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Elektronische Krankschreibung ist Herausforderung im Kreis Kassel

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Von: Bernd Schünemann, Natascha Terjung

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Hat ausgedient: Den sogenannten gelben Zettel gibt es nicht mehr. Betriebe müssen Krankschreibungen bei den Krankenkassen abrufen.
Hat ausgedient: Den sogenannten gelben Zettel gibt es nicht mehr. Betriebe müssen Krankschreibungen bei den Krankenkassen abrufen. © Alexander Heinl/dpa

Mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (EAU) am 1. Januar fällt der „gelbe Schein“ weg, die Realität sieht anders aus.

Kreis Kassel – Seit Beginn dieses Jahres gibt es statt des „gelben Scheins“ die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (EAU). Arbeitnehmer müssen demnach ihrem Arbeitgeber keine Krankmeldung in Papierform mehr zukommen lassen, Betriebe müssen diese bei den Krankenkassen abrufen. Ärzte bemängelten vor einigen Wochen den erheblichen Mehraufwand für die Praxen (wir berichteten). Wie läuft es nun seit dem Startschuss vor zwei Wochen mit der EAU?

„Das System hakt an einigen Ecken und Enden“, sagt Christoph Claus, Allgemeinmediziner in Grebenstein und Sprecher des Hausärzteverbands Kassel. Dabei gehe es vor allem um die Signatur der Krankmeldungen: Eigentlich soll das über ein Gerät mithilfe des Arztausweises geschehen. Da das momentan nicht funktioniert, nutze man dafür den Praxisausweis – das sei ohnehin die schnellere Variante, aber eben nur eine Notlösung.

Mit der Technik zum Ausstellen der EAU gebe es keine Probleme. Im Praxisalltag gewöhne man sich bereits daran. Das gelte jedoch nicht für manche Patienten: „Noch nicht jeder weiß, dass es keinen Zettel mehr für den Arbeitgeber gibt“, berichtet Claus. Auch dass auf der Folgebescheinigung nicht mehr der erste Tag der Krankheit steht, ist für viele Patienten unverständlich – vor allem bei längerer Krankheit sei das angesichts der 42-Tage-Regelung zur Lohnfortzahlung problematisch. „Viele Patienten fragen uns nach dem Erstdatum und wir schauen dann nach. Das kostet Zeit.“

Technische Voraussetzungen für die EAU sind für Praxen umständlich und kompliziert

Weniger Schwierigkeiten gibt es in der Gemeinschaftspraxis Mendoza in Vellmar: „Bisher läuft alles unproblematisch und auch unsere Patienten sind zufrieden“, sagt Yuri Mendoza. Jedoch sei es noch zu früh, um den gesamten Prozess rund um die EAU beurteilen zu können. Die technischen Voraussetzungen zu schaffen sei hingegen „umständlich und kompliziert“ gewesen.

Probleme mit der Technik hatte Ralf Wittwer, Allgemeinmediziner mit Praxen im Wolfhager Land, nicht, dafür aber mit dem Versenden der EAUs an die Krankenkassen. „Anfangs ist nur jede zweite Krankschreibung angekommen“, sagt er. Daher würden seine Patienten die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen für den Arbeitgeber zusätzlich noch in Papierform bekommen. Wittwer gibt zudem zu bedenken, dass wahrscheinlich kleinere Betriebe noch nicht über das nötige System verfügen, um die Krankschreibung digital abrufen zu können.

EAU ist Herausforderung für Ärzte im Kreis Kassel

Die Realität sieht derzeit aber anders aus: „Beim Druck sparen wir gar nichts“, sagt Ralf Wittwer, Allgemeinmediziner mit Praxen im Wolfhager Land. Da nicht alle EAUs bei den Krankenkassen angekommen seien, drucke man für jeden Patienten noch immer die Krankmeldung für den Arbeitgeber aus. Außerdem wies Wittwer daraufhin, dass zwar große Arbeitgeber technisch wahrscheinlich gut aufgestellt seien, kleinere Firmen wie Bäckereien oder Handwerksbetriebe Probleme beim Umgang mit der EAU haben könnten. Auch deshalb werde die Krankmeldung in Wittwers Praxen noch ausgedruckt.

Auch in der Gemeinschaftspraxis Mendoza in Vellmar wird die Krankschreibung für den Arbeitgeber noch zusätzlich in Papierform ausgehändigt. „Damit wollen wir wegen der Erkältungswelle auch verhindern, dass die Patienten nochmal in die Praxis kommen müssen, um die Krankmeldung abzuholen“, sagt Allgemeinmediziner Yuri Mendoza. Die Übermittlung der EAU an die Krankenkassen laufe unproblematisch, alle Krankmeldungen werden am Ende der Sprechstunde gemeinsam versendet, erklärt Mendoza.

Das hänge auch damit zusammen, dass nicht in jedem der neun Behandlungsräume die nötige Hardware vorhanden sei. „Würden wir jeden Raum mit der nötigen Technik ausstatten, kämen auch mehr Kosten auf uns zu“, sagt Mendoza. Der Arzt sieht die Situation rund um die EAU trotzdem entspannt: „Am Anfang läuft es mit Neuerungen meistens holprig.“

Für Mitarbeiter im Personalwesen ist die EAU mit Mehraufwand verbunden

Auch bei den Arbeitgebern muss das neue System erst einmal ins Laufen kommen. Das sagt zum Beispiel Chris Dworak, Hauptamtsleiter in der Hofgeismarer Stadtverwaltung. Dort wird in diesen Tagen das Programm, über das die Löhne und Gehälter abgerechnet werden, über eine neue Software erweitert. Damit könne die Personalabteilung die Krankmeldungen der Mitarbeiter abrufen.

Konkrete Erfahrungen liegen in der Verwaltung also noch nicht vor, weil das Programm noch nicht laufe. Aber schon jetzt sei klar, dass das neue System für die Mitarbeiter im Personalwesen mit Mehraufwand verbunden sei, sagte Dworak auf HNA-Anfrage. Denn im Falle einer elektronischen Krankmeldung müssten die gezielt für die betroffene Mitarbeiterin oder den Mitarbeiter bei der zuständigen Krankenkasse abgerufen werden.

Aus Sicht der Verwaltung wäre es dagegen einfacher, wenn die Personalabteilung über ihre Arbeitgebernummer die Daten zentral abrufen könnte, erläutert Chris Dworak. Hier sehe die Stadt Verbesserungsbedarf in dem System. Wenn sich jetzt ein Mitarbeiter krankmelde, gebe der noch den „gelben Schein“ ab, so die Erfahrung im Personalwesen. Die Stadt Hofgeismar beschäftigt etwa 230 Mitarbeitende.

Erkrankte Beschäftigte müssen Arbeitgeber weiterhin informieren

Auch im Fuldataler Autohaus Hermann Klein muss das System für die Personalverwaltung noch angepasst werden, sagte Geschäftsführer Jürgen Klein. Ein Dienstleister müsse das Programm noch ergänzen. Ein Mitarbeiter habe sich in diesem Jahr krank gemeldet. Der habe seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Mail geschickt, ergänzte Jürgen Klein. Dworak wie auch Klein weisen darauf hin, dass erkrankte Beschäftigte ihren Arbeitgeber weiterhin informieren müssen. Natascha Terjung, Bernd Schünemann

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