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Kirmes in Westuffeln: Feiern bis die Knöpfe fliegen

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Von: Dorina Binienda-Beer

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Sie tragen Reiterhosen, Lederstiefel, weißes Hemd und rote Krawatte: So sind die Kirmesburschen in diesen Tagen in Westuffeln unterwegs.
Sie tragen Reiterhosen, Lederstiefel, weißes Hemd und rote Krawatte: So sind die Kirmesburschen in diesen Tagen in Westuffeln unterwegs. Timo Berndt (von links), Simon Hedrich, Tobi Rüddenklau, Patrick Fehling, Kirmesvater Nicolai Liese und Fahnenträger Sören Erkelenz (vorne) organisieren die Kirmes, die in diesem Jahr zum 75. Mal gefeiert wird. Der Geschichtsverein hat die Kirmesgeschichte des Ortes in einem Buch umfangreich aufgearbeitet. © Andreas Waschke/ nh

In Westuffeln steht ein Jubiläum an: Seit 75 Jahren wird dort Kirmes gefeiert. Am Wochenende ist es wieder soweit. Die Kirmesburschen halten alte Bräuche lebendig.

Westuffeln – Gerade zweieinhalb Jahre liegt das Kriegsende zurück, als das Dorf Westuffeln im Oktober 1947 seine Kräfte aufbietet, um nach langer Zwangspause endlich wieder Kirmes feiern zu können. In jener entbehrungsreichen Zeit fehlt allerdings ein wichtiger Bestandteil für den Erfolg der Gaudi: der Schnaps. Wohlweislich werden deshalb im Sommer Zuckerrüben beiseitegelegt, gemahlen und nach zweiwöchiger Gärung gebrannt. Mit einem Depot von 120 Literflaschen voller Hochprozentigem kann im Herbst schließlich die ersehnte große Sause über die Bühne gehen.

75 Jahre ist das jetzt her. Und wieder stehen sechs Westuffelner Kirmesburschen in den Startlöchern, um den eigenen Mitbewohnern ebenso wie jungen Leuten aus der Umgebung ein turbulentes Wochenende rund um Schnaps, Tanz und Musik zu bescheren.

In drei Tagen Ausnahmezustand soll auch das Jubiläum 75 Jahre Nachkriegskirmes im Blickfeld stehen. „Prost Kirmes!“ skandieren diesmal Kirmesvater Nicolai Liese, Fahnenträger Sören Erkelenz, die Burschen Tobi Rüddenklau und Timo Berndt gemeinsam mit den Füchsen Simon Hedrich und Patrick Fehling. In den erlauchten Kreis aufgenommen wird, wer mindestens 18 Jahre alt und unverheiratet ist. Auf dem Sextett liegen die Last der Verantwortung und ein gewaltiges Arbeitspensum. Beides teilen sich andernorts deutlich größere Kirmesgemeinschaften.

Erkennungszeichen ist der bunte Hut

Schwarze Reiterhosen und Lederstiefel, weißes Hemd und rote Krawatte unterm rustikalen Sakko: So werden die tatkräftigen Sechs im Dorf unterwegs sein. Ihr wichtigstes Erkennungsmerkmal ist der mit Federn und Bändern bunt geschmückte Kirmeshut (Hintergrund). Dass in Westuffeln die Kirmesburschen auch heute noch in traditioneller Kluft auftreten, das sehen die älteren Kirmesenthusiasten im Ort mit besonderem Stolz.

In siebeneinhalb Jahrzehnten haben die jeweiligen Kirmesburschen traditionsreiche Rituale am Leben erhalten, ohne sich gegen Neuerungen zu sperren. Wurde ursprünglich sonntags und montags gefeiert, stellte sich der zweite Kirmestag am Wochenbeginn irgendwann als nicht mehr zeitgemäß heraus. Immer weniger prägte die Landwirtschaft das dörfliche Leben, zunehmend mussten Berufstätige ihre Arbeitsplätze auswärts aufsuchen.

Feiern am Montag ging damit nicht mehr. 1964 wurde erstmals Samstag und Sonntag Kirmes gefeiert. In jüngerer Zeit kam noch der Freitag hinzu: Auftakt mit Gottesdienst, anschließend großer Tanzabend. Wechsel gab es auch bei den Schauplätzen des ausgelassenen Treibens. Eine große Rolle spielten einmal die längst nicht mehr existierenden drei Gastwirtschaften, auf deren Sälen es reihum im jährlichen Wechsel zur Sache ging. Dann kam die Turnhalle. Seit 1994 feiert Westuffeln Zeltkirmes.

Dass die Tanzenden aus Platzmangel mit Stricken eingekreist und ins Freie geführt wurden, um für andere Tanzlustige Platz zu schaffen, diese Zeiten sind lange vorbei. Auch diesmal dürfen sich die Kirmesburschen auf einen temperamentvollen Ausklang der Sause am Sonntagabend gefasst machen: Wenn ihnen die Ehemaligen buchstäblich zu Leibe rücken und die Hemden aufreißen, dass die Knöpfe fliegen. Gaudi muss eben sein – auch nach 75 Jahren. (Dorina Binienda-Beer)

Hutbänder und ihre Bedeutung

Der traditionsreiche schwarze Kirmeshut leuchtet mit Satinband, Federschmuck und Bändern in bunten Farben. Die haben eine Bedeutung: Lila steht für die Kirche, Weiß für die Landwirtschaft, hinzukommen die Jahresfarben Grün, Blau, Gelb und Rot. Die Ausstaffierung liegt in der Verantwortung der Hutnäherinnen. Das sind üblicherweise Freundinnen, Schwestern oder Bekannte der Kirmesburschen.

Hutnäherin sind in diesem Jahr Karolin Knauf, Sarah Fehling, Johanna Hedrich, Paula Nehls, Luisa Tölle und Emily Geminger.

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