflohen sind. Er schildert auf Englisch die unaushaltbare Lage in der Flüchtlingsunterkunft aus seiner Sicht: „Ich fühle mich genauso wie in Syrien, dort hat sich keiner um mich gekümmert und hier interessiert es auch niemanden, wie es mit mir weitergeht.“ Er habe bis auf seinen Bruder, der auch im Flüchtlingslager untergekommen ist, seine ganze Familie im syrischen Damaskus zurücklassen müssen.

Der Vater sei mit 50 Jahren einfach zu alt für solch eine strapaziöse Reise, seine Schwester mit 14 zu jung. Um ihm die Reise nach Deutschland, die insgesamt rund 2000 Euro gekostet habe, ermöglichen zu können, mussten die Eltern eine Wohnung ihres Hauses verkaufen.

Jetzt habe er noch ungefähr 50 Euro übrig zum Leben. In der Unterkunft würde ihm kein Geld ausgezahlt, er bekomme nicht wie die Erwachsenen Bekleidung, man würde sich noch nicht einmal um die Beantragung seines Passes kümmern; der wurde ihm weggenommen und er habe lediglich eine Kopie davon erhalten.

Immer wieder wurde auf seine Anfrage nach der Nummer des Jugendamtes gesagt, dass dieses nicht für ihn zuständig sei, sondern alles über die zentrale Verwaltungsstelle der hessischen Flüchtlinge in Gießen laufe.

Ohne Eltern und ohne Sprachkenntnisse des Landes, ohne Freunde, Bekannte oder Kontaktpersonen alleine in einem Zelt mit hundert anderen Menschen verschiedenster Herkunft, sei eine zusätzliche Belastungsprobe.

Die einzige Abwechslung: Wie diese drei Jugendlichen geht auch der 16-Jährige den Fußmarsch in den Ort Calden fast täglich.

Den ganzen langen Tag habe er nichts zu tun, der Ablauf sei immer derselbe: Essen, schlafen, ab und zu mal mit der Mutter oder dem Vater in der Heimat telefonieren, nur um zu hören, dass schon wieder ein guter Freund aufgrund des Krieges gestorben ist.

Als Jugendlicher ohne Eltern im Flüchtlingslager scheint die Situation aus Sicht des Jungen ausweglos: die Schule darf er nicht besuchen, arbeiten auch nicht.

Die Anteillosigkeit der Verantwortlichen kränke ihn sehr, sagt er. Täglich lege er sich mit dem Manager an, um eine Chance auf finanzielle Unterstützung zu bekommen und eine Perspektive zu haben - auch ohne Eltern in Deutschland.

Sein Bruder, den er hier wiedertraf, hätte ihm zwar ein Handy gekauft, aber er wolle unabhängig, selbstständig sein, sein Leben alleine auf die Reihe bekommen. Die oberste Priorität sei nun, in die Schule gehen zu dürfen, die deutsche Sprache zu erlernen und eine Zukunft zu haben. Das wäre sein größter Traum!

Das sagt der junge Syrer 

... über Motive, nach Deutschland zu kommen:

Ich bin nach Deutschland gekommen, um die Sprache zu lernen, die Schule zu besuchen und zu studieren. In Syrien hat man als Jugendlicher keine Zukunft, man lebt jeden Tag in Angst und Schrecken. Einmal kamen schwarz gekleidete Männer aus einem schwarzen Lieferwagen mit getönten Scheiben in einen Supermarkt gestürmt. Sie räumten alles aus, bedrohten mich mit einer Waffe und verletzten mich.

... über seine Gefühle nach der Flucht: 

Wie fühlt man sich wohl, wenn man als Jugendlicher nach einer tage- oder wochenlangen gefährlichen und stressigen Reise in das Traumland Deutschland kommt, sich dort neue Perspektiven und Chancen erhofft, und dann feststellen muss, dass man weiterhin in einem Schwebezustand festsitzt?

... über Deutschland: 

Im Vergleich zu Syrien ist es hier hundert mal besser. Ich bin trotz der Ereignisse und meiner momentanen Situation so froh, hier zu sein und zu wissen, dass ich in Sicherheit bin.

Das sagt das Regierungspräsidium

Der Pressesprecher des Regierungspräsidiums (RP) Michael Conrad sagt, es sei möglich, dass der Minderjährige keine finanzielle Unterstützung bekäme. Ausgeschlossen aber wäre die unterlassene Hilfe in Sachen Kleidung, da jeden Tag eine Kleiderausgabe stattfinden würde und jeder die Chance hätte, passende Kleidung zu bekommen. Conrad erklärt, in einer Erstaufnahmeeinrichtung wie Calden sei es aufgrund der verschiedenen Ethnien einfach nicht möglich, Deutschunterricht anzubieten. „Wenn der Junge in einer festen Unterkunft lebt, besteht auch die Möglichkeit auf Schulbildung, aber eben nur dann.“

Von Aline Fischer

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