Träger müssen vermehrt suchen

Westuffelnerin Katrin Kloppmann leistet Freiwilligendienst in Ghana

+
Fertig für die Abreise: Katrin Kloppmann aus Westuffeln reist nach Ghana und leistet dort ein Jahr lang Freiwilligendienst. Die 21-Jährige freut sich auf das Abenteuer.

Westuffeln. Katrin Kloppmann aus Westuffeln fliegt nach Ghana und leistet an einer Schule für seh- und hörbehinderte Kinder ihren Freiwilligendienst. Die Träger müssen vermehrt nach Freiwilligen suchen.

Freiwilligendienste sind eine gute Alternative für junge Menschen, die noch nicht wissen, was sie beruflich machen möchten oder nach der Schule nicht gleich weiterlernen wollen.

Dennoch haben die Träger aufgrund großer Konkurrenz mittlerweile Sorge, dass in Zukunft viele Plätze leer bleiben. „Es wird immer schwieriger, junge Leute zu finden, da ihre Möglichkeiten sehr groß sind“, sagt Christine Orth, Pressereferentin von Volunta, der Freiwilligendienst-Gesellschaft des Roten Kreuzes. Volunta bietet neben Plätzen im Inland 175 Auslandsplätze an.

In die gleiche Richtung äußert sich Nadine Zollet vom Sozialen Friedensdienst Kassel (sfd): „Wir haben zuletzt zwar mehr Bewerber aus der Region, bundesweit ist das Interesse aber gesunken.“ 70 Plätze im Ausland vermittelt der sfd.

Auch Mathias Busweiler, Leiter der evangelischen Freiwilligendienste der Diakonie Hessen berichtet von einer schwierigen Suche: „Wir haben mit rund 700 bis 750 stellen in verschiedensten Formaten aktuell mehr Angebot als Freiwillige. Einerseits spielt der demografische Wandel dort hinein. Andererseits ist der Markt, der um die jungen Leute wirbt, größer geworden.“ Sie könnten studieren, eine Ausbildung machen oder auch reisen. Die Träger bieten Freiwilligendienste im Inland, im europäischen Ausland und in Entwicklungsländern weltweit an. Der Internationale Bund (IB) in Kassel biete im Ausland 80 und im Inland 250 Plätze, sowohl in der Stadt als auch im Landkreis, an, berichtet Lisa Wegener vom IB.

Katrin Kloppmann aus Westuffeln hat sich für einen Freiwilligendienst nach dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Mediengestalterin entschlossen. Sie reist für ein Jahr nach Ghana und arbeitet an einer Schule für seh- und hörbehinderte Kinder. „Diese Erfahrung kann mir niemand nehmen“, freut sie sich auf viele Eindrücke. Mit uns sprach sie über ihre Aufgaben, was sie alles berücksichtigen musste und was ihr vielleicht Sorgen bereitet.

Warum haben Sie sich für einen Freiwilligendienst entschieden?

Katrin Kloppmann: Für mich stand schnell fest, dass ich etwas machen möchte, worin ich mich komplett selbst verwirklichen kann und wo man selbstständig arbeiten kann. Bei Au-Pair ist das nicht gegeben und Work&Travel hat sich mittlerweile zum Massentourismus entwickelt. Es bringt mir nichts, wenn ich tausende Kilometer von zuhause weg bin und letztendlich doch nur unter Deutschen bin. Ich möchte ins Ausland, um neue Sprachen, Menschen und Kulturen kennenzulernen.

Wie entstand der Kontakt zum Sozialen Friedensdienst Kassel (sfd)?

Kloppmann: Den sfd habe ich auf einer Infoveranstaltung im November vergangenen Jahres kennengelernt. Zuerst war es nur eine Bewerbung wie bei vielen anderen Organisationen auch. Ich schätze am sfd, dass es ein kleiner, sehr herzlicher Verein ist und man wirklich jeden kennt.

Wieso geht es für Sie nach Ghana?

Kloppmann: Ich wollte unbedingt in ein englischsprachiges Land. Ghana war für mich sehr schnell ein Favorit. Der Umstand, ein Jahr lang seinen Lebensstandard komplett umzustellen, hat mich schnell gereizt.

Auf gepackten Koffern: Katrin Kloppmann aus Westuffeln reist nach Ghana und leistet dort Freiwilligendienst.

Wie sehen Ihre Aufgaben vor Ort aus?

Kloppmann: Ich werde dort an einer Schule für seh- und hörbehinderte Kinder mitarbeiten. Zuallererst muss ich mich einleben, was bei 90 Prozent Luftfeuchtigkeit nicht gerade leicht sein wird. Außerdem werde ich die Gebärdensprache erlernen. Meine Vorgängerin hat eine Bibliothek eingerichtet, um die Schüler im Lesen zu fördern. Dieses Herzensprojekt möchte ich weiterführen.

Was für einen Lebensstil erwarten Sie?

Kloppmann: Ich erwarte einen völlig anderen Lebensstil und werde sicherlich vor Probleme gestellt, die ich aus Deutschland nicht kenne. Zurzeit gibt es dort kein fließendes Wasser. Die Umstellung wird am Anfang hart. Ich weiß jedoch, dass es uns hier in Deutschland mehr als gut geht und oft an belanglosen Dingen rumgemeckert wird.

Warum machen Sie diese Reise jetzt nach der Ausbildung und nicht, wie viele andere, direkt nach der Schule?

Kloppmann: Ich hatte das Glück, nach der Schule direkt eine Ausbildung in meinem Wunschberuf zu bekommen. Deswegen habe ich zunächst meine Ausbildung beendet. Mit 21 Jahren besitze ich nun mehr Stärke als mit 18 Jahren.

Wie verlief die Phase zwischen Bewerbung und Reise?

Kloppmann: Man sucht sich eine Einsatzstelle aus und diese muss dann auch zusagen. Danach Impfberatung, Förderkreis aufbauen, Kontaktaufnahme mit der Einsatzstelle, Flugbuchung, und und und. Zudem gibt es Pflichtseminare zum Freiwilligendienst. Das Visum hat mich viel Zeit gekostet. Ansonsten sollte man wichtige Dinge wie Malariaprophylaxe, medizinische Vorsorge und luftige Kleidung nicht aus den Augen lassen.

Was für Vorstellungen und Pläne haben Sie?

Kloppmann:Ich habe gewisse Vorstellungen: Ich erwünsche mir von dem Jahr, dass ich endlich weiß, wo ich hin gehöre und mich selber in eine gewisse Art finde. Ob das letztendlich die richtigen Erwartungen sind, bezweifle ich. Ich versuche einfach, sehr neutral am 3. September nach Ghana zu fliegen und dort alles auf mich zukommen zu lassen. Auf jeden Fall möchte ich eine Nacht in einem Baumhaus im Regenwald verbringen.

Zu guter Letzt, was überwiegt: die Vorfreude oder die Ungewissheit?

Kloppmann: Ich habe ein lachendes und ein weinendes Augen. Ich habe Angst vor den Behörden in Ghana und davor, dass es Probleme mit dem Arbeitsvisum geben könnte. Aber letztendlich freue ich mich auf das Jahr, denn das wird mir niemals jemand nehmen können.

Zur Person: Katrin Kloppmann (21) ist in Westuffeln aufgewachsen und schätzt die Dorfgemeinschaft. Sie hat ihr Fachabitur in Gestaltung an der Arnold-Bode-Schule in Kassel gemacht. Danach absolvierte sie eine Ausbildung zur Mediengestalterin Digital und Print. Bis zum Antritt des Freiwilligendienstes am 3. September arbeitete sie im Bereich Mediengestaltung. Sie betitelt sich selbst als heimatverbunden, freut sich nun aber, etwas völlig Neues kennenzulernen.

Großer Markt als Konkurrenz

Die Träger sehen aktuell, dass sich weniger junge Menschen bewerben. „Sie wollen meist nicht mehr unbedingt ein komplettes Jahr investieren“, berichtet Lisa Wegener vom Internationalen Bund. Dies sehen auch Christine Orth, Pressereferentin von Volunta (DRK), und Mathias Busweiler, Leiter des evangelischen Freiwilligendienstes der Diakonie Hessen so. 

„Der Markt, der um die jungen Leute wirbt, wird auch durch die suchenden Ausbildungsbetriebe größer“, stellt Busweiler stellvertretend für die anderen Träger fest. Deshalb versuchen diese, ihre Angebote attraktiver zu gestalten. Die Dienste im In- und Ausland seien auf zwölf Monate ausgelegt, es gebe aber einen Spielraum. Zudem bieten die meisten auch Angebote für Minderjährige an oder hoffen, dass auch Realschulabsolventen in einen Beruf hineinschnuppern möchten. „Wir müssen flexibler werden“, sagt Wegener. 

Die Träger achten sehr auf die Sicherheit der Freiwilligen. Länder für die es Sicherheits- oder Reisewarnungen gibt, werden nicht besetzt. Dies sei dann „total schade wegen der Partnerorganisationen“, sagen Wegener und Busweiler.

Infoveranstaltung im November

Der Regionalverbund „Freiwillig ins Ausland“ Nordhessen lädt am Samstag, 3. November, zur Informationsveranstaltung zu verschiedenen Formaten des Freiwilligendienstes ein. Ehemalige Teilnehmende berichten im Kulturbahnhof Kassel (Franz-Ullrich-Straße) von ihren Erfahrungen, Heim- und Fernweh, Vorbereitungen und der Rückkehr. 

Das Augenmerk der Veranstaltung, die von verschiedenen Trägern organisiert wird, liegt unter anderem auf Freiwilligendiensten in Europa, fernen Ländern, Schuljahren im Ausland, Au-pair, Work & Travel, Praktika oder dem weltwärts-Projekt. Von 11 bis 13 Uhr und von 15 bis 17 Uhr gibt es Infoblöcke. Die Veranstaltung ist kostenfrei, eine Anmeldung ist nicht notwendig. Ansprechpartner bei der Kinder- und Jugendförderung der Stadt Kassel ist Karl-Heinz Stark: 0 56 1/75 75 14 8.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.