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Fiebersaft für Kinder nicht lieferbar – Apotheken im Kreis Kassel bieten Alternativen

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Von: Denise Dörries, Natascha Terjung

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Nicht nur Medikamente gegen Fieber für Kinder sind von Lieferschwierigkeiten betroffen, sondern auch Beta-Blocker (Symbolfoto).
Nicht nur Medikamente gegen Fieber für Kinder sind von Lieferschwierigkeiten betroffen, sondern auch Beta-Blocker (Symbolfoto). © Maurizio Gambarini/dpa

Hohe Corona-Zahlen, Erkältungswelle und es mangelt an Medikamenten. Besonders betroffen sind Fiebersäfte für Kinder mit den Wirkstoffen Ibuprofen und Paracetamol.

Kreis Kassel – Wann sie wieder verfügbar sind, ist nicht absehbar, sagt Ursula Funke, Präsidentin der Landesapothekenkammer Hessen. Der Grund seien Lieferschwierigkeiten. Die seien aber nicht nur in der Pandemie begründet, denn Lieferprobleme habe es vor Corona auch gegeben. Auch dass Arzneimittel außerhalb Europas, unter anderem in Indien und China, produziert werden, ist laut Funke ein Problem.

Doch es gebe genügend Alternativen. Schmelztabletten und Zäpfchen können anstatt des Fiebersafts verabreicht werden. „Es bleibt kein Kind in Deutschland unversorgt“, versichert Funke.

Cordula Markowski, Inhaberin der Apotheke mit Herz in Hofgeismar, hat ihre Lager bereits mit Alternativen zum Fiebersaft aufgestockt. Doch die Suche nach Medikamenten, die noch lieferbar sind, sei „ein riesiger logistischer Aufwand“. Sollten Fiebermedikamente für Kinder komplett ausgehen, müssten sie nach Rezept eines Arztes hergestellt werden. „Das ist aber teuer und aufwändig.“

Lieferprobleme bei Arzneimitteln: Apotheker warnen vor Hamsterkäufen von Fiebersäften für Kinder

Lebenswichtige Medikamente müssen wieder in Europa produziert werden, sagt Ursula Funke, Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen.
Lebenswichtige Medikamente müssen wieder in Europa produziert werden, sagt Ursula Funke, Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen. © Ursula Funke/nh

Der Bedarf an solchen Medikamenten ist „überproportional gestiegen“, sagt Claudia Flohr-Schaible von der Rosen-Apotheke in Wolfhagen. Das könnte an der aktuellen Erkältungs- und Coronawelle liegen. Zäpfchen und Schmelztabletten seien aber auch in der Wolfhager Apotheke vorhanden. Für Kinder gibt es jedoch keine geeigneten Alternativen zu den Wirkstoffen Ibuprofen und Paracetamol bei Fieber, sagt Flohr-Schaible.

Hamsterkäufe sind nicht nötig

Viele Kunden haben in der Apotheke mit Herz in Hofgeismar schon Fiebersäfte auf Vorrat gekauft, berichtet Inhaberin Cordula Markowski. Davon rät sie allerdings ab. „Wenn jemand Fiebermedikamente akut benötigt, ist nichts mehr da.“ Zudem seien diese nur begrenzt haltbar. Von Hamsterkäufen rät auch Ursula Funke, Präsidentin der hessischen Landesapothekerkammer, ab. Besonders bei Arzneimitteln, die rar sind, sei Bevorratung fatal: „Das ist ein Ritt auf der Rasierklinge.“

Auch im Altkreis Kassel fehlt es an Fiebersaft und Fieberzäpfchen für Kinder, sagt Gerhard Peter, Inhaber der Falken-Apotheke in Kaufungen. Die Nachfrage sei ungewöhnlich hoch: „Wir haben jetzt einen so hohen Medikamentenbedarf wie zur Erkältungszeit im Winter.“ Mit Blick auf die kältere Jahreszeit fällt Peter auf, dass die Bevorratung für einige Produkte bereits gestrichen wurde. „Das ist ein längerfristiges Problem“, sagt der Inhaber.

Das bestätigt auch Karim Ragab, Inhaber der Löwen-Apotheke in Vellmar: „Die Medikamentenlieferung ist über die ganze Palette hinweg schwierig, das hat sich in den letzten vier Wochen verschlimmert.“ Auch gängige Produkte, die sonst verfügbar waren, könnten nicht mehr geliefert werden.

Fiebersäfte für Kinder sind nicht lieferbar – „Es geht um die Gesundheit“

Apotheken haben es momentan schwer, Medikamente wie Fiebersäfte für Kinder oder bestimmte Beta-Blocker zu bekommen. Angesichts der Erkältungs- und Coronawelle könnte das zum Problem werden.

„Momentan haben wir 120 Positionen, die nicht lieferbar sind“, sagt Karim Ragab, Inhaber der Löwen-Apotheke in Vellmar. Darunter seien auch Blutdrucktabletten und Nasensprays für Kinder. Ragab vermutet, dass unterbrochene Lieferketten, der Rohstoffmangel und die aktuelle Coronasituation Gründe für die Engpässe sein könnten. Es gebe aber einen erhöhten Medikamenten-Bedarf, der mit der Erkältungszeit im Herbst und Winter zu vergleichen sei.

Fehltage haben seit Juni stark zugenommen: Die Anzahl der arbeitsunfähigen Mitarbeiter ist im Juli im Landkreis deutlich höher als im Vorjahr. Erkrankungen der Atemwege sind eine häufige Ursache – das Bild zeigt symbolisch Medikamente und eine Krankmeldung.
Wegen Corona gibt es auch bei Medikamenten Lieferprobleme. Betroffen sind unter anderem Fiebersäfte für Kinder und Beta-Blocker. © Damai Dewert

Lebenswichtige Medikamente sollten wieder vermehrt in Europa produziert werden

Ähnliches berichtet auch Ursula Funke, Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen. Das größte Problem sei, dass Medikamente nicht mehr in Europa produziert würden. Arzneimittel würden zum Beispiel in Indien hergestellt, Arzneistoffe in China. Wenn dort Chargen verloren gehen oder Schiffe im Hafen festhängen, sorgt das für Lieferverzögerungen und -ausfälle. „Wir sagen seit Jahren, dass die Produktion für lebenswichtige Medikamente wieder nach Europa geholt werden muss“, sagt Funke.

Der Mangel eines bestimmten Wirkstoffs gegen Brustkrebs habe das Anfang des Jahres erneut bestätigt. Dieses lebenswichtige Medikament müsse über fünf Jahre hinweg eingenommen werden. Als es dann nicht mehr am deutschen Markt verfügbar war, musste es zeitweise aus anderen Ländern importiert werden, wo es noch vorrätig war.

Das sei aber mit hohen Kosten und einem großen Aufwand verbunden gewesen. Funke appelliert daher an die Politik, es müsse angesichts der Produktionsstandorte ein Umdenken stattfinden. „Es geht um die Gesundheit“, betont sie.

Cordula Markowski, Inhaberin der Apotheke mit Herz in Hofgeismar, warnt angesichts des Mangels an Fiebersäften für Kinder vor Hamsterkäufen.
Cordula Markowski, Inhaberin der Apotheke mit Herz in Hofgeismar, warnt angesichts des Mangels an Fiebersäften für Kinder vor Hamsterkäufen. © Tanja Temme

Null-Covid-Strategie in China beeinflusst Produktion von Medikamenten

Auch einige Beta-Blocker, die bei Bluthochdruck verabreicht werden, sind rar. Doch das sei laut Funke nicht so problematisch wie der Mangel an Paracetamol- und Ibuprofenhaltigen Schmerzmitteln. Denn für die betroffenen Beta-Blocker gebe es ausreichend Alternativen. Schwierig werde es nur, wenn Menschen Medikamente zuhause in Massen lagern. „Der eine hat 300 Tabletten zuhause, der andere, der sie dringend braucht, bekommt dann keine.“

Neben Beta-Blockern und Fiebersäften seien auch viele weitere Medikamente von Lieferproblemen betroffen. Das bestätigt Cordula Markowski, Inhaberin der Apotheke mit Herz in Hofgeismar. Ein großes Problem sei auch die Null-Covid-Strategie in China. Wegen der hohen Infektionszahlen gab es dort etliche Lockdowns und die Produktion stand zeitweise still.

Ob der Ukraine-Krieg sich ebenfalls auf die Lieferschwierigkeiten auswirkt, kann Markowski nicht sagen. „Es gibt bisher nur Vermutungen und keine Daten, die das belegen.“ Es sei aber generell der Fall, dass Kriege oder blockierte Häfen dazu beitragen, dass Lieferketten unterbrochen würden. (Natascha Terjung/Denise Dörries)

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