1. Startseite
  2. Lokales
  3. Hofgeismar

Ex-Altenpflegerin: Keine Zeit mehr für Menschlichkeit

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Hofgeismar/Kassel. Eine Undercover-TV-Reportage des Günter-Wallraff-Teams hat die Diskussion über die Zustände in Altenpflegeheimen wieder angeheizt. Wir sprachen mit einer ehemaligen Mitarbeiterin über die hiesige Situation.

„Als ich angefangen habe, da hatten wir noch Zeit, mit den Bewohnern zu lesen oder Kuchen zu backen. Das ist lange vorbei“, sagt Petra Müller (Name von der Redaktion geändert). Die gelernte Altenpflegerin hat in mehreren Heimen im Landkreis Kassel gearbeitet und die Entwicklung verfolgt. Das Schlimmste seien der Zeitdruck und die gestiegene Belastung.

Die Wallraff-TV-Reportage, die auf RTL gezeigt wurde, hat auch die erfahrene Altenpflegerin geschockt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sowas gibt. Da war sicher auch was geschummelt“, meint sie bestürzt, will es aber nicht völlig ausschließen, dass es verschimmelte Zimmer und verprügelte Patienten gibt. Sie selbst habe solche Zustände nie gesehen, ein Vergnügen sei die Arbeit in der Altenpflege aber gewiss nicht.

Lesen Sie auch

- „Es ist ein perverses System" - Pflegeexperte zu Situation in Heimen und Krankenhäusern

- RTL-Reporterin deckt Missstände in Pflegeheimen auf: Gewalt, Hohn, Schimmel

Wenn sie abends nachhause kommt, braucht sie erstmal eine Stunde zum Abschalten, da darf sie niemand stören. Tagsüber herrscht Dauerdruck. Auf der Station hing der Wochenplan, der aktuelle Dienstplan aber im Keller, beide wichen voneinander ab, da immer Personal fehlte. Jeden Tag habe sich jemand krank gemeldet, oft auch aus psychischen Gründen. „Als Examinierte stehst du immer mit einem Bein im Gefängnis. Wenn du ein Häkchen machst, bist du allein verantwortlich, nicht der Chef“, sagt Petra Müller.

In dem Altenheim wurden die Zeiten für die Betreuung gestrichen, die Altenpflegerinnen waren nur noch für die Drecksarbeit da, wie Petra Müller bedauert, die Betreuung übernahmen günstigere Alltagsbegleiter. Das Arbeitsklima sei entsprechend immer schlechter geworden, der psychische Druck stieg: „Das hat mir gefehlt, der Umgang mit den Leuten. Menschlichkeit sieht anders aus“.

Keine Wertschätzung 

In dem Altenheim wo sie arbeitete habe es keine Wertschätzung vom Chef gegeben, Hauptsache man sei da. „Während der Arbeit gab es kein Wasser oder Essen oder ein Stück Kuchen, was die Bewohner übrig gelassen hatten. Wir mussten uns das immer von außen besorgen“, klagt Müller.

Am Ende hatte sie fast kein freies Wochenende mehr, aber nach einem Jahr 156 Überstunden. Dokumentationen verschlangen immer mehr Zeit, dafür musste überall gespart werden. Am Ende standen pro Bewohner 3 Euro am Tag für das Essen zur Verfügung. Da wurden dann auch mal die Lieferanten gegen billigere ausgetauscht, die eigenen Küchen in den Wohngemeinschaften abgeschafft.

Den Beruf könne man nur aus Berufung machen und mit viel Idealismus. Der Unterschied zwischen Schule und Alltag sei gewaltig. Kein Wunder, dass so wenig Menschen den Altenpflegeberuf einschlagen. Müller: „Die Motivation fehlt einfach.“

Doch es geht auch anders: An ihrer früheren Arbeitsstelle waren für 26, manchmal sogar 30 Bewohner nur zwei Kräfte, mit Glück auch drei zuständig, dazu eine Küchenfrau. Da war man an der Grenze. In der Einrichtung, in der Petra Müller jetzt arbeitet, sorgen drei Kräfte und eine Küchenfrau für 15 Bewohner: „So kann man sich wenigstens um die Menschen kümmern.“ Und beim Bewertungssystem der Heime gibt es auch Fortschritte - neuerdings würden auch die Bewohner selbst befragt, wie sie sich fühlen und wie das Essen schmeckt.

Mehr Personal 

Um mehr Personal einzustellen, so gibt Petra Müller auch die Meinung von Kollegen wieder, könnte man in der Altenpflegeeinrichtung auch in der aufgeblähten Verwaltung sparen. Und man könnte die Leistung der Mitarbeiter mehr anerkennen. (tty)

(Aus Angst vor Repressalien hat unsere Informantin uns gebeten, ihren Namen nicht zu veröffentlichen.)

Auch interessant

Kommentare