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Vier Freunde aus Fürstenwald rüsten Hof Tolle gegen den Klimawandel

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Von: Hanna Maiterth

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Nicht nur die Arbeit wird auf mehrere Schultern verteilt, auch das Risiko ist für jeden Einzelnen geringer: Tim Kramm (von links), Nils Tolle, Marius Rau und Markus Müller bewirtschaften gemeinsam den Hof Tolle.
Nicht nur die Arbeit wird auf mehrere Schultern verteilt, auch das Risiko ist für jeden Einzelnen geringer: Tim Kramm (von links), Nils Tolle, Marius Rau und Markus Müller bewirtschaften gemeinsam den Hof Tolle. © Hanna Maiterth

Wie können Landwirte dem Klimawandel und dessen Folgen begegnen? Mit dieser Frage hat sich Nils Tolle (29) vom Hof Tolle in Fürstenwald beschäftigt und Planungsmethoden entwickelt.

Fürstenwald – In acht Schritten wird eine individuelle Klimastrategie herausgearbeitet. „Es entsteht eine Anleitung zur Betriebsplanung für den Klimawandel.“

Projekt wird für Publikumspreis nominiert

Das Projekt wurde nun für den Publikumspreis beim Bundespreis „Blauer Kompass“ nominiert. Es ist die höchste Auszeichnung in Deutschland, die für Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen der Klimakrise vergeben wird. Auf Zuspruch stößt das Projekt auch beim Dezernat für Umwelt- und Klimaschutz im Landkreis Kassel. Dort gilt es schon jetzt als „Leuchtturmprojekt“.

„Als Politiker sehen wir den Bedarf“, erklärt Thomas Ackermann, Dezernent für Umwelt- und Klimaschutz. Für ihn sei eine diversifizierte und damit resilientere Landwirtschaft im Landkreis ein wichtiges agrarpolitisches Ziel. „Der Hof Tolle nimmt eine Vorreiterrolle ein“, betont Klimaschutzmanagerin Dr. Christina Lütke. „Wir bieten deshalb Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung an. Nicht jeder muss das Rad neu erfinden.“

Salatanbau im Gewächshaus: Nils Tolle (Mitte) zeigt Kreis-Klimaschutzmanagerin Dr. Christina Lütke und Thomas Ackermann, Dezernent für Umwelt und Klimaschutz beim Landkreis Kassel, den Hof.
Salatanbau im Gewächshaus: Nils Tolle (Mitte) zeigt Kreis-Klimaschutzmanagerin Dr. Christina Lütke und Thomas Ackermann, Dezernent für Umwelt und Klimaschutz beim Landkreis Kassel, den Hof. © Hanna Maiterth

„Die vergangenen Jahre zeigten deutlich, dass die Auswirkungen des Klimawandels ein weites Spektrum umfassen: Trockenheit, Hitze, Starkregen, Überflutungen“, informierte Tolle über den Hintergrund des Projektes. Sich darauf einzustellen, sei eine Notwendigkeit, die alle Landwirte verbinde. „Es lohnt zu fragen: Was hast du ausprobiert?“

Die Herausforderungen unterschieden sich zwar regional, lernen könne man dennoch voneinander. Allein der Dörnberg sorge für unterschiedliche Bedingungen. Während Zierenberg den Löwenanteil des Regens abbekomme – also auch eine größere Überschwemmungsgefahr herrsche –, regne es auf der anderen Seite seltener und die Landwirte hätten es häufiger mit Trockenheit zu tun, erklärt Tolle.

Die Politik ist ebenfalls in der Verantwortung

Doch auch die Politik sieht Tolle in der Verantwortung. Denn die Landwirtschaft sei, gesteuert durch Politik und Industrie, längst ein hochtechnisierter Prozess, der mittlerweile an die Grenzen der wirtschaftlichen Effizienz und Robustheit gelangt sei. „Doch nur bei ausreichend Reserven kann auch eine vernünftige Klimaanpassung vorgenommen werden.“ Die politische Aufgabe sei es, Landwirten den Freiraum zu verschaffen, um mit den Problemen umgehen zu können.

Der Hof Tolle in Fürstenwald hat sich mit jeder Generation verändert. Georg und Beate Tolle haben 1996 den Schritt zum Bio-Betrieb gewagt. Nun ist der Hof erneut im Wandel begriffen. Sohn Nils rüstet den landwirtschaftlichen Betrieb gegen die Unwägbarkeiten des Klimawandels auf - mit den für seine Masterarbeit entwickelten Planungsmethoden.

Unterstützung kommt von Freunden

Unterstützung bekommt der 29-Jährige dabei von drei Freunden, die ihn schon seit Kindheitstagen begleiten: Tim Kramm, Marius Rau und Markus Müller.

Bei der offiziellen Übergabe soll der Hof als Gemeinschaftsbetrieb im Nebenerwerb weitergeführt werden. Das Alltagsgeschäft läuft bereits über den jüngsten der beiden Söhne von Georg und Beate. Und schon jetzt arbeiten die vier Freunde auf dem Hof. Das bringt viele Vorteile, findet Nils Tolle: „Wir können mit Arbeitsspitzen besser umgehen und die Risikostreuung ist breiter.“

Während der 29-Jährige zuletzt seinen Master in ökologischer Agrarwirtschaft beendet hat, studiert Rau (28) aktuell Agrarwirtschaft. Als Quereinsteiger sind außerdem der 28-jährige Kramm und der 31-jährige Müller mit an Bord. Kramm ist gelernter Industriemechaniker, Müller Dachdecker.

Als Georg Tolle seine Lehre machte, sei es nur um Stückzahlen und Wachstum gegangen. „Doch mir war schnell klar, wenn welche wachsen, müssen andere aufhören.“ Irgendwann gründeten er und sein Frau Beate (58) eine Spedition im Nebenerwerb. Dass Sohn Nils den Hof weiterführt und zukunftsfähig machen will, darauf ist er stolz.

Rinderhaltung im Fokus

Das Kernstück des 60 Hek-tar großen Hofs Tolle ist die Rinderhaltung. Ackerbau und Pferdehaltung gehören dazu. Im vergangenen Jahr kam der Gemüseanbau hinzu. 34 Gemüsesorten und Kräuter wachsen in diesem Jahr auf den schmalen Beeten. Sie ziehen sich auf etwa 300 Quadratmetern einen leichten Hang hinauf – unter freiem Himmel und unter den Kuppeln der beiden selbst gebauten Gewächshäuser.

Die vier Junglandwirte müssen beim Säen, Unkraut zupfen und Ernten selbst Hand anlegen. Denn große Maschinen kommen beim Gemüseanbau nicht zum Einsatz. Die körperliche Arbeit draußen und später das Ergebnis der Arbeit zu sehen, mache Spaß, sagt Rau.

Die Idee zum „Market Gardening“ – dem ressourcenschonenden Gemüseanbau auf kleiner Fläche – hatten Kramm und Müller. Verkauft wird die Ernte kistenweise als „Fürstenbox“ ohne Zwischenstation im Supermarkt direkt an die Konsumenten. Auf 27 Beeten bauten sie an. „Im Testjahr versorgten wir 20 Kunden vor allem aus dem Freundes- und Bekanntenkreis mit Gemüse“, blickt Müller zurück. Inzwischen hat sich der Kreis erweitert und rund 80 Gemüsekisten verlassen pro Woche den Hof.

Gemüseanbau als viertes Standbein

Der Gemüseanbau als viertes Standbein entspreche dem Ziel, sich für den Klimawandel zu rüsten, sagt Nils Tolle. „Schwächelt ein Bereich, kann das von den anderen aufgefangen werden.“ Machen könnten die Freunde das aber auch nur, weil seine Eltern die Basis gelegt haben. „Als nachfolgende Generation können wir die Freiräume nutzen.“

Was den vier Junglandwirten besonders gut gefällt? Es ist das Arbeiten miteinander. „Meine Arbeitskollegen sind gleichzeitig meine besten Freunde“, sagt Kramm. Rau ergänzt: „Wir können zeigen, dass Landwirtschaft auch anders geht.“ (Hanna Maiterth)

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