Mutter erkämpft für blinden Sohn Platz an Mittelpunktschule

Der erste Schultag an der Mittelpunktschule: Niklas Wetzel mit Zuckertüte.nh

Calden. Auf den ersten Blick wirkt Niklas wie jeder andere Junge. Doch eins unterscheidet ihn von seinen Schulkameraden: Er ist blind. Seit ein paar Wochen geht er nun in die Mittelpunktschule Wilhelmsthal.

Im beschaulichen Calden zeigt sich der Herbst an diesem sonnigen Nachmittag von seiner schönsten Seite. Ausgelassen tollt der siebenjährige Niklas Wetzel im großen Garten hinter seinem Elternhaus herum, steigt auf das Klettergerüst, saust in Windeseile die Rutsche hinunter und klettert schließlich geschickt auf das große Trampolin. „Hier bin ich am allerliebsten“, ruft er.

Mutter gibt nicht auf

Dass Niklas hier zur Grundschule geht, das grenzt fast an ein kleines Wunder. Unermüdlich hat sich Niklas Mutter, Arina Wetzel, dafür eingesetzt, dass Niklas eine normale Schule besuchen darf. Aufgeben, nein das wäre für sie niemals infrage gekommen, resümiert die 33-Jährige. „Ich bin eine Kämpfernatur. Es geht doch um die Zukunft meines Jungen!“

Die Alternative zur Regelschule wäre die Landesblindenschule im mehr als 160 Kilometer entfernten Friedberg mit Internat gewesen. „Niklas ist doch erst sieben. Ich kann mir eine Trennung von ihm nicht vorstellen,“ begründet Arina Wetzel ihre Entscheidung. Nein, das konnte sich auch Niklas nicht vorstellen. Fast jeder kennt den freundlichen und forschen Jungen hier in Calden, er wohnt mit seinen Großeltern und seiner Tante im selben Haus und hat Freunde, die er schon fast sein Leben lang kennt: aus dem Spielkreis, aus dem Kindergarten oder einfach nur vom Herumtollen auf der Straße.

Arina Wetzel sprach zunächst mit dem Schulleiter der Mittelpunktschule. Der verwies sie an das Staatliche Schulamt in Kassel. Überall wo Arina Wetzel mit Ihrem Anliegen auftauchte, herrschte große Unsicherheit und Unklarheit. Solch einen Fall hatte es in Nordhessen noch nie gegeben.

Bestätigung vom Amtsarzt

Neben dem normalen Einschulungstest musste Niklas gleich mehrere Untersuchungen über sich ergehen lassen. Sogar seine Blindheit musste ein Amtsarzt bestätigen. Erst dann konnten die Wetzels beim Schulamt den Antrag auf gemeinsamen Unterricht stellen. Die endgültige Zusage kam erst zwei Monate vor Schulbeginn. Das war knapp; denn die Hilfsmittel für den Unterricht mussten noch beschafft und von der Krankenkasse genehmigt werden.

Geschätzte hundert Telefonate später ist es geschafft: Niklas sitzt zufrieden an seinem Pult in der ersten Reihe der 1b. Zwischen all seinen Freunden aus dem Kindergarten und Spielkreis. Wenn er nach Hause kommt, wartet sein Opa schon auf ihn. Heute geht es auf ein Stoppelfeld - Drachen steigen lassen.

Die Wetzels haben ihre Entscheidung keine Minute bereut. Im Gegenteil: Sie sehen den gemeinsamen Unterricht als Bereicherung für alle Kinder. Für den Turnunterricht beispielsweise wurde ein Klingelball angeschafft. So kann Niklas den Ball hören. Nicht nur Niklas gefällt der Ball: Auch die anderen Kinder wollen nur noch mit dem Klingelball Fußball spielen. „Ich möchte andere Eltern behinderter Kinder dazu ermutigen, sich für den gemeinsamen Unterricht zu entscheiden“, sagt Arina Wetzel. „Auch wenn der Weg steinig war: Wir würden ihn wieder gehen.“

Mirjam Hagebölling

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.