Flüchtlinge am alten Flughafen: Wir machten uns ein Bild von der Situation

Calden: Ein Ort zwischen Mitgefühl und Sorge

Calden. Das Flüchtlingslager auf dem Gelände des alten Flughafens in Calden hat das Leben in dem 3000-Einwohner-Ort verändert.

Viele Menschen sind verunsichert durch die Fremden, andere engagieren sich für sie. Wir waren vor Ort und sprachen mit Flüchtlingen und Einwohnern.

Moustafa Kayali hat eine lange Reise hinter sich. Der 18-jährige Syrer floh vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat. Nach Stationen in München und Gießen kam er nach Calden. Jetzt steht er mit einer Gruppe Syrer und Algerier vor dem Tower des alten Flughafens. In der Hand haben sie Müllsäcke. Sie wollen den Verpackungsmüll auflesen, der rund um den Flughafen herumliegt. Flüchtlinge hatten ihn dort hingeworfen, was bei Caldenern für Unmut sorgte.

Wollen den Müll ums Zeltlager auflesen: (hinten v.l.) die syrischen Flüchtlinge Moustafa Kayali, Mostafa Draw, Abdala Razouk, Mahmod Abdulkarim, Mudar Bakro, vorne rechts kniet Algerier Madjid Kourougli.

Kayali hat trotz der schwierigen Wochen, die hinter ihm liegen, eine klare Vision: Er will Deutsch lernen und studieren. Die Hochschulreife hatte er in Ägypten abgelegt. „Ich bin froh, in Sicherheit zu sein“, sagt er. Die Situation im Lager sei okay, nur das Essen könne besser sein. So hoffnungsfroh wie Kayali sind längst nicht alle Flüchtlinge, die wir treffen. Eine Gruppe Albaner ist geradeauf dem Weg in den Caldener Ortskern. Ihre Chancen auf Asyl sind gering. Das wissen sie. Mit den Zuständen im Lager sind sie unzufrieden. Es gebe immer mal wieder Streit unter den Bewohnern. Auch das Essen sei zu stark rationiert. Bis zu 70 Flüchtlinge teilten sich ein Zelt - es gebe keine Privatsphäre.

Nach Auskunft der Polizei gab es in den zweieinhalb Wochen, in denen das Camp besteht, fünf Strafanzeigen: Zwei wegen Körperverletzung, zwei wegen Diebstahl und eine wegen Widerstand gegen Polizeibeamte. Gewerbetreibende aus dem Umfeld des Flughafens erzählten uns, dass die Polizei oft vor Ort sei, um Präsenz zu zeigen. Auch habe es Schlägereien gegeben.

Es ist vor allem die Langeweile, die viele Flüchtlinge quält. Sie suchen bei der Hitze schattige Plätze in Calden und sitzen vor den Supermärkten. 140 Euro hat jeder von ihnen monatlich zur Verfügung. Der Müll am Straßenrand verrät, in was sie das Geld investieren: Tabak, Süßes, Alkohol.

Eine Kassiererin der Caldener Tankstelle erzählt, dass sie vor allem Handy-Prepaid-Karten an Flüchtlinge verkaufe, damit diese nach Hause telefonieren können. „Oft stehen so viele vor mir, dass es schwer ist, den Überblick über den Verkaufsraum zu behalten.“

Mehrere Caldener, mit denen wir sprechen, fühlen sich besonders durch Gruppen junger Männer bedroht. Einige schließen abends ihre Haustür ab, was sie vorher nie taten. Andere machen sich Sorgen um ihre Kinder. Von einem Vorfall, bei dem ein Flüchtling einen Einwohner angegriffen hat, weiß aber niemand zu berichten. Für viele ist es eher eine gefühlte Bedrohung.

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Wenn sich bislang Gewalt entlud, dann nur zwischen Flüchtlingen, die aus 16 Nationen stammen. Ein Caldener, der beim Aufbau des Camps geholfen hatte, berichtet von einem Fall, in dem Flüchtlinge Duschköpfe abgeschraubt hätten. Anschließend hätten sie andere Flüchtlinge erpresst: Wer duschen wolle, müsse Geld zahlen. Der Sprecher des Regierungspräsidiums konnte den Vorfall weder dementieren noch bestätigen. Ähnliche Vorfälle hatte es aber in anderen Unterkünften gegeben.

Vor allem die Situation für die Kinder ist erschreckend. Abgesehen von zwei, drei Fußbällen gibt es keine Spielmöglichkeiten. Um mehr Aufenthaltsflächen zu schaffen, wird das Lager nun erweitert. Es soll eine Kinderbetreuung geben und Spielgeräte aufgestellt werden, sagt ein Mitarbeiter der Johanniter, die für die Betreuung zuständig sind. „Es ist wichtig, dass die Leute beschäftigt sind. Bei 1000 Menschen, die auf engem Raum leben, muss man großen Respekt davor haben, dass alle hier noch die Bälle flach halten.“

Rubriklistenbild: © Ludwig

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